Cybermobbing – Wie weit reicht das Problem und was ist dagegen zu tun?

Mobbing ist in allen Gesellschaftsschichten verbreitet, in den Medien wird das Thema häufig im Kontext mit dem Berufsleben sowie im Zusammenhang mit dem Alltag von Kindern und Jugendlichen in und außerhalb der Schule thematisiert. Seit einigen Jahren ereignen sich zunehmend häufiger persönliche Angriffe und Diffamierungen im Internet („Cybermobbing“). Was ist unter dem Begriff Cybermobbing zu verstehen und welche Möglichkeiten gibt es für Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern, gegen diese Attacken vorzugehen?

Das Phänomen Mobbing – Begrifflich schwer zu fassen und einzugrenzen

In der Forschung ist das Phänomen (Cyber)Mobbing umstritten. Es gibt eine Reihe von wissenschaftlichen Definitionen, der Begriff bleibt jedoch weiterhin schwammig. Das grundsätzliche Problem ist, dass das Phänomen Mobbing nur schwer greifbar ist: Wann fängt Mobbing an, wann hört es auf? Zählen Beleidigungen und verletzende Sprüche bereits zum Mobbing? Im Kern fokussiert sich die Mehrzahl der wissenschaftlichen Betrachtungen auf feindselige Äußerungen und Handlungen, denen eine Person längerfristig ausgesetzt ist. Dies wirf eine Reihe weiterer Fragen auf: Was ist konkret unter der Bezeichnung „längerfristig“ zu verstehen? Welches Ausmaß müssen die Angriffe erreichen, damit von Mobbing die Rede sein kann?

 

Cybermobbing – Eine neue Dimension des Mobbings

Durch die Nutzung neuer Medien bzw. sozialer Netzwerke erhält Mobbing diesem Artikel in der FAZ zufolge eine ganz neue Dimension. Im virtuellen Raum gibt es zahlreiche und vielfältige Möglichkeiten, einer Person oder ihrem Ruf zu schaden: Intime oder peinliche Fotos und Videoclips, egal ob echt oder absichtlich erstellt („gefakt“), werden über soziale Netzwerke (Facebook, Twitter etc.), Videoplattformen (YouTube, Vimeo, MyVideo, Clipfish etc.) oder Chatrooms schnell verbreitet. Besonders unangenehm ist zum einen, dass die Fotos oder Videos gespeichert werden können, demnach lautet ein häufig aufgeführter Warnhinweis: „Das Internet vergisst nicht“. Zum anderen können auch Eltern, enge Freunde, Lehrer oder Arbeitgeber von den kursierenden Inhalten Notiz nehmen. In einigen Fällen wissen die Opfer nicht, wer dafür verantwortlich ist. Da auch ein vermeintlich enger Freund der Auslöser des Problems sein kann, kann Cybermobbing auch das Vertrauen in persönlichen Beziehungen belasten.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen „traditionellem“ Mobbing und der Hetze im Internet ist, dass die Opfer beim Cybermobbing nicht fliehen können. Das Nutzen von Online-Diensten ist für viele Menschen aus ihrem Alltag nicht mehr wegzudenken. Selbst wenn die gehänselte Person sich aus den „Tatorten“ im Internet fernhält, kann es passieren, dass sie früher oder später entweder in der realen Welt darauf angesprochen wird oder auf anderen Wegen zufällig davon Kenntnis erhält. Auch ein Umzug oder ein Schulwechsel können das Problem nicht immer aus der Welt schaffen – jeder einmal im Internet veröffentlichte Inhalt kann auch Jahre später noch in einer Suchmaschine auftauchen. Die unten aufgeführte Statistik verdeutlicht, dass Cybermobbing in seinen unterschiedlichsten Ausprägungen in den letzten Jahren zu einem ernstzunehmenden Problem geworden ist.

 

Quelle: JIM-STUDIE 2014 – Jugend, Information, (Multi-)Media, Seite 40.

 

Umfassende Studie zum Phänomen Cybermobbing

Eine Studie der Universitäten Münster und Hohenheim hat sich umfassend mit dem Phänomen Cybermobbing auseinandergesetzt. Im Rahmen des von Oktober 2012 bis September 2015 durchgeführten Forschungsprojekts ist der Fokus auf die Bestimmung der Einflussfaktoren und spezifischen Ablaufmuster, speziell im Hinblick auf die Lebenswelt von Jugendlichen, gelegt worden. Hierzu sind Jugendliche und Lehrer an verschiedenen Schulen (Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien) nach ihren Erfahrungen mit verschiedenen Ausprägungen von Mobbing im Internet befragt worden. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich Schüler in den meisten Fällen durch beleidigende E-Mails gemobbt fühlen. Ein weitere zentrale Erkenntnis der Studie lautet: Letztlich hängt es von der individuellen Persönlichkeit ab, ob ehrverletzende Handlungen und Äußerungen als Mobbing angesehen werden. Einige Personen empfinden bestimmte persönliche Angriffe als sehr belastend, während andere hiermit augenscheinlich oder tatsächlich besser umgehen können.

Was können die Betroffenen gegen Cybermobbing tun?

Beleidigungen, Belästigungen, Bedrohungen sowie die Verletzung der Persönlichkeitsrechte durch die unerlaubte Veröffentlichung von Fotos oder Filmen haben im Internet die gleichen strafrechtlichen Konsequenzen zur Folge wie im realen Leben. Kinder und Jugendliche können das Risiko, von einer Cybermobbing-Attacke betroffen zu sein, senken, indem sie im Netz sensibel mit ihren persönlichen Daten umgehen. Diese Aussage trifft grundsätzlich auf jeden Internetnutzer zu.

Insbesondere der Umgang mit Fotos und Videos ist an dieser Stelle anzuführen. Wenn auf einer Veranstaltung Fotos gemacht werden, die eine Person in einer „unvorteilhaften“ Pose zeigen, sollte darauf bestanden werden, dass diese Fotos nicht im Internet veröffentlicht werden. Ein Beispiel ist das Ablichten einer Person mit einem alkoholischen Getränk auf einer Party sowie anzügliche Gesten.

 

Vorsicht bei Diskussionen und Streitigkeiten im Netz

Beim Bewegen in der virtuellen Welt ist es ratsam, sich auf sozialen Netzwerken oder anderen Plattformen nur auf Diskussionen einzulassen, wenn diese sachlich geführt werden. Darüber hinaus sollte sich nicht an Streitigkeiten oder hetzerischen verbalen Auseinandersetzungen beteiligt werden. Es sollte sich in jedem Fall offen gegen jegliche Form des Mobbings ausgesprochen werden, zudem sollten Betroffene im Bekanntenkreis dabei unterstützt werden, sich gegen die Attacken wehren zu können. Nachfolgend sind einige konkrete Tipps für Kinder und Jugendliche aufgeführt:

  • Datenschutz und Privatsphäre

Es sollten grundsätzlich nicht zu viele persönliche Informationen auf Online-Plattformen weitergegeben werden. Hierzu zählen der genaue Wohnort, die Schule, die Mobilfunknummer sowie Passwörter jeglicher Art.

  • Inhalte vor dem Veröffentlichen im Internet überprüfen

Vor dem Veröffentlichen von Fotos und Videos im Internet sollte überprüft werden, ob diese zum Auslöser von Mobbing-Attacken jeglicher Art werden können. Soll ein Foto von einer anderen Person online gestellt werden, ist vorher ihr Einverständnis einzuholen.

  • Schnelle Hilfe einholen

Wenn eine Person Opfer einer Cybermobbing-Attacke wird, ist schnelles Handeln gefragt, damit sich die Inhalte und Gerüchte nicht weiter verbreiten können. Hier nehmen vor allem die Eltern des Opfers eine wichtige Rolle ein.

 

Was können die Eltern des Opfers tun?

Viele Kinder und Jugendliche wenden sich bei Problemen, die mit der virtuellen Welt und ihren verschiedenen Anwendungen zu tun haben, häufig gar nicht oder zu spät an ihre Eltern. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Entweder fürchten Kinder auf Unverständnis ihrer Eltern zu treffen oder sie haben Angst vor einem Internetverbot oder ihnen sind die Beleidigungen und veröffentlichten Inhalte unangenehm und peinlich. Aus diesen Gründen sollten Eltern in erster Linie ein ernsthaftes Interesse für die Belange und Probleme ihrer Kinder zeigen und sich möglichst umfassend darüber informieren, was ihre Sprösslinge im Internet unternehmen.

In einem ausführlichen Beitrag mit dem Titel „Kinder und Internet – Social Media Tipps für Eltern“ sind anhand von zehn Fragen Hinweise und Tipps erläutert, wie Eltern ihre Kinder im Umgang mit dem Internet und speziell im Hinblick auf soziale Netzwerke unterstützen können. Die Fragen drehen sich zum einen um die Möglichkeiten für Eltern, die Medienkompetenz ihrer Kinder zu schulen. Zum anderen wird auf die Aspekte Datenschutz und Privatsphäre im Internet eingegangen. Des Weiteren ist erläutert, welche Rechte Kinder und Eltern im Internet sowie speziell bei der Nutzung sozialer Netzwerke haben.

  • Den Vorfall umfassend und präzise dokumentieren

Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass das Kind über einen längeren Zeitraum Opfer von verbalen Angriffen oder anderen Formen des Cybermobbings ist, sollte jeder einzelne Vorfall möglichst umfassend dokumentiert werden. Dies umfasst das Einholen sämtlicher Informationen über die Täter sowie über die Plattform, über die das Mobbing stattfindet. Das Erstellen von Screenshots von beleidigenden Inhalten und das Speichern von E-Mails und Chat-Nachrichten liefern stichhaltige Beweise und unterstützen eine eventuell zu tätigende Anzeige.

  • Den Betreiber der Online-Plattform informieren

Im Anschluss an das Dokumentieren sollte der Betreiber des jeweiligen Online-Dienstes, auf dem sich die Vorfälle ereignet haben, informiert werden. Hierbei ist es wichtig, möglichst viele und detaillierte Informationen zu liefern. Der Betreiber ist dann zum Löschen entsprechender Inhalte aus seinem Angebot verpflichtet. Sollte sich der Betreiber weigern, empfiehlt es sich, eine externe Beschwerdestelle zu kontaktieren, z.B. das Kompetenzzentrum für den Jugendschutz im Internet (www.jugendschutz.net). Hierbei handelt es sich zwar um keine Behörde, aber das Zentrum arbeitet mit gesetzlichem Auftrag, dieser ist im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) verankert.

Wie schwierig der Umgang mit diffamierenden Inhalten ist, zeigt sich aktuell anhand der Debatte um die Verbreitung von Hasskommentaren über das soziale Netzwerk Facebook, unter anderem im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise.

  • Mit den Betroffenen über die Vorfälle sprechen

Bevor eine Anzeige erstattet wird, ist es ratsam, das Gespräch mit den Betroffenen – Täter sowie potenziell andere Opfer – zu suchen. In den meisten Fällen liegen die Wurzeln der Vorfälle im persönlichen Umfeld der Kinder und Jugendlichen. Wenn die Täter identifiziert werden können, sollte das Gespräch mit deren Eltern und auch mit der Schule gesucht werden. Viele Eltern sind selbst entsetzt über das Verhalten ihrer Kinder. Wird das Problem im familieninternen Kreis aufgearbeitet, kann dies die Angriffe stoppen.

  • Anzeige erstatten

Gehen die Attacken dennoch weiter, kann eine Strafanzeige gegen den oder die Täter erstattet werden. Dies sollte generell im Falle massiver Beleidigungen und Drohungen sowie bei schwerwiegenden Persönlichkeitsverletzungen in Betracht gezogen werden. Hierbei ist es wichtig, wie unter Punkt 1) erläutert, dass die Vorfälle zuvor möglichst umfassend und präzise dokumentiert worden sind. Dies unterstützt das weitere Vorgehen seitens der Polizei und Staatsanwaltschaft.

 

Anlaufstellen und Hilfsangebote für Eltern in Netz:

http://www.fsm.de

http://www.jugendschutz.net

http://schau-hin.info

http://www.watchyourweb.de

http://www.klicksafe.de

 

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