Boot soll auf Platz vor der Oper zerschellen

Chemnitz - Zwei Professoren aus Chemnitz planen ein aufsehenerregendes Projekt im Rahmen der Kulturhauptstadtbewerbung. Die Betreiber der Kunsttankstelle an der Zwickauer Straße wollen ein Boot an einem Kran 50 Meter nach oben ziehen und an einem öffentlichen Ort in Chemnitz zerschellen lassen. 

Im Gespräch ist dafür der Platz vor der Oper. Danach sollen die Teile kartographiert und im Industriemuseum wieder angeordnet werden. Die Aktion ist Teil ihrer neuen Ausstellung in der „Bo(o)tschaften vom Mittelmeer“.

Crash and Reconstruction ist eines von 14 Mikroprojekten, das es in die nächste Förderrunde geschafft hat. 32.000 Euro werden an die Akteure ausgeschüttet, gemeinsam finanziert von Chemnitz2025 und dem Klub 2025, einer Initiative der Wirtschaft zur Unterstützung der Bewerbung. Das Programm unterstützt seit 2017 kreative Ideen aus Chemnitz, die den Bewerbungsprozess zur Kulturhauptstadt befeuern sollen. Die Empfehlungen der Jury-Bewertung haben dabei neue Impulse für die Auswahl der Mikroprojekte gegeben. Ganz wichtig für die Stadt: auch in Zeiten von Kontaktbeschränkungen durch die Corona-Pandemie können alle 14 Veranstaltungen stattfinden und sollen das kulturelle Leben in allen Stadtteilen beleben.

Chemnitz ist als letzte sächsische Stadt im Rennen um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025 und hat damit im Dezember Dresden und Zittau hinter sich gelassen. Bis Ende Oktober kann die Stadt noch zeigen, was in ihr steckt. Die 14 Mikroprojekte finden also im alles entscheidenden Sommer statt. Am 28. Oktober entscheidet die Jury, welche deutsche Stadt den Titel tragen darf.

Und das sind die Projekte im Einzelnen:

* Jugend im öffentlichen Raum
Die Veranstaltungsreihe will mit verschiedenen Events über den Sommer junge Menschen zwischen 10 und 27 Jahren ansprechen und das gesellschaftliche Miteinander beleben. Neben einem „KickerActionDay“, soll es ein Grafittiprojekt „SprayDay“, eine „KüFa OpenAir“(Küche für alle) oder eine „Sport-Bus-Tour“ geben.

* Crash and Reconstruction
Flucht und Vertreibung bilden die Hintergründe für dieses Projekt: Unter großen Gefahren, doch voller Hoffnung, überqueren Flüchtende auf brüchigen Booten das Mittelmeer. Von Wagnis, Scheitern, aber auch neuen Anfängen wird erzählt, wenn ein marodes Holzboot zerschellt, die Trümmerteile dann exakt kartografiert und schließlich an einem
anderen Ort wieder angeordnet werden.

* Der fliegende Sessel
Diese Veranstaltungsreihe ist im doppelten Sinne offen: Die offene Lesebühne lädt zum Platznehmen und Vorlesen ein. Zudem landet der fliegende Sessel in wechselnden, interessanten offenen Häusern, die so von Lesenden und Zuhörenden kennengelernt werden können. 

* T.U.C. Racing Autonomes Fahren
Der studentische Verein will autonomes Fahren – made in Chemnitz – auf die Straße bringen und entwickelt einen autonom fahrenden Rennwagen. In das Projekt sind außerdem die Firmen der CADA involviert.

* Sehe ich anders – Das Festival der Meinungsverschiedenheit
Am 5. September 2020 laden die Projektmacher zum Bürgerdialog im Stadtzentrum von Chemnitz. An etwa 40 Tischen werden jeweils vier Bürger*innen die Möglichkeit haben, in einem moderierten, aber ungezwungenen und wertschätzenden Setting zu jenen Themen ins Gespräch zu kommen, die sie aktuell beschäftigen. Die Ergebnisse werden dokumentiert, wissenschaftlich ausgewertet und der Stadtentwicklung von Chemnitz zur Verfügung gestellt.

* 100 Meter Sommer
Im Winter geboren – und mittlerweile auch im Sommer beliebt – wird das Nachbarschaftsfest auf Initiative von Händlern, Gaststätten- und Kneipenbetreibern von der Weststraße, die Franz-Mehring-Straße entlang bis zur Kreuzung Rudolf-Marek-Straße veranstaltet. Und wenn ein Kiez in Gemeinschaft mit allen Gästen feiert, lebt die Idee einer europäischen
Kulturhauptstadt.

* MicroArts
Vier Räume – vier parallele Kunstperformances – keine länger als 20 Minuten. So die Versuchsanordnung in diesem Projekt. Die Performances werden jeweils sechsmal wiederholt und sollen als geistiger Impuls für eine kritische Auseinandersetzung in den anschließenden Pausen dienen. Ein intensives Kulturerlebnis zu gesellschaftlichen Themen.

* Digitaler Historischer Stadtatlas
Das partizipative Projekt möchte online einen „Atlas“ aufbauen, in dem entzerrte historische Karten auf moderne Karten aufgelegt („georeferenziert“) werden, sodass ein direkter Vergleich ermöglicht wird. Außerdem kann der Atlas mit einem GPS-fähigen Gerät (also jedem Smartphone) wie ein Navigationsgerät benutzt werden: Der eigene Standort
wird dann direkt in einer Karte von (z.B.) „um 1600“ oder von 1990 angezeigt. Jeder kann sich am Aufbau beteiligen oder „nur“ die Ergebnisse betrachten.