Bis Ostern bleibt das Heizhaus kalt

Chemnitz (dapd-lsc). Das Sächsische Eisenbahnmuseum (SEM) hatte einst große Pläne.

Ein Themenpark Eisenbahn von europäischem Rang sollte in dem ehemaligen Bahnbetriebswerk Chemnitz-Hilbersdorf entstehen. Das riesige Gelände mit zwei Ringlokschuppen, einer imposanten Fahrzeugflotte und zahlreichen original erhaltenen Anlagen schien dafür beste Voraussetzungen zu bieten. Doch jetzt klebt ein Schild am Tor: „Aus betrieblichen Gründen mussten wir uns entschließen, das Museum ab 23.12.2011 bis voraussichtlich Ostern 2012 zu schließen.“

An Wochenenden werkeln Hobby-Eisenbahner in den Werkstätten, versuchen vor allem die museumseigene Dampflok für Sonderfahrten wieder flott zu machen. Deren Kesselfrist, eine Art TÜV-Zertifikat für Lokomotiven, war 2009 abgelaufen. Die mehreren hunderttausend Euro für eine Überholung im Dampflokwerk Meiningen hat der Trägerverein des Museums nicht.

„Finanziell war das Jahr 2011 für uns eine Katastrophe“, sagt der bisherige Museumsleiter Holger Drosdeck. Die Heizkosten im vorigen strengen Winter, ein Defekt in der veralteten Elektroanlage und ein Wasserrohrschaden hätten zu Betriebskosten geführt, die durch nichts gedeckt gewesen seien. Hinzu kämen die monatlich vierstellige Pacht an die Bahn für einen Großteil der Fläche und weitere Kosten.

Schließlich sei nur die Entlassung aller Mitarbeiter bis auf einen und vorübergehende Schließung übrig geblieben. Ein Hilferuf erging zunächst an die Stadt. Der Kulturausschuss machte Ende Januar 20.000 Euro zusätzlich locker. Die institutionelle Förderung von zuletzt 25.000 Euro soll in diesem Jahr erhöht werden.

Der Verein will auch auf die Deutsche Bahn AG zugehen. Bislang hielten das die Museumseisenbahner für sinnlos. „Dort sitzen heute andere Leute, vielleicht hat ja ein Umdenken eingesetzt“, hofft Drosdeck. Anders als im konzerneigenen Museum in Nürnberg, das eine Ausstellung glänzender Fahrzeuge biete, sei in Chemnitz Eisenbahngeschichte authentisch erlebbar. Daran müsse die Bahn ein Interesse haben.

Keine Chance gibt er einem Verbund einschlägiger Museen. „Das ginge nur professionell und mit ordentlicher Grundfinanzierung durch den Freistaat“, sagt Drosdeck. Er glaube, dass es in Sachsen kein politisches Interesse an Eisenbahnmuseen auf einem hohen Niveau gebe. Dabei sei Chemnitz mit der Lokomotivbautradition eines Richard Hartmann mehr als prädestiniert für ein, vielleicht auch staatliches, sächsisches Eisenbahnmuseum.

Geld vom Freistaat kann das SEM aber offenbar nicht erwarten. „So lange der Verein nicht bereit ist, nach den internationalen Standards für Museen zu arbeiten, können wir nichts tun“, sagt die Leiterin der Landesstelle für Museumswesen, Katja Margarethe Mieth. Aus ihrer Sicht handelt es sich eher um einen Freizeitverein, dessen Mitglieder Spaß am Eisenbahn fahren haben. Wissenschaftliche oder Bildungsarbeit finde nicht statt.

„Die Krise war absehbar“, sagt Wolfgang Vogel. Er ist Vorsitzender des Fördervereins Eisenbahnfreunde Richard Hartmann und gehörte zu den geistigen Vätern des Themenparks. Aufgrund unterschiedlicher Interessenslagen kam es zur Trennung vom Museum. Vogel zweifelt, ob ein ehrenamtlicher vierköpfiger Vorstand bei 220 Mitgliedern und mehreren Fachsparten den Anforderungen gerecht werden kann.

Sein weitaus kleinerer Verein macht vor, wie man mit klaren Aufgabenstellungen und Begeisterung ein verloren geglaubtes technisches Denkmal zum Leben erwecken kann. Im Frühjahr soll die europaweit einmalige Seilablaufanlage des einstigen Rangierbahnhofs Hilbersdorf zu Demonstrationszwecken wieder funktionieren. „Da muss es eben sein, dass man ständig um Fördermittel kämpft und Massen von Papier bearbeitet“, sagt Vogel. Und man müsse mit allen Mitgliedern ständig reden, um sie zur aktiven Mitarbeit zu bewegen.

Vogel und der ebenfalls aus dem Trägerverein ausgetretene Jochen Schubert begrüßen die Unterstützung des SEM durch die Stadt und glauben an die Zukunft des Museums. Er habe noch Ideen ohne Ende, sagt Schubert, der zu den SEM-Gründern gehört. Es sei zu einem richtigen Museum zu entwickeln, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen würden. Die auf Flächen beider Vereine befindliche Seilablaufanlage könnte ein Symbol für einen neuen Anfang werden. Einen Kooperationsvertrag gibt es schon.

(http://www.sem-chemnitz.de )

dapd