Die Leiche aus dem Franziskanerkloster – Auf den Spuren eines Thrillers aus dem Spätmittelalter

Dresden - Bei Ausgrabungen im ehemaligen Franziskanerkloster Annaberg-Buchholz in den Jahren 2016 – 2017 stießen die Archäologen des Landesamtes für Archäologie Sachsen unter anderem auf 28 Bestattungen. 15 davon lagen im gut erhaltenen Kreuzgang des Klosters, die anderen 13 innerhalb der Klosterkirche. Unter letzteren entdeckten die Forscher einen Toten (Grab Nr. 20), der schwerste Hiebverletzungen am Hinterkopf aufwies. Sofort hatten die Archäologen den Verdacht, dass sie hier ein Mordopfer vor sich hatten und begannen umfangreiche Recherchen im Annaberger Stadtarchiv. Im Landesamt haben die Archäologen am Freitag über die Hintergründe informiert.

„Wir verdanken es der Kombination verschiedener Fachdisziplinen, dass wir uns dem Rätsel um diesen außergewöhnlichen archäologischen Fund nähern konnten. Die Ergebnisse der Untersuchungen von Archäologen, Anthropologen und Historiker geben hinreichenden Anlass zur Vermutung, dass wir diese Bestattung tatsächlich mit einem archivalisch übermittelten Vorgang am Beginn des 16. Jahrhunderts in Verbindung bringen können, der seinen dramatischen Höhepunkt schließlich in Annaberg fand,“ schildert Dr. Regina Smolnik, Landesarchäologin des Freistaats Sachsen.

 

Der in Grab Nr. 20 liegende ältere Mann war nach Feststellung der Berliner Anthropologin Dr. Bettina Jungklaus, die alle Skelettfunde aus dem Kloster untersucht hat, vermutlich mit einer Axt von hinten erschlagen worden. Bei den historischen Recherchen stellte sich heraus, dass es sich bei dem Erschlagenen nur um den Kaufmann Johann Wengemeyer handeln kann, der laut dem Annaberger ‚Urfedebuch‘ (d. i. Annaberger Gerichtsakten) im Mai des Jahres 1514 ermordet worden war und in der Franziskaner-kirche bestattet wurde. Der wohlhabende Unternehmer Wengemeyer stammte aus dem oberdeutschen Gebiet und hielt sich mit seiner Frau Barbara in der seinerzeit florierenden Bergstadt Annaberg auf.

© Landesamt für Achäologie

„Die Akten und der Skelettfund geben Zeugnis von einem Gewaltverbrechen, das alle Zutaten zu einem Thriller hat,“ erläutert Dr. Christiane Hemker, Referatsleiterin Südwest Sachsen im LfA. Die beiden Mörder, Wiwolt Tierman aus Nürnberg und sein Geselle Hensel Unger, wurden kurz nach der Tat im Juni bzw. Juli 1514 gefasst. Die Täter waren schnell geständig. Demnach soll Wiwolt Tiermann von dem reichen Nürnberger Patrizier Andreas Tucher über Mittelsmänner eingestellt worden sein, Wengemeyer zu töten. Dafür wurde ihm die enorme Summe von 400 Gulden in Aussicht gestellt, was dem achtfachen Jahreseinkommen eines damaligen Handwerkers entsprach. Die beiden Täter gaben zu, dass sie Wengemeyer auf dem Weg vom Markt zum Kloster aufgelauert hatten und ihn dann in der Klosterstrasse von hinten erschlugen.

Auf Mord stand die Todesstrafe, die im Falle von Tiermann und Unger durch Rädern vollstreckt wurde.

Die Beweggründe für den Mordauftrag, der Andreas Tucher übrigens nie nachgewiesen werden konnte, sind schwer zu fassen. Nach dem Gerichtsprotokoll wurde Wengemeyer vorgeworfen, er habe „falsche brieve geschrieb(e)n“ – hat er vielleicht Dokumente gefälscht? Es muss viel Geld im Spiel gewesen sein, denn der mutmaßliche Auftraggeber war bereit, für den Mord eine große Summe auszugeben. Vielleicht können die wei-teren Recherchen Licht in das Dunkel dieser Verschwörung bringen.