Chemnitzer Kaßberg-Gefängnis – Verhandlungen mit Investor stocken

Eine lange Schlange von Chemnitzern bildete sich am Samstagnachmittag vor dem ehemaligen Kaßberggefängnis.

Das Interesse an der Eröffnungsveranstaltung der „Tage des offenen Tores“ war so groß, dass Einige sogar abgewiesen werden mussten.

Aus Brandschutzgründen kann immer nur eine begrenzte Anzahl von Besuchern in die ehemalige Justizvollzugsanstalt eingelassen werden.

Das Gefängnis wurde 1886 als Königlich-Sächsische Gefangenenanstalt gebaut.

Während des Nationalsozialismus wurden politische Gegner und Juden inhaftiert und anschliessend in Konzentrationslager verbracht.

Nach der NS-Zeit wurde das Gefängnis dann zunächst von der sowjetischen Besatzungsmacht genutzt.

In den 1950er Jahren nutzte das Ministerium für Staatssicherheit das Gebäude als Untersuchungshaftanstalt.

Bis 1989 wurden von diesem Ort aus mehr als 30.000 politische Gefangene von der BRD gegen Devisen freigekauft und in Bussen in das Notaufnahmelager nach Gießen gebracht.

Mit diesen dunklen Kapiteln der deutschen Geschichte beschäftigen sich die Projekttage, die eine Gruppe von Studentinnen und Studenten organisiert hat.

Verschiedene Ausstellungen beleuchten dabei Abschnitte der Gefängnishistorie wie beispielsweise den Häftlingsfreikauf.

In anderen Zellen wurde ehemaligen Häftlingen und anderen Betroffenen, wie z.B. Opfern von Zwangsadoption, Raum für ihre eigene Auseinandersetzung mit ihren Erinnerungen gegeben.

Einer der eingeladenen Zeitzeugen war Wolfgang Looß.

Der 1928 in Chemnitz Geborene wurde nach Kriegsende unter dem Generalverdacht der „Partisanentätigkeit“ von der Sowjetarmee verhaftet und ins Kaßberggefängnis gebracht.

Er erinnert sich noch mit Schaudern an die damaligen Haftbedingungen.

Interview: Wolfgang Looß, ehemaliger Häftling des Kaßberggefängnisses

Über das Speziallager Bautzen wurde er zur Zwangsarbeit nach Sibirien deportiert und konnte erst 1952 nach Grüna zurückkehren.

Ein anderer prominenter Häftling ist Wolfgang Lötzsch. Der Radsportler verweigerte in den 1970er Jahren den SED-Eintritt und stellte einen Ausreiseantrag. 1976 wurde er von der Stasi verhaftet und saß knapp ein Jahr im Kaßberggefängnis in U-Haft.

Auch wenn er mit seinem persönlichen Schicksal im Reinen ist, so setzt er sich doch dafür ein, dass die Unterdrückung in der DDR nicht in Vergessenheit gerät.

Interview: Wolfgang Lötzsch, ehemaliger Häftling des Kaßberggefängnisses

Nach seiner Haft setzte Lötzsch Ende der 80er Jahre seine Radsportkarriere fort und wurde 1992 sogar Deutscher Meister im 100km-Mannschaftsfahren.

Wie lange noch derartige Veranstaltungen stattfinden können, ist derzeit unklar.

Die SPD-Landtagsabgeordnete Hanka Kliese, die auch im Vorstand des Vereins „Lern- und Gedenkort Kaßberggefängnis“ tätig ist, wünscht sich, dass das Gebäude als lebendiger Erinnerungsort erhalten bleibt.

Der Freistaat Sachsen möchte den Gefängniskomplex gern verkaufen, die Verhandlungen mit einem möglichen Investor stecken allerdings offenbar in einer Sackgasse.

Sicher ist: in die Erhaltung der Bausubstanz müsste ein zweistelliger Millionenbetrag gesteckt werden, ein Museum wäre wohl kaum rentabel zu führen.

Dennoch wäre der Erhalt des historisch bedeutsamen Baus wichtig, betonen vor allem die Zeitzeugen.

Interview: Wolfgang Lötzsch, ehemaliger Häftling des Kaßberggefängnisses

Die „Tage des offenen Tor“ werden noch bis zum Mittwoch mit Führungen und weiteren Aktionen fortgesetzt.

Weitere Informationen zum Programm sind auf der Internetseite www.projekt.gedenkort-kassberg.de zu finden.