Drama im Kulkwitzer See

Lesen Sie bei LEIPZIG FERNSEHEN Online die Stellungnahme des Tauchsportvereins Leipziger Delphine e.V., des NABU Regionalverbandes Leipzig e.V. und von Freunden des Sees: „Erste Tauchgänge im Jahr 2010 waren für uns schockierend!“, berichten Mitglieder des Tauchsportvereins Leipziger Delphine e.V. „Der Zustand des Sees ist ein Drama. Es ist unter Wasser nur noch eine Sand- und Dreckwüste zu sehen“, resümiert Dr. Joachim Weiß, der Leiter der Biogruppe des Tauchvereins am 2.4.2010.

“Es gibt in ein bis zehn Metern Tiefe kein grünes Leben mehr. Wir haben weder Pflanzen finden noch Fische sichten können. Die Sichtweiten verschlechtern sich seit Jahren kontinuierlich“, sagte Matthias Fäller am 10.4.2010. „Massen von Kot der Wasservögel, der sich auf Eis- und Schneefläche über den Winter abgelagert hat, löste sich nach der „Eiszeit“ in der Wassersäule auf. Die Kiesfläche am Einstieg ist mit Sediment bedeckt, was aus Ablagerungen in der Wassersäule resultiert. Das Kiesbett müsste nach der Winterruhezeit des Sees sauber sein. Bereits beim Einstieg in das Wasser nahmen wir einen leichten modrigen fischartigen Geruch wahr, der auf dem See liegt. Dieser entsteht bei Sauerstoffarmut in einem Gewässer. Andre Starke erklärt „bei Tauchgängen wurde durch unsere Biologen wiederholt festgestellt, dass Fische, die in unterschiedlichen Tiefen und nicht zusammenleben, wie Barsch, Hecht, Amurkarpfen sich auf Grund des Sauerstoffmangels auf einer Ebene im Wasser Platz suchen.“ Das widerspricht einem
artgerechten Verhalten.

Am 17.4.2010 stellte ein Tauchlehrer aus Bayern, der seit Jahren im Kulkwitzer See taucht und ausbildet, fest: „Ein Besuch im Kulkwitzer See unter den jetzigen Bedingungen rechtfertigt den weiten Anfahrtsweg nicht mehr. Seit Jahren verringert sich die Sicht unter Wasser. Spricht sich die schlechte Wasserqualität unter den Tauchfreunden herum, ist es naheliegend, sich andere Seen für Tauchgänge und Tauchausbildungen zu suchen, da erforderliche Sicherheiten für Taucher, insbesondere oder auch für Tauchschüler nicht mehr gegeben sind.“ Sein Fazit: „Von einem einst besten Tauch –und Badegewässer kann keine Rede mehr sein“. Klares Zeichen der Überdüngung des Sees war 2009 eine deutliche Algenblüte am Grünauer und Markranstädter Ufer. Jeden Winter reißen Blessrallen Pflanzen aus dem See. Reste davon waren deutlich an allen Uferrändern zu sehen. Dadurch werden die Pflanzen- und Armleuchteralgenbestände, die wichtigsten Sauerstofflieferanten im See, stark dezimiert. An einigen Stellen stirbt der See bereits ab. Eine jährliche Vogelkotschicht von mehreren Zentimetern reichert sich im Winter am Grund an. Fotos belegen, dass Vogelexkremente tote Krebse und Armleuchteralgen überdecken, zeigen, dass Pflanzenbestände großflächig absterben und sich
gefährliche Blaualgen massiv ausbreiten.

„ Fäulnisprozesse laufen an, wenn Pflanzen keinen Sauerstoff mehr liefern, das Wasser ist trüber als sonst. Wenn Schlamm aufgewirbelt wird, stinkt es“, erklärt Dr. Kasek, vom NABU, Regionalverband Leipzig e.V. „Jetzt im Frühjahr, wenn das Wasser wieder genug Sauerstoff erhält, wird das zumindest in den oberen Wasserschichten wieder in Ordnung kommen, die tieferen Wasserschichten werden wahrscheinlich verseucht bleiben. Giftstoffe werden freigesetzt, vor allem Schwefelwasserstoff. Das kann dazu führen, dass fast alles höhere Leben abstirbt und das Gewässer wie eine Jauchengrube stinkt, wenn im Frühjahr das Eis taut. Die Ursache ist letztlich die starke Belastung des Sees. Die Gefahr, dass der Kulkwitzer See kippt und Grünau damit sein NAHerholungsgebiet verliert, ist ernster denn je.

Stünde der Kulkwitzer See als wichtigster Standortvorteil nicht mehr zur Verfügung, wären die Folgen für die weitere Entwicklung dieses Stadtteils und z.B. für die Einnahmequelle der Stadt Leipzig aus der Grünauer Infrastruktur unabdingbar katastrophal. Wie lange werden Vermieter noch mit dem Kulkwitzer See werben unter den genannten Bedingungen? Vielfältige fachlich fundierte Untersuchungen, Vorträge, publizierte Beiträge u.v.a.m. wurden in den letzten 10 Jahren veröffentlicht. Fachtagungen oder Unterwasserfotowettbewerbe zu Unterwasserthemen mit Teilnehmern aus ganz Deutschland fanden am See statt. Seit 15 Jahren dokumentiert die Biogruppe des Tauchsportvereins Leipziger Delphine die Veränderungen im See.

Freunde des Sees machten aktiv und mit vielfältigen Aktionen in der zurückliegenden Zeit verstärkt auf den Zustand des Sees aufmerksam – weitere Informationen auf www.kulkwitzersee.com

Für den jetzigen Zustand des Sees nennen NABU Leipzig und Tauchsportverein Leipziger
Delphine folgende vermutliche Ursachen:
– fehlender natürlicher Zu- und Abfluss
– die jetzige Freispiegelleitung, die nur das sauerstoffreiche Oberflächenwasser absaugt /d.h. nur das sauerstoffarme Tiefenwasser bleibt hauptsächlich vorhanden, es findet keine ausreichende Umwälzung statt zwischen sauerstoffreichem – und sauerstoffarmem Wasser. Damit verändert sich der Sauerstoffgehalt des Sees insgesamt negativ. Ein Zusatz zur Freispiegelleitung, der sauerstoffarmes Tiefenwasser ebenfalls absaugt, könnte Lösung bringen.

– Eingewaschene Stickstoffsalze (Stickoxide – Hauptquelle KFZ –) werden in der Luft in
stickstoffhaltige Salze umgewandelt, die dann ins Wasser kommen, etwa 7 bis 9 t reiner
Stickstoff kommen so je Jahr in den See.
– Kot, Urin und abgewaschene Hautcremes u.ä. durch Badende
– Abfälle und Abwasser vom Campingplatz
– Füttern der Wasservögel: führt zu unnatürlich hohen Vogelansammlungen und damit zu
Massen an Kot

„Der jetzige Zustand des Kulkwitzer Sees ist eine ernste Warnung“, setzt Dr. Kasek seine
Ausführungen fort und er fordert:
1. Der Eintrag von Stoffen, die als Dünger dienen, muss vermindert werden, sonst kann am Ende eines der nächsten harten Winter der Kulkwitzer See so aussehen wie jetzt etliche Leipziger Parkteiche.
2. Aufklärung der Bevölkerung: Wasservögelfüttern ist Gewässerverschmutzung. Falls das nicht hilft, muss Bußgeld kassiert werden. Reinhard Gräfe unterlegt dies mit der klaren Forderung nach einem gesetzlich geregelten Fütterungsverbot für Wasservögel für Sachsen. Das Füttern schädigt die Umgebung der Futterplätze und das seien in der Regel die besten Badestellen.
3. Schaffung ausreichend sauberer (!) Toiletten in Ufernähe und nicht nur eine saisonale
Bewirtschaftung
4. Unterlassung aller umweltschädigenden Aktivitäten, die noch mehr Badegäste an den See ziehen – wie z.B. 2009 der Einsatz von Motorbooten nur zu Showveranstaltungen oder der derzeit bekannte Bebauungsplanentwurf 232 , der nicht im Sinne des Sees und der Anwohner ist
5. Mittelfristig Rückverlagerung des Campingplatzes. In einem Streifen von mindestens 100 m vom Wasser entfernt dürfen keine neuen Campingmöglichkeiten und keine Ferienhäuser gebaut werden. Auf diese Entfernung dürfte die Filterkraft des Bodens ausreichen, das Wasser so weit zu klären, dass keine Schadstoffe mehr im See ankommen.

Die Verantwortung des Ostufers obliegt der Stadt Leipzig mit ihren Abteilungen wie Amt für
Umweltschutz, Untere Wasserbehörde, Naturschutzbeirat. Anlieger und Freunde des Sees
möchten konkret wissen, wann sich die Kommune ihrer Verantwortung bewusst wird und, nach dem bereits über 10 Jahre auf den dramatischen Zustand des Sees und seine negativen Veränderungen aufmerksam gemacht wird, endlich Taten sprechen lässt.
Grünauer Stadträte und Stadtbezirksbeiräte sollten ihre Ziele kundtun und umsetzen, den
Kulkwitzer See zu erhalten, zumal Grünauer Stadträte auch im Zweckverband vertreten sind.

Die Vorsitzenden der Stadtratsfraktionen sind spätestens seit 24.3.2010, der Übergabe der
Unterschriftenaktion zum Bebauungsplan 232 der Stadt Leipzig für den Kulkwitzer See im
Leipziger Rathaus an OBM, Herrn Jung, in Kenntnis der ernsten Lage des Sees.
Ebenso sind die Stadt Markranstädt und der Zweckverband Erholungsgebiet Kulkwitzer See gefordert, denn es geht bei der Entwicklung des Sees nicht nur um das Grünauer, sondern auch um das Markranstädter Ufer.

„Der Kulkwitzer See entwickelt sich auch jetzt kurz vor Beginn der Badesaison 2010 ein Stück weiter zum Gülle-See von Leipzig“, resigniert Reinhard Gräfe vom Tauchsportverein Delphin. „Seit Jahren schaffen wir beste Voraussetzungen für umweltbewusstes Tauchen zum Erhalt des Sees. Es gab Projekte, die von Umweltbehörden, Bundeswehr, DLRG, DRK unterstützt wurden. Vertreter der Stadt Leipzig lobten den kristallklaren See. Ich bin entsetzt, traurig, wütend und hilflos zugleich, dass unsere vielfältigen ehrenamtlichen Bemühungen, den See zu erhalten, immer wieder ins Leere laufen und Verantwortliche keine nachhaltig wirksamen Maßnahmen für den Erhalt der Natur ergreifen. Versprechen und Schilder reichen definitiv nicht aus.“

Stellungnahme des Bootsverleihs Wittig am Kulkwitzer See zur aktuellen Situation:
Sehr geehrte Freunde des Kulkwitzer Sees, ich kann nur meinen Unmut, Unverständnis und Enttäuschung über die Reaktionen der zuständigen Verantwortlichen der Stadt Leipzig zum jetzigen Zustand des Sees zum Ausdruck bringen. Ein See, der zu den saubersten und klarsten Seen gehörte, wird durch „Schönreden“ nicht wieder in sein biologisches Gleichgewicht kommen. Seine Attraktion für die Taucher (bundesweit) wird bald vorbei sein, die schönen Ferienwohnungen – der Campingplatz insgesamt, wer soll ihn nutzen? Ein Campingplatz an einem stinkenden See…Mich erinnert die Situation des Sees an den Auensee. Auch er war ein gut frequentierter See. Viele Besucher aus der Stadt nutzten ihn, bis das Wasser zu wenig Sauerstoff hatte, die Fische starben…Aber was soll`s, wir haben doch genügend Seen um Leipzig. Hier muss gebaut, gepflastert usw. werden. Für neue Seen und deren Bewirtschaftung ist offensichtlich genügend finanzieller Spielraum vorhanden. Was interessieren uns die „alten Seen“? Die Wasserqualität wird wöchentlich gemessen und analysiert und auch, bald hätte ich es vergessen, bei Bedarf Sauerstoff zugeführt. Unter dem Wort „Nachhaltigkeit“ verstehe ich etwas anderes.
Aber vielleicht ist der Auensee ein Modellbeispiel für den Kulki? Es entsteht der Eindruck, dass Geld für neue Projekte verschwendet wird, anstatt bereits bestehende Einheiten, Strukturen sinnvoll zu erhalten und auszubauen.
Ingrid Wittig

Stellungnahme des Vereins Leipziger Pinguine e.V. zur aktuellen Situation:
Der Kulkwitzer See – vom Menschen geschaffen – vom Menschen zerstört?
„…Das Kleinod im Leipziger Westen…“
„…das Naherholungsgebiet für Grünau…“
„…einer der wichtigsten Vorteile, die unser Stadtteil seinen Bewohnern bietet…“
…„eines der schönsten Naherholungsgebiete Leipzig…“
„…mit seiner üppigen Flora und Fauna eines der schönsten Tauchgewässer in Mitteldeutschland..“
„…bekannt für seinen Fischreichtum und seine Artenvielfalt…“
„…gehört zu den saubersten und ertragreichsten Angelgewässern der Region…“
„…die klarste Küste Leipzigs…“
„…die Sicht sensationell…“
„…kristallklares Wasser…“
„…Tauchparadies…“ – wir kennen diese Werbespots für unseren Kulki!
Die Mitglieder des Vereins für Winterschwimmen und Langstreckenschwimmen „Leipziger
Pinguine e.V.“ sind glücklich, so eine ideale Trainingsstätte für ihren Sport nutzen zu können. Das gleiche werden uns die vielen anderen Freizeitsportler und Naturfreunde bestätigen, die im, auf und am See zu finden sind. Bei dem von uns jährlich Anfang Dezember organisierten „Anschwimmen“ zur winterlichen Trainingssaison, zu dem wir regelmäßig befreundete andere Winterschwimmervereine oder auch Einzelkämpfer aus ganz Deutschland einladen, hat uns oft genug das freudige Erstaunen der Sportfreunde über die ausgezeichnete Wasserqualität stolz gemacht.

Unsere Vereinsmitglieder haben sich gern für die Erhaltung dieses Status engagiert, indem wir unverbesserliche Vogelfütterer selbst angesprochen haben, um die Problematik der drohenden Wasserverschmutzung zu erklären und indem wir dem jährlichen Aufruf unseres befreundeten Tauchsportvereins „Leipziger Delphine e.V.“ zur Müllsammelaktion am See gefolgt sind. Die Freunde des Sees befürchten nicht zu unrecht, dass das Wasser auf Dauer nicht den Belastungen standhält, die ihm Jahr für Jahr zugemutet werden durch unverantwortliches Verhalten Tausender von Badegästen im Sommer, durch sogenannte Tierfreunde, die durch das Füttern der Wasservögel im Winter viel zu viele Tiere zum Überwintern veranlassen und nicht zuletzt durch Fehler bei der Bewirtschaftung des Sees.
Eine besondere Freude erleben wir Winterschwimmer, wenn sich der See mit einer Eisdecke schließt, die wir dann zum Baden öffnen und wir vor der bizarren Kulisse der aufgetürmten Eisschollen in das eiskalte Wasser steigen können. Dabei wurde in diesem Jahr die hohe Belastung des Sees durch Vogelkot besonders deutlich. Wir konnten ein am Vortag aufgesägtes Eisloch kaum ein zweites Mal nutzen, da dann schon der Seegrund mit dem Kot der unzähligen Wasservögel überdeckt war, die die willkommene offene Wasserfläche gern mitnutzten. Das gleiche Bild bot natürlich auch das Seeufer. Es gab kaum einen Platz ohne Vogeldreck, auf dem wir unsere Kleidung ablegen konnten. Auch die Eisfläche war grün von Exkrementen, die natürlich nach Auftauen des Eises in den See sinken und das Wasser nachhaltig trüben. So bekommen wir jetzt die Quittung für die schon viel zu lange wahrnehmbare Störung des ökologischen Gleichgewichts des Sees in unvorstellbarem Ausmaß – jetzt, kurz vor dem Beginn der Badesaison der Warmbader: Beim Schwimmen erreichte ein modriger Geruch unsere Nasen und die einstigen gigantischen Sichtweiten unter Wasser waren derart geschrumpft, dass wir kaum
noch unsere Füße erkennen konnten! Wann werden die ersten toten Fische am Strand liegen? Trotz der vielen Alarmsignale betreffs der sich schon seit Jahren drastisch verschlechternden Wasserqualität nehmen die Bestrebungen zur weiteren Vermarktung des Sees und des Areals um den See kein Ende. Es sind dringend Lösungsansätze und Investitionen für wirksame ökologische Maßnahmen gefragt und keine ausufernden neuen Bauprojekte, die noch größere Scharen von Badegästen und Urlaubern aus allen Teilen Deutschlands in das Leipziger Naherholungsgebiet locken!
Carmen Puckelwaldt
Pressesprecherin „Leipziger Pinguine e.V.“