Ehrenbürgerschaft für Justin Sonder

Chemnitz – Justin Sonder soll in Anerkennung seines Engagements bei der Aufarbeitung der Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten mit der Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Chemnitz geehrt werden.

Die Fraktionsvorsitzenden der Fraktion DIE LINKE, der Fraktionsgemeinschaft CDU/FDP, der SPD-Fraktion, der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Fraktionsgemeinschaft VOSI/PIRATEN sowie die Oberbürgermeisterin schlagen die Würdigung gemeinsam vor. Der Chemnitzer Stadtrat wird über den Vorschlag in seiner Sitzung am 25. Januar 2017 abstimmen.

Aus der Begründung der Einreicher: Insbesondere wird Justin Sonders unermüdliches Engagement gewürdigt, mit  dem er als einer der wenigen Auschwitz-Überlebenden und als einer der letzten Zeitzeugen überhaupt die Erinnerung an die Gräueltaten des nationalsozialistischen Regimes wachhält. Nachfolgenden Generationen vermittelt er auf anschauliche Weise das Ausmaß des Menschheitsverbrechens und die kaum vorstellbare, perfide Maschinerie des Mordens. Zugleich thematisiert er die Verantwortung des Einzelnen innerhalb eines solchen Systems. Damit legt Justin Sonder nicht nur immer wieder Zeugnis ab, sondern bezeugt mit seinem Beispiel, dass Frieden und Demokratie zu allen Zeiten das Mittun der Menschen erfordern. Er hat erlebt, welche grausamen Folgen es haben kann, wenn Ausgrenzung, Hass und Antisemitismus gesellschaftsfähig werden. Die Erinnerung wachzuhalten, damit sich Geschichte nicht wiederholt, daraus speist sich Justin Sonders Motivation.

Justin Sonder wurde am 18. Oktober 1925 in Chemnitz als Sohn einer Hausfrau und eines Kaufmanns und Weinvertreters geboren. Bereits in seiner Kindheit war er mit wachsendem Antisemitismus konfrontiert, erlebte in Chemnitz die Pogromnacht am 9. November 1938.

Später erlernte er den Beruf des Kochs und musste von Herbst 1941 bis Februar 1943 Zwangsarbeit in einem Chemnitzer Rüstungsbetrieb leisten. Am 27. Februar 1943 wurde Justin Sonder verhaftet und ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Dort überlebte er unvorstellbare Zustände, Hunger, Schläge, Zwangsarbeit und insgesamt 17 Selektionen. In mehreren Todesmärschen gelangte Justin Sonder schließlich im April 1945 ins fränkische Wetterfeld, wo er am 23. April 1945 durch die amerikanische Armee befreit wurde. Am 19. Juni 1945 kehrt Justin Sonder gemeinsam mit seinem Vater in seine Heimatstadt zurück, wo er seitdem lebt.

Justin Sonder, der sich 2007 ins Goldene Buch der Stadt Chemnitz eintragen durfte, erhielt im Jahr 2008 den Ehrenpreis des Chemnitzer Friedenspreises. Als mit Christian Wulff im Januar 2011 erstmals ein Bundespräsident in Auschwitz sprach, zählte Justin Sonder zu den Mitgliedern seiner Delegation. Im Jahr 2015 erhielt Justin Sonder die Ehrenmedaille des Internationalen Auschwitz-Komitees. Damit gehört der Chemnitzer zu weltweit rund 400 in dieser Form Ausgezeichneten.

Justin Sonder ist ein gefragter Gesprächspartner, der von Schulen und Vereinen eingeladen wird. Er berichtet seinen Zuhörern von den dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte. Damit leistet er einen wertvollen und unbezahlbaren Beitrag zur Mahn- und Erinnerungskultur. Seit 1997 absolvierte Justin Sonder insgesamt mehr als 500 Veranstaltungen mit Tausenden Schülerinnen und Schülern. Er bringt ihnen bei, Licht im Schatten zu sehen und Handlungsalternativen zu erkennen. Mit seinen Vorträgen über seine Zeit in Auschwitz macht er Geschichte lebendig und greifbar.

Im Alter von 90 Jahren reiste Justin Sonder Anfang dieses Jahres nach Detmold, um im möglicherweise letzten großen Auschwitz-Prozess, in dem er auch als Nebenkläger auftrat, gegen einen ehemaligen Wachmann des Vernichtungslagers auszusagen. Mit seiner Aussage half er, für späte Gerechtigkeit zu sorgen.

(Quelle: Stadt Chemnitz)