DRESDEN FERNSEHEN im Gespräch mit SPD-Politiker Martin Dulig

DRESDEN FERNSEHEN Moderatorin Franziska Wöllner hat am Montag SPD-Landesvorsitzenden Martin Dulig im Politik-Gespräch zu Gast. Sehen Sie hier im Internet unter www.dresden-fernsehen.de das komplette Interview. +++

Der Chef der Landtagsfraktion im Sächsischen Landtag erzählte von seiner Kindheit in der DDR und von seinem Einstieg in die SPD. Dazu nahm er Stellung zur aktuellen politischen Situation und erklärte seine Pläne für die Zukunft. Hier finden Sie Auszüge des Interviews

Franziska Wöllner: Sie sind in der DDR in Plauen geboren und in Moritzburg und Meißen aufgewachsen. Wie haben Sie denn die DDR als junger Mann erlebt?

Martin Dulig: Ich komme aus einem kirchlichen Elternhaus und dort war es bei uns in der Familie so, dass wir als Kinder nicht bei den Pionieren waren, nicht bei den Pionieren waren und deshalb etwas außen standen. Meinen größeren Brüdern ging es dabei noch viel gravierender als mir. Sie waren die einzigen in der Klasse, die nicht bei der FDJ waren. Und dementsprechend nicht die Chancen hatten Abitur zu machen oder zu studieren. Und mir stand eigentlich diese Biografie bevor. Mein einer Bruder ist Schmied geworden, der andere Zimmermann und der Dritte Krankenpfleger. Und ich sollte Steinmetz werden. Weil auch bei mir klar war, ich werde wohl kein Abitur trotz guter Leistungen bekommen. Und dementsprechend nicht studieren können. Nun hatte ich den Vorteil dass wir als wir 1983 nach Moritzburg gezogen sind, in ein Umfeld gekommen sind, wo es noch mehr Leute gab, die ähnlich wie wir in einem kirchlichen Bereich tätig waren und wir als Mitarbeiterkinder eine größere Gruppe in der Klasse waren und wir waren nicht die Dümmsten, wir waren die aktivsten. Die besten Parties waren bei uns. Sodass das Klassenleben bei uns gestaltet worden war und es hat mir viel Spaß gemacht dort tätig zu sein und in meiner Klasse aktiv zu sein. Aber mich hat tatsächlich die friedliche Revolution gerettet.

Franziska Wöllner: Wie alt waren Sie da?

Martin Dulig: Ich war 15 Jahre alt- es war das Alter, in dem es um die Zulassung zum Abitur ging. Und ich habe nachträglich die Zulassung bekommen eine Berufsausbildung mit Abitur machen zu dürfen, eine Ausbildungsform, die ich richtig gut fand und auch heute noch gut finde. Ich würde mich freuen, wenn sie in dieser originären Form auch wieder hätten. Und so bin ich dann 1990 Baufacharbeiter mit Abitur geworden oder hatte das angefangen und konnte durch betriebliche Probleme nicht zu ende führen, habe aber mein Abitur zu ende gemacht.
Aber es ging ja um die Frage DDR. Ich habe sie eher in meinem kirchlichen Bereich, indem ich mich engagiert habe, bei uns in der Jungen Gemeinde und in der Klasse.

Franziska Wöllner: Wie war das im Hause Dulig? Wurde da auch Westradio gehört oder Westfernsehen geschaut? Ist Ihnen da etwas Markantes in Erinnerung geblieben?

Martin Dulig: Ja, das mit dem Westfernsehen war immer ein kleines Problem. ARD außer dem Raum Dresden war höchst selten. .Wir haben jeden Tag Deutschlandfunk gehört. Und viele politische Diskussionen, die bei uns am Frühstückstisch geführt wurden, waren durch das Hören dieses Senders angeregt.

Franziska Wöllner: Ist die Wende für Sie gerade zum richtigen Zeitpunkt gekommen? Auch um in die Politik einzusteigen? Wie war da ihr Werdegang?

Martin Dulig: Wandzeitungen gemacht. Niemand wollte Wandzeitungen machen- Wir haben es gerne gemacht. Aber wir haben sie auch gemacht und genutzt um bestimmte Themen oder Probleme anzusprechen. Wir haben auf die Versorgungsengpässe im Konsum hingewiesen und wir haben die unmenschlichen Verhältnisse bei uns im Altersheim angesprochen.

Franziska Wöllner: Wie ist das angekommen? Ich kann mir vorstellen, dass Sie damit angeeckt sind.

Martin Dulig: Es hat viele Diskussionen losgetreten. Im Frühjahr hatten wir eine Wandzeitung gemacht, wo wir die tatsächlichen Kommunalwahlergebnisse zeigten, die ich von den Unterlagen meines Vaters, der bei der Auszählung dabei war, abkopiert hatte. Und diese hängten wir dann neben die offiziellen Wahlergebnisse.
Die hing dann wirklich nur 20 Minuten und ich musste zum Direktor. Jetzt könnte man sagen: Was für ein Widerstandskämpfer, was für ein Revoluzer, ich habe das nicht als Politik verstanden. Als 15-Jähriger habe ich das eher aus meinem Gerechtigkeitsempfinden heraus gemacht. Für mich war tatsächlich der Schritt, dass das jetzt Politik ist, in den Herbsttagen 1989. Denn als mein großer Bruder bei einer Demonstration eingekesselt und wie es damals hieß zugeführt wurde, 48 Stunden im gelben Elend in Bautzen gesessen hat, habe ich auch als Fünfzehnjähriger verstanden: Jetzt geht es um etwas anderes. Jetzt geht es nicht mehr um die Wandzeitung. Da habe ich verstanden. Jetzt muss man sich engagieren. Und als dann zwei Studierende zu mir gekommen sind und gesagt haben: willst du nicht die Jugendorganisation der SDP aufbauen, da war ich sofort dabei, auch als Fünfzehnjähriger und hab mich seitdem tatsächlich politisch engagiert und es auch als Politik verstanden.

Franziska Wöllner: Und die Entscheidung für die SPD- Wie ist die entstanden?

Martin Dulig: Die lag bei mir relativ nah. Zum einen, weil die Diskussionen, die wir zu Hause geführt haben durchaus angeregt durch den Deutschlandfunk eher pro SPD waren und wir sozialdemokratisch argumentiert haben. Zum anderen glaube ich auch, dass man als Christ das Thema Gerechtigkeit für sich gefunden hat.

Franziska Wöllner: Sie sind sehr engagiert in der Politik, aber auch sie sind auch sechsfacher Familienvater. Wie schaffen Sie das? Bleibt da manchmal etwas auf der Strecke? Entweder die Familie oder die Politik?

Martin Dulig: Das ist schon das Schlechte-Gewissen-Thema bei mir. Ich bin ein Familienmensch und die Zeit, die ich mit ihnen verbringen kann, ist natürlich sehr eingeschränkt. Ich bemühe mich gerade am Morgen, mich um die Kleinen zu kümmern, aber ansonsten reduziert sich das Familienleben jedoch sehr auf das Wochenende. Es ist ein schwieriger Prozess, das alles unter einen Hut zu bringen.

Franziska Wöllner: Als Familienvater sind Sie sicher auch vom Wachstumsbeschleunigungsgesetz begeistert? Beim Stichwort Kindergeld?

Martin Dulig: Das regt mich regelrecht auf. Unter diesen Begriffen wird etwas suggeriert, das nicht statt findet. In Berlin wurden Entscheidungen getroffen, die die Kommunen zwingen Schulden aufzunehmen und dabei ihre Leistungen für die Familien nicht bringen können. Was ist daran gerecht? Das ist eher ein Schuldenbeschleunigungsgesetz. Die angebliche Wohltat des Kindergeld zu erhöhen, ist nicht das Werk dieses Gesetzes, sondern das hat das Bundesverfassungsgericht der Bundesregierung ins Stammbuch geschrieben.

Franziska Wöllner: Und was sagen Sie zur aktuellen Hartz-IV-Debatte?

Martin Dulig: Man muss neidlos anerkennen, dass es Guido Westerwelle gelungen ist von einer Steuerdebatte weg zukommen. Er hat ein neues Thema gesetzt und von dem alten Problem abgelenkt. Nun ist die Frage. Was sagt er und was meint er? Wenn er der Meinung ist, dass Arbeit besser bezahlt werden muss als Sozialleistungen, dann stimme ich ihm zu.
Nur dann muss er konsequenterweise auch für Mindestlöhne sein. Doch das tut er nicht.
Wir müssen eine Wirtschaftspolitik machen, die neue Beschäftigungsfelder erschließt. Wir brauchen neue Arbeitsplätze, damit die Menschen eine Perspektive haben. Wir brauchen eine gute Bildung, damit die Voraussetzungen gegeben sind und die jungen Menschen ihr Leben meistern können.

Franziska Wöllner: Da sind Sie ja schon auf einem guten Weg. Wie wollen Sie die SPD fit machen?

Martin Dulig: Mir ist erst einmal nicht Bange. In den letzten Wochen sind über 200 Leute in die SPD eingetreten. Ich möchte die Leute einladen mitzumachen und damit die Demokratie lebendig gestalten. Es wird eine Öffnung nach außen geben und die Diskussionen sollen öffentlich statt finden.