Ein Viertel der deutschen Arbeitnehmer ist unzufrieden

Mitarbeiterbefragungen decken Missstände auf und tragen entscheidend zum Erfolg des Unternehmens bei

In der Bild-Zeitung herrscht derzeit Krisenstimmung – ein großer Teil der Belegschaft ist unzufrieden. Das geht aus einer Befragung von fast 900 Mitarbeitern hervor, die der Spiegel am 1. Juni öffentlich gemacht hat. Demnach geben 16 Prozent der Befragten an, ihren Führungskräften nicht zu vertrauen; rund ein Drittel beklagt, kein regelmäßiges Feedback von Vorgesetzten zu bekommen. Jeder Vierte sagt, dass er sein Arbeitspensum innerhalb der vertraglichen Zeit nicht schafft. Nahezu jeder Dritte könne die Mehrarbeit kaum durch Freizeit ausgleichen. Die Chefredaktion ist erstaunt, dass viele Mitarbeiter augenscheinlich „was in sich hineingefressen“ und sich jetzt anonym „zum ersten Mal Luft gemacht“ haben. Sie gelobt Besserung. Chefredakteur Julian Reichelt spricht von einem angestrebten „Comeback des Miteinanders“. Dieser Zustand ist kein Einzelfall in Deutschland.

Knapp jeder vierte Angestellte (23 Prozent) ist hierzulande in seinem Job unmotiviert. Das ist das Ergebnis einer Ende vergangenen Jahres erstellten Studie des Berliner Unternehmens Peakon. 80 Millionen Daten aus Mitarbeiterbefragungen in Deutschland, Dänemark, Großbritannien, Australien, Neuseeland und den USA wurden dafür ausgewertet. Demzufolge sind die Mitarbeiter am zufriedensten in den USA und in Dänemark (je 45 Prozent). Das hänge vor allem mit der Art der Mitarbeiterführung zusammen, die im Vergleich zu Deutschland in diesen Ländern offener sei. Arbeitnehmer hätten mehr Entscheidungsfreiheit und flexiblere Arbeitszeiten. Eine unmotivierte Belegschaft dezimiere die Wirtschaftlichkeit von Unternehmen stärker als allgemein angenommen. So könne sich die Arbeitsleistung halbieren, das Kündigungsrisiko verdoppeln und die Anzahl der Krankheitstage liege um 75 Prozent höher.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sorgen zusätzlich für eine hohe psychische Belastung. 22 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland fühlen sich völlig erschöpft und sehen sich an der Schwelle eines Burnout.

Härtere Wirtschaft

Abgesehen von der seit über einem Jahr herrschenden Ausnahmesituation hat die Komplexität und Härte des Wirtschaftslebens innerhalb der letzten Jahrzehnte deutlich zugenommen. Gründe dafür sind die Globalisierung, eine anhaltende Kapitalmarktschwäche (Niedrigzinsphase), gestiegene Kundenerwartungen, verschärfte gesetzliche Rahmenbedingungen und eine erhöhte Marktdynamik. Dadurch stehen Firmen unter einem erheblichen Kostendruck. Zudem müssen sie sofort auf veränderte Marktsituationen reagieren. Diese Schnelllebigkeit lässt Ängste und Widerstände in der Belegschaft aufkeimen. Die Unternehmensleitung muss das Personals für die notwendigen Neuerungen begeistern können, um sich dessen Loyalität und Motivation zu sichern. Gelingt dies nicht, kann der Verlust von Mitarbeitern oder deren Demotivation die Existenz bedrohen, da eine kompetente Belegschaft der Kern einer jeden Firma ist.

Moderne Führungsinstrumente wie Mitarbeiterbefragungen sollen helfen, die Angestellten auf Neuerungen einzustimmen und ihnen die Möglichkeit geben, bei Veränderungsprozessen mitzuwirken. Schon Karl Marx setzte im Jahr 1880 Mitarbeiterbefragungen ein, um die schlechten Arbeitsbedingungen zu dokumentieren. Heute hat die Befragung meist wirtschaftliche Gründe. Anfang des 20. Jahrhunderts fanden in den USA erste Untersuchungen wie die bekannten „Hawthorne-Studien“ dazu statt. Sie bewiesen den Zusammenhang von Arbeitszufriedenheit und Produktivität sowie von Betriebsklima und Arbeitsmotivation. Das führte dazu, dass der Mitarbeiter nicht mehr als reiner Produktionsfaktor angesehen wurde. Basierend auf diesen Erkenntnissen wurden neue Mitarbeitermodelle und Unternehmensführungskonzepte entwickelt. In Deutschland etablierte sich die Mitarbeiterbefragung etwa Mitte der 1970er-Jahre.

Zeichen der Wertschätzung

Die moderne Mitarbeiterbefragung ist Teil der HR-Software eines jeden Unternehmens. Mit ihrer Hilfe sollen Mitarbeiter partnerschaftlich eingebunden werden. Die Chefetage erfährt so, wo Verbesserungen nötig sind. Beispielsweise können Schwächen in der Kommunikation erkannt und abgestellt werden. Auch lässt sich die Zufriedenheit mit der Höhe des Gehalts prüfen, um eventuelle Anpassungen vorzunehmen. Entscheidungen können zuverlässiger gestaltet werden. Die Mitarbeiterbefragung dient ebenso als Controllinginstrument – etwa nach Abschluss eines Projektes. Darüber hinaus ist sie wichtig für die Außenwirkung der Firma. Ein positives Images zahlt sich auch bei der Personalrekrutierung aus. Mitarbeiterbefragungen unterstreichen das Bemühen der Geschäftsleitung, die Belegschaft an der Entwicklung des Unternehmens teilhaben zu lassen. Sie sind Zeichen der Wertschätzung. Dadurch verringert sich die soziale Distanz zwischen Management und Belegschaft. Dies steigert die Arbeitszufriedenheit und verbessert das Betriebsklima.

Autorin: Cornelia Fiedler