Angehörigenpflege – zwischen Beruf und Familie

Die wenigsten Menschen möchten im Alter in einem Heim leben oder sich von fremden Menschen betreuen lassen.

Oft kümmern sich deshalb die Angehörigen um den Pflegebedürftigen. Doch eine Person im eigenen Zuhause zu pflegen, ist eine nicht zu unterschätzende Herausforderung. Der Zeit- und Arbeitsaufwand ist immens und nicht jeder ist dieser zusätzlichen Belastung körperlich und psychisch gewachsen. Vor allem Berufstätigen fällt der Spagat zwischen Familie, Pflege und Job sehr schwer. Gesetzesänderungen, welche Anfang 2015 in Kraft traten, sollten die Angehörigen nun unterstützen. Doch was genau hat es damit auf sich und wie kann der Einzelne entscheiden, ob er sich der Mammutaufgabe der häuslichen Pflege gewachsen fühlt?

Einen Angehörigen Zuhause zu pflegen, ist eine ganz besondere Herausforderung

Häusliche Pflege in Deutschland – Zahlen und Fakten

Die meisten Menschen wünschen sich, im Alter noch selbstständig im eigenen Zuhause leben zu können, wie die nachstehende Statistik zeigt:

Die meisten Menschen möchten auch im Alter selbstständig im eigenen Zuhause leben (Quelle: © TNS Emnid / In: Statista)

Für lediglich 15 Prozent der Befragten wäre der Umzug in ein Seniorenheim im Alter denkbar. Immer mehr pflegebedürftige Personen werden deshalb innerhalb ihrer eigenen vier Wände von einem ambulanten Pflegedienst oder auch von ihren Angehörigen betreut. Wie dem Portal www.wohnen-im-alter.de zu entnehmen ist, gilt in Deutschland der Grundsatz, dass eine häusliche Pflege im Normalfall Vorrang vor einer teil- oder voll stationären Unterbringung hat.

Neue Gesetze sollen den Spagat zwischen Pflege, Familie und Beruf erleichtern

Eine Person im ihrem Zuhause zu pflegen oder sie aus Pflegegründen im eigenen Zuhause aufzunehmen, stellt meist eine große Belastung für die Angehörigen da. Um Angehörige künftig mehr zu entlasten, wurde ein Gesetz zu besseren Vereinbarkeit von Pflege, Familie und Beruf beschlossen. In Kraft trat es Anfang 2015. Welche Rechte und Regelungen nun gelten, ist dem Ratgeber „Angehörigenpflege – Gesetz bietet Chance zur Entlastung“ zu entnehmen. Die wichtigsten Punkte in Kürze:

Arbeitnehmer, welche sich kurzfristig um die Organisation einer neuen Pflegesituation bemühen müssen, haben Anspruch darauf, von ihrem Arbeitsgeber bis zu zehn Tage freigestellt zu werden. Dies war auch früher schon der Fall. Nach Erlassung des neuen Gesetzes ist es nun aber so, dass die Betreffenden während dieser Zeit der Freistellung einen Anspruch auf Pflegeunterstützungsgeld haben. Auf diese Weise kann der durch die Freistellung bedingte Verdienstausfall zumindest teilweise kompensiert werden. Weiterhin haben Arbeitnehmer die Möglichkeit, sich bis zu einem halben Jahr von ihrer Arbeitsstelle freistellen zu lassen oder Teilzeit zu arbeiten. Dies wird als sogenannte Pflegezeit bezeichnet. Neu ist, dass die Betreffenden für diesen Zeitraum ein zinsloses Darlehen anfordern können, welches ihnen dabei hilft, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, bis die Erwerbstätigkeit wieder aufgenommen werden kann. Beantragt werden, kann dieses Darlehen beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, kurz BAFzA. Dieses Darlehen kann bis zur Hälfte des Nettogehalts abdecken und wird in monatlichen Raten ausgezahlt.Ebenfalls neu ist das Recht auf Familienpflegezeit. Dieses besagt, dass Arbeitgeber ihre Arbeitnehmer künftig für bis zu zwei Jahre freistellen müssen, wenn diese sich um einen pflegebedürftigen Angehörigen kümmern möchten, sofern eine Mindestarbeitszeit von 15 Stunden pro Woche geleistet wird. Auch in diesem Fall können Betroffene ein zinsloses Darlehen beim BAFzA beantragen. Erwähnt werden muss jedoch, dass diese Regelung nur in Betrieben mit mindestens 25 Angestellten greift.


Entscheidung über die häusliche Pflege muss gemeinsam getroffen werden

Einen Angehörigen zuhause zu pflegen, ist eine sehr herausfordernde und zeitintensive Aufgabe, welche Kraft und Nerven kostet und den Einzelnen dazu zwingt, die eigenen Bedürfnisse öfter einmal zurückzustellen. Die Vereinbarkeit mit den sonstigen familiären Verpflichtungen und dem Beruf gestaltet sich nicht immer leicht. Auch die anderen im Haushalt lebenden Personen sind gefordert und müssen sich umstellen. In die Entscheidung, ob ein Angehöriger ins eigene Zuhause geholt und dort gepflegt wird, müssen deshalb alle betroffenen Familienmitglieder einbezogen werden. Nicht nur finanzielle Aspekte dürfen dabei Betrachtung finden, auch die persönlichen Wünsche und Ängste jedes Einzelnen sind miteinzubeziehen. Nicht zuletzt natürlich auch die der zu pflegenden Person selbst, sollte diese in der Lage sein, ihre Wünsche äußern zu können.

Checkliste zur Hinterfragung der persönlichen Motivation

Die persönlichen Beweggründe der Bereitschaft zur häuslichen Pflege sollten genau hinterfragt werden

Wie bereits erwähnt, kann die häusliche Pflege eines Angehörigen den Pflegenden schnell an seine körperlichen und psychischen Grenzen bringen. Deshalb ist es entscheidend, dass diejenige Person, die sich entscheidet, die Hauptverantwortung für den Pflegebedürftigen oder die Pflegebedürftige zu übernehmen, sich ihre eigenen Motive im Vorfeld deutlich macht. Denn nur mithilfe der richtigen Motivation wird es gelingen, die Pflege dauerhaft nicht nur als belastend, sondern auch als bereichernd zu empfinden. Hierzu ist es hilfreich, sich folgende Fragen vollkommen ehrlich zu beantworten:


Anforderungen an die Wohnsituation

Am einfachsten lässt sich die häusliche Pflege natürlich dann mit Familie und Beruf vereinbaren, wenn der Pflegebedürftige mit in die eigenen vier Wände einzieht. Wichtig ist, die Wohnsituation mit allen Beteiligten genau durchzusprechen und zu überlegen, welche Option die beste wäre. Gibt es beispielsweise eine Einliegerwohnung, in welche die pflegebedürftige Person ziehen kann oder muss ein Zimmer im Erdgeschoss freigeräumt werden? Ist vielleicht ein Umzug der ganzen Familie in eine größere und barrierefreie Wohnung nötig?

Doch was bedeutet barrierefreies Wohnen eigentlich? Anbei die wichtigsten Fakten:

Barrierefreies Wohnen bedeutet erst mal nicht unbedingt, dass große bauliche Maßnahmen unternommen werden müssen. So kann es bereits ausreichen, mögliche Stolperfallen, wie Teppiche oder Flurläufer, zu beseitigen, um das Risiko eines Sturzes zu minimieren. Ebenfalls ein gewisses Unfallrisiko bergen glatte oder unebene Böden, ein ungünstig angebrachter Türstopper, lose liegende Kabel oder Telefonschnüre oder instabile Möbel. Sitzt der Pflegebedürftige im Rollstuhl, sind natürlich ganz andere Umbaumaßnahmen erforderlich. So müssen in vielen Häusern die Türen verbreitet und eventuelle Höhenunterschiede ausgeglichen werden. Auch ein Treppenlift kann dann sinnvoll sein. Kann der Pflegebedürftige alleine laufen, ist die Anbringung eines zweiten Handlaufs an der Treppe empfehlenswert. Zudem sollte die Wohnung nicht mit Mobiliar überladen sein, denn das schränkt die Bewegungsfreiheit ein. Eine ebenerdige Dusche und eine Wanne mit erleichtertem Einstieg sowie eine behindertengerechte Toilette komplettieren die Umbaumaßnahmen.

Eine behindertengerechte Toilette

Haltegriffe sind überall in der Wohnung sinnvoll, damit sich der Pflegebedürftige bei seinen Tätigkeiten abstützen kann. Diese können zum Beispiel neben der Toilette, in der Dusche, im Flur oder an der Balkontür angebracht werden. In den einzelnen Räumen sollten zudem Sitzmöglichkeiten bereitstehen, auch im Flur, sodass sich der Betreffende bei Erschöpfung sicher hinsetzen und ausruhen kann. Genauso dient solch ein Stuhl im Flur auch dem leichteren Anziehen der Schuhe. Um dem Pflegebedürftigen das Hinsetzen und Aufstehen zu erleichtern, sollten die Sitzmöbel auf seine Körpergröße angepasst sein. In der Küche können Gegenstände, die der Pflegebedürftige häufig nutzt, griffbereit in seiner Höhe platziert werden und ein Hausnotruftelefon sorgt dafür, dass er sich, wenn sonst keiner Zuhause ist, im Zweifelsfall Hilfe holen kann.Das Pflegezimmer muss entsprechend eingerichtet und gestaltet werden, sodass sich der Pflegebedürftige dort wohl und geborgen fühlt. In Bezug darauf müssen verschiedene Dinge beachtet werden. Zum einen sollte das Zimmer nicht zu abseits und isoliert vom täglichen Leben der anderen Familienmitglieder sein. Gleichzeitig muss es dem Betreffenden aber auch ausreichend Ruhe bieten und darf nicht zu weit entfernt von Bad und Toilette sein. Es sollte warm, hell und gut zu lüften sein und Platz für alle nötigen Utensilien, wie Gehhilfe, Krücken oder Rollstuhl bieten. Persönliche Erinnerungsstücke, wie Fotos an den Wänden oder Mitbringsel aus dem ehemaligen Zuhause sowie eine gemütliche Einrichtung sorgen dafür, dass sich der Pflegebedürftige in seinem neuen Reich so wohl wie möglich fühlt.

Worauf es bei der häuslichen Pflege weiterhin ankommt, kann dem Ratgeber zum Thema häusliche Pflege des Bundesgesundheitsministeriums entnommen werden. Dort erhalten Interessierte unter anderem Informationen zur Ernährung, der Körperpflege, dem Pflegebett und verschiedenen medizinischen Themen, wie Inkontinenz, Blindheit oder Schwerhörigkeit.

Entlastung und Hilfsangebote für pflegende Angehörige

Pflege will gelernt sein. Deshalb empfiehlt es sich, dass die pflegende Person vorab einen Pflegekurs besucht, in welchem sie alle wichtigen Fakten und Vorgehensweisen erlernt. Von der Pflegekasse werden in diesem Zusammenhang unentgeltliche Schulungen angeboten, welche Betroffene auf die häusliche Pflege vorbereiten. Damit sich auf Dauer keine Überlastung einstellt, ist es wichtig, dass sich pflegende Angehörige möglichst schnell um Unterstützung und Hilfe bemühen. Dabei kann es sich zum Beispiel um einen ambulanten Pflegedienst, eine Haushaltshilfe oder „Essen auf Rädern“ handeln. Auch bei gemeinnützigen Vereinen kann angefragt werden, ob zeitweise ehrenamtliche Helfer bereitstehen. Wer dennoch merkt, dass ihm die Pflege über den Kopf wächst, kann sich in einer Selbsthilfegruppe die nötige psychische Unterstützung holen.

 

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