Die Erben der Katastrophe

Sachsens Tschernobyl-Initiativen hoffen nach Fukushima auf mehr Spenden

Radeburg (dapd-lsc). Ein Frühlingstag am See: Alina und Irina drehen auf Inlinern und Roller ihre Runden, Artjem und Danila spielen Tischtennis, die anderen Kinder toben auf dem Spielplatz. Eine typische Ferienlager-Idylle – wenn man nicht genauer hinsieht. Denn die Gebäude des 1928 eröffneten Kinderkurheims Volkersdorf sind marode, die Holzverkleidungen der Fassaden morsch, in den Wänden sitzt der Schimmel. „Das sind eigentlich Gartenhäuschen, mehr nicht“, sagt Robert Busch, ein Mitarbeiter des Kurheims.

Seit 20 Jahren kommen Kinder aus dem südlichen Weißrussland in das Radeburger Heim, aus jener Region, die nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl von der radioaktiven Wolke besonders stark getroffen wurde. Seit zehn Jahren finanziert sich das Heim allein aus Spenden.

Alle vier Wochen kommen 50 neue Kinder mit ihren Lehrerinnen. Sie werden rund um die Uhr betreut , bekommen drei Mahlzeiten täglich, unternehmen Ausflüge – ein enormer Aufwand. Um die 20.000 Euro lägen die laufenden Kosten pro Monat, sagt Robert Busch.

In den vergangenen Jahren stand das Heim mehrfach vor dem Aus. „Die Luft wird immer dünner“, sagt Immobilienmanager Thomas Vetter, der sich seit einigen Monaten im Förderverein engagiert. Das Thema Tschernobyl habe sich mit der Zeit „etwas totgelaufen“.

Anderen Hilfsinitiativen in Sachsen geht es ähnlich. Sie berichten von sinkender Spendenbereitschaft, abnehmendem Medieninteresse, der weitverbreiteten Ansicht, dass Tschernobyl nicht mehr aktuell sei.

So makaber es auch ist: Die Katastrophe in Japan lässt nun leise Hoffnung aufkommen. Laut Madlen Förster vom Tschernobylkinder-Erholungsheim in Hartenstein, das jeden Monat 13 Kinder aus Weißrussland beherbergt, haben sich einige ehemalige Sponsoren wieder gemeldet. „Ob wirklich mehr Spenden kommen, wissen wir Ende des Jahres“, sagt Jörg Mitscherlich vom Taubenheimer Verein Gumpo.

Das Heim in Volkersdorf kann sich zumindest über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen: Zwei Fernsehsender seien kürzlich dagewesen, erzählt Thomas Vetter. Das hängt sicher mit Fukushima zusammen und mit dem 25. Jahrestag von Tschernobyl, aber auch damit, dass der Verein in Vetter einen neuen Fürsprecher mit einem Händchen fürs Networking hat.

Vetter steht in einem der kleinen Schlafräume, in dem sich die Betten dicht an dicht reihen. Es ist unangenehm feuchtwarm. Im Winter, erzählt er, komme man nur mithilfe zusätzlicher Ölradiatoren auf 16 Grad Raumtemperatur – was die laufenden Kosten zusätzlich in die Höhe treibt. So bleiben die 100.000 Euro, die das Heim für eine notdürftige Sanierung bräuchte, unerschwinglich. Der Betrieb sei vorerst nur bis Juni gesichert.

Die Kinder scheinen den Schimmel, den blätternden Putz und die undichten Dächer nicht zu bemerken. „Ich habe erwartet, dass wir in einem schönen kleinen Dorf wohnen werden, aber es ist sogar noch schöner“, sagt die neunjährige Irina. Die junge Lehrerin Olga Zolotuchina, eine der vier ehrenamtlichen Betreuerinnen, sieht die Mängel, aber meint: „Hauptsache, den Kindern gefällt es.“ Und die Luft sei in jedem Fall besser als im bis heute strahlenbelasteten Gomel, etwa 150 Kilometer von Tschernobyl entfernt.

Im Vergleich haben die Kinder von Volkersdorf, so zynisch es klingt, noch Glück gehabt. Sie sind nicht sterbenskrank wie die Kinder, um die sich der Gumpo e. V. in einer Krebsklinik und einem Schwerstbehindertenheim in Minsk kümmert. Doch auch Thomas Vetter berichtet von Immunschwäche, Herz-Kreislauf- oder Schilddrüsenerkrankungen.

Für die Sieben- bis Zehnjährigen ist die Katastrophe, die geschah, als ihre Eltern in etwa so alt waren wie sie jetzt, noch immer präsent. „Tschernobyl, das ist eine tote Stadt“, sagt der neunjährige Artjem. Das habe er auf Fotos gesehen. Seitdem es dort eine Explosion gegeben habe, sei die Luft vergiftet: „Da darf man gar nicht atmen.“

„Wäre das nicht passiert, würde es uns heute besser gehen“, sagt sein Kumpel Danila. Aber weiter will er darüber jetzt gerade nicht nachdenken: Die nächste Partie Tischtennis wartet.

dapd