Dunkle Stimme, Rauschebart und Handy

Dresden (dapd-lsc). Flink wendet Andor Schlegel mit der Zange die Bratwürste auf dem Grill.

Den Rauschebart, den er so liebt, braucht er hier nicht. Auch Weihnachtsmannmütze und -mantel hat er zu Hause gelassen. „Die Zeiten sind härter geworden“, sagt der 44-jährige selbstständige Künstler. Während der Adventszeit steht er viele Stunden an einem Stand auf dem Striezelmarkt. Denn nur von seinen Auftritten kann er nicht leben – schon gar nicht von seinen Einsätzen als Miet-Weihnachtsmann.

Vor vier Jahren kaufte sich Schlegel ein Weihnachtsmannkostüm mit Echthaarperücke und Echthaarbart. Seinen roten Mantel ließ er sich in einer Schneiderei anfertigen. Rund 3.000 Euro zahlte er damals für die Ausstattung. „Ein Fehler“, sagt er heute.

Statt wirklich Umsatz mit seinen Bescherungen zu machen, sind die Auftritte als Weihnachtsmann bis heute ein Hobby für Schlegel geblieben. „Die Leute honorieren den größeren Aufwand einfach nicht“, sagt er. Es gehe nur ums Geld. Die Illusion am Weihnachtsabend solle perfekt sein – doch kosten dürfe sie nichts.

Wer im Internet nach „Dresden“ und „Weihnachtsmann“ sucht, gelangt schnell auf Schlegels Homepage, auf der er seine Dienste anbietet. Für Heiligabend 2011 ist er schon ausgebucht. Fünf Einsätze werden es diesmal sein, sagt er. „Vormittags will ja noch niemand beschert werden und den Abend möchte ich dann doch für mich haben.“ Im vergangenen Jahr hatten ihn im Advent noch einige Firmen für ihre Weihnachtsfeiern gebucht. Diesmal wird er nur am Heiligen Abend in sein Kostüm schlüpfen.

Jeweils eine halbe Stunde nimmt er sich Zeit für die Familien. „Leider kann der Weihnachtsmann nicht singen, nicht jonglieren, nicht bügeln, nicht kochen und auch als Schlangenmensch ist er gänzlich ungeeignet“, schreibt Schlegel auf seiner Homepage. Was er aber könne, sei unterhalten – und das „deutlich besser“ als die Kollegen, die von der Arbeitsagentur vermittelt werden.

Weihnachtsmann Schlegel singt und lässt Gedichte aufsagen. Aus seinem Goldenen Buch liest er mit dunkler Stimme vor, dass der kleine Anton abends immer nicht ins Bett will und Marie ihr Zimmer nicht aufräumen mag. Angst muss aber kein Kind vor ihm haben, denn eine Rute hat Schlegel nie im Gepäck. „Die gehört nicht zum Weihnachtsmann“, sagt er. Dann endlich kann er die Geschenke verteilen, die er zuvor an einem vereinbarten Treffpunkt eingesackt hat. Immer klappt das allerdings nicht. „Im letzten Jahr hat mich eine Familie nicht reingelassen, weil sie mein Klopfen nicht gehört hat“, sagt er. Ein Anruf mit dem Handy rettete Weihnachten am Ende doch noch. „Als Weihnachtsmann muss man sich eben auch an die moderne Technik anpassen.“

Ist das letzte Geschenk verteilt und der Bart beiseitegelegt, muss Schlegel auch schon wieder an die nächsten Projekte denken: Seit 1995 tritt er das Jahr über häufig als Luftballon-Künstler auf Feiern und Festen auf. Sein Flohzirkus dagegen läuft schlecht. Früher arbeitete der gelernte Facharbeiter für Datenverarbeitung auch häufig als Kellner und verkaufte eine Zeit lang Werbung für einen Radiosender. All die Freiberuflichkeit hat ihn viel Kraft gekostet. „Der Druck wird immer größer“, sagt er. „Am liebsten würde ich einfach Montag bis Freitag einem ordentlichen Job nachgehen.“

Sein Weihnachtsmannkostüm würde Andor Schlegel aber wohl auch dann nicht an den Nagel hängen. Aufgeregte Familien und leuchtende Kinderaugen zur Bescherung, sagt er, „das macht einfach Spaß.“

dapd