Ansprache von Helma Orosz zum Auftakt der Menschenkette

„Es erfüllt mich mit Freude, dass auch heute wieder so viele Menschen gekommen sind, um sich in die Menschenkette einzureihen. Es macht mich stolz, dass wir alle hier sind, um ein Zeichen zu setzen.“, so Helma Orosz +++

Ansprache der Oberbürgermeisterin Helma Orosz zum Auftakt der Menschenkette

Liebe Dresdnerinnen und Dresdner,
liebe Gäste unserer Stadt,

es erfüllt mich mit Freude, dass auch heute wieder so viele Menschen gekommen sind, um sich in die Menschenkette einzureihen. Es macht mich stolz, dass wir alle hier sind, um ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen dafür, dass wir die Opfer von Krieg, Verfolgung und Völkermord nicht vergessen. Ein Zeichen dafür, dass wir Dresdens Beitrag am Nationalsozialismus nicht verdrängen.

Die Menschenkette wird in wenigen Minuten wieder einen Weg durch unsere Stadt markieren.
Ein Weg, der uns verbindet und der deutlich macht, dass wir es nicht zulassen, dass zerstörerische Kraft nationalsozialistischer Ideen wieder in unserer Stadt Raum gewinnt.
Eine Frage wird mir rund um den 13. Februar sehr häufig gestellt: Wie könnt ihr der Zerstörung Eurer Stadt erinnern, wie könnt ihr der Toten des Bombenangriffs gedenken, wo doch so viel Gräuel, so viel Gewalt und Hass von Deutschland ausgegangen sind? Wie passt das zusammen?

Ich glaube es ist wichtig, dass wir dieser Frage nicht ausweichen. Denn es ist eine unzweifelhafte Tatsache, dass Dresden keine unschuldige Stadt war. Die Flagge der Nationalsozialisten wehte hier vor dem Rathaus, genauso wie im Rest der Stadt. Juden und deren nichtjüdische Angehörige, Sinti und Roma, Gewerkschafter und Sozialdemokraten wurden in Dresden vor den Augen der Öffentlichkeit schikaniert, misshandelt und abtransportiert. Die weltberühmten Galerien wurden von den Dresdnern selbst nach entarteter Kunst durchforstet und im Sinne der Nazis gesäubert.

In Dresden wurden Waffen für den Krieg gefertigt und Zwangsarbeiter in Lagern gehalten. Das alles geschah nicht versteckt und heimlich. Es war für jeden sichtbar. Und niemand kann und darf diese Tatsache heute ignorieren. Auch die Angriffe am 13. und 14. Februar ändern nichts daran.
Zeugnis über die Schuld die unserer Stadt auf sich geladen hat, legt in besonderer Weise die Ausstellung „Schuhe von Toten“ im Militärhistorischen Museum ab, die ich heute früh besucht habe. Im Katalog zur Ausstellung wird über folgende Begebenheit berichtet:

Als der ausgebombte Polizeibeamte Franz Harry Schnaubelt am 16. oder 17. Februar 1945 vom Stadtrand kommend zu seinem zerstörten Haus in die Innenstadt ging, bemerkte er in seiner Wohnstraße zwei Männer und eine Frau, die aus einem Keller stiegen. Sie trugen Koffer mit Adressaufklebern des Nachbarhauses und waren Ausländer. Obgleich die Frau den Polizeibeamten flehentlich bat, sie laufen zu lassen, fesselte er die beiden nne . Der Frau gab er zu verstehen, dass sie gehen könne, doch sie blieb bei ihren Freunden.

Zwischenzeitlich hatte sich eine aufgebrachte Menschenmenge um die kleine Gruppe versammelt, vor allem Frauen bewarfen die drei Fremden mit Steinen. Von einem zufällig vorbeikommenden Feldwebel erhielt Schnaubelt sechs Patronen für seine ungeladene Dienstwaffe. Daraufhin schoss er auf seine am Boden sitzenden Gefangenen, da sie noch atmeten, wurden sie von den Umstehenden gesteinigt.

Wenn wir uns an den 13. Februar erinnern, dann gedenken wir an die Opfer eines furchtbaren Luftangriffs der tausenden Männern, Frauen und Kindern das Leben kostete. Aber wir wählen nicht den einfachen Weg. Unser Erinnern beginnt nicht mit dem 13. Februar und es endet nicht damit. Der Weg unseres Gedenkens führt uns zu den Opfern der Nazis nach deren Machtergreifung, er führt zu den brennenden Synagogen und zu den Toten des Krieges, den Deutschland mit dem Angriff auf Polen begann.

Dieser Weg lässt uns an Coventry, St. Petersburg und die vielen Städte denken, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Dieser Weg des Erinnerns erspart uns nicht den Blick in die Gaskammern von Auschwitz.

Die Menschenkette mag manchem vielleicht nur wie ein Symbol erscheinen. Aber für mich ist es auch Teil dieses schweren Weges den wir gehen – den wir gehen müssen. Noch immer sind Nazis am heutigen Tag in unseren Straßen unterwegs. Noch immer werden Menschen in unserem Land angegriffen.

Und das, weil sie eine andere Herkunft haben, eine andere Hautfarbe oder Religion. Solange dies geschieht, so lange die braune Saat an irgendeinem Ort aufgeht und unsere Demokratie und die Würde aller Menschen in Gefahr ist, so lange ist unser Weg nicht zu Ende.
Es waren drei Menschen, die im Februar 1945 in unseren Straßen starben. Nicht durch Bomben oder Feuer, sondern durch unvorstellbaren Hass.

Wenn wir uns gleich die Hände reichen, wird unser Weg auch sie mit einschließen.

Quelle: Landeshauptstadt Dresden

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