Britische Oldtimerfans begeistern sich für den Trabant

St Leonards/Zwickau (dapd-lsc). Eine Fahrt auf den Brocken war es, die Clive Gross zum begeisterten Trabant-Fan machte.

„Wir saßen zu viert im Trabi eines Freundes“, erinnert sich der 46-Jährige, der in Südengland lebt. „Es war im Winter 1994, die modernen Viertakter hatten alle Probleme auf der verschneiten steilen Straße. Wir aber kamen vorwärts“, erzählt er stolz.

Gross – bis dahin auf Designerautos aus den 60er-Jahren eingeschworen – schaute sich nach einem Trabant um und kaufte später in Leicester einen rot lackierten NVA-Trabi. Er peppte ihn mit einem neuen Faltdach und neuen Sitzen auf und verpasste ihm einen dunkelgrauen Look. Wenn er mit seinem Trabant heute die Uferpromenade seines Heimatorts St Leonards entlang düst, fühlt er maximalen Fahrspaß, wie er sagt: „Man glaubt, viel schneller zu sein als man es wirklich ist. Das ist das beste Auto, was ich je hatte“, ist Gross überzeugt.

Auch im Land von Jaguar, Rolls-Royce und Mini gibt es Trabant-Liebhaber und einen Fanclub mit derzeit etwa 150 Mitstreitern: „Viele leben im Süden und der Mitte Englands, doch auch in Schottland, Wales, in Irland und den USA haben wir Mitglieder“, sagt Richard Hemington. Er ist im Vorstand des „Wartburg Trabant IFA Club UK“, der bereits 1969 als „Wartburg Owners Club“ in Großbritannien gegründet wurde.

Damals exportierte die DDR den Wartburg auch nach Großbritannien, natürlich mit Rechtssteuerung. Inzwischen ist der Verein Heimat für alle, die DDR-Autos mögen – und die Trabis dominieren zahlenmäßig. Man hilft sich bei Reparaturen, trifft sich zu Autoshows, und einige der Fans waren auch bei Trabant-Treffen in Zwickau vor Ort.

Briten sind generell sehr begeistert von Oldtimern – und für sie biete der Trabi einen Vorteil, wie Hemington erklärt: „Er ist preiswerter als andere Klassik-Autos, und teilweise bekommt man leichter Ersatzteile als für einen alten britischen Wagen.“

Zweitakter genießen beim britischen TÜV in Sachen Abgasen eine Ausnahmeregelung. Zudem existieren keine Feinstaubzonen, die wie in deutschen Städten Trabis und Wartburgs zwangsweise stilllegen. Der Zwickauer Wagen sei auf der Insel zudem immer noch etwas Exotisches und löse Neugier aus.

„Man kommt mit Leuten ins Reden, mit denen man sonst nie Kontakt hätte“, weiß Grant Carruthers aus eigener Erfahrung. Der Grafikdesigner stieß bei Recherchen zum Thema DDR-Design auf den Trabant und fährt bereits seinen zweiten Zweitakter: „Helga Nummer zwei“ ist ein 601 de luxe, Baujahr 1986, mit caprigrüner Karosse und weißem Dach, den Carruthers in Liverpool kaufte.

Schon auf Carruthers Website erfährt man, dass „Helga“ wohl mehr ist als nur ein schnödes Gefährt ist: „Ich lebe in Newcastle upon Tyne mit meiner Frau, Kind und einem Trabant“, schreibt er da. Seine japanische Frau und sogar seinen zweijährigen Sohn hat er mit seiner Begeisterung angesteckt: „Er ruft manchmal ‚Trabi, Trabi‘ und krabbelt gern auf den Fahrersitz“, erzählt der 37-Jährige. Das einzige Problem beim Trabi: das Überholen. Doch nicht weil das Auto vielleicht zu langsam ist, fügt Carruthers hinzu – sondern weil man im Linksverkehr quasi auf der falschen Seite sitzt und schlechtere Sicht nach hinten hat.

Für den Trabant von Julia und Nick Proud sind lange Touren eher Vergangenheit. „Er kam 1993 aus Pasewalk mit her und war vollgepackt bis unters Dach“, erzählt die Englisch- und Deutschlehrerin. Sie arbeitete damals für ein Jahr als Sprach-Assistentin an einer Schule in Felixstowe. Später blieb sie in Großbritannien – und mit ihr auch der Trabant, für den inzwischen auch ihr Mann Nick sein Herz entdeckt hatte. Jetzt wird der im Oktober 1989 ausgelieferte, sehr gut erhaltene Wagen eher für kleinere Familienfahrten genutzt.

Mit Extras wie günstigen Versicherungen wollen die britischen Zweitakt-Fans neue Mitglieder für ihren Klub gewinnen: „Vor einigen Jahren waren wir mal 250 Mann, doch Internetforen oder Ebay sind inzwischen für viele ein Ersatz, wenn sie Ratschläge zum Reparieren oder günstige Ersatzteile suchen“, sagt Richard Hemington vom Vorstand. Im Gegenzug setzt der Klub auf persönliche Begegnungen und will kleinere Treffen in einzelnen Regionen anstoßen – aber auch international: „Zu unserem Haupttreffen im September in Nordengland sind Trabant-Fans aus Deutschland und anderen Ländern herzlich willkommen“, lädt Richard Hemington ein.

dapd