Fast Forward Gewinner 2019 gewählt

Dresden - Am letzten Tag des europäischen Festivals für junge Regie Fast Forward fand die Preisverleihung im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden statt. Die Jury kürte DU SALE! von Marion Siéfert zum Fast Forward Gewinner 2019. Der Preis der Jury des europäischen Festivals für junge Regie Fast Forward besteht in einer Regiearbeit am Staatsschauspiel Dresden.

© Sebastian Hoppe
© Willy Vainqueur

Die Begründung der international besetzen Jury, der in diesem Jahr Anna Fastabend, Mojca Jug, Galin Stoev und Joachim Klement angehören:

„‚Du Sale!‘, ‚Real Shit!‘ ist eine Produktion, die man bisher noch viel zu selten im Theater zu sehen bekommt. Es ist die Geschichte von Tänzerin Janice Bieleu und Rapperin Laëtitia Kerfa aka Original Laeti aus den Pariser Banlieus, die trotz der sozialen Härte ihres Umfelds an ihren Träumen festhalten. Was diese Produktion so besonders macht: Sie ist zum größten Teil autobiografisch.
Begegnet ist Regisseurin Marion Siéfert den beiden Frauen am Centre Dramatique National La Commune in Aubervilliers, das häufig mit Performer*innen außerhalb des klassischen Theaterumfelds zusammenarbeitet. Ein Theater im Norden von Paris, das offen ist und das Interesse hat, seinen Bewohner*innen eine Bühne zu sein. Marion Siéfert fand die Lebensgeschichte und das künstlerische Talent der beiden Frauen beim Casting so bemerkenswert, dass sie ihnen den größtmöglichen Freiraum zur persönlichen Entfaltung gegeben hat. Entstanden ist eine Geschichte, die von Schicksalsschlägen ebenso handelt, wie von deren Perspektive auf die Welt, von Verzweiflung und Wut, aber auch von großer Kreativität und Lebenswillen. Sie entwickelt eine bezwingende Stärke, die einen hoffnungsvoll stimmt.
Dank ihrer aufmerksamen Arbeitsweise ist es Marion Siéfert gelungen, jenseits von Klischees zu operieren. Hier hat man es gerade nicht mit einer Regisseurin zu tun, die sich den gängigen Bildern über Menschen aus Banlieus bedient oder die ihren Darstellerinnen ein vorgefertigtes Regiekonzept überstülpt. Sondern mit einer Theatermacherin, die in der Lage ist, zuzuhören und so einen authentischen Einblick in eine Lebensrealität zu geben, die den meisten Theatergänger*innen unbekannt ist.
Das Resultat ist ein Abend, der zwei ausdrucksstarke zeitgenössische Kunstformen, den Rap und den Litefeet-Dance, ins Theater holt. Neu, frisch, wild, radikal und lustig. Mit komplexen Charakteren, voll Schönheit und Brutalität, voll Lebenshunger und Wut auf die bestehenden Verhältnisse.
Dies ist ermutigend für all diejenigen, die leider immer noch überhört werden, obwohl ihre Perspektive auf die Welt gehört werden muss. Denn warum muss eine Frau Lady Macbeth spielen, wenn sie auch gleich Macbeth sein kann, wie es Laëtitia Kerfa an einer Stelle so treffend formuliert. Und warum muss man so viel Zeit mit längst vergangenen Fiktionen verschwenden, wenn man auch den ‚Real Shit‘ haben kann. ‚Real Shit‘, den Marion Siéfert mit einer präzisen Dramaturgie und wenigen Theatermitteln ganz groß in Szene setzt. Sie scheut sich dabei auch nicht davor, den schwierigen Annäherungsprozess zwischen ihr und den beiden Darstellerinnen zu thematisieren.
Indem sie diesen beiden außergewöhnlichen Frauen die Bühne überlässt, macht sie sie zu den Heldinnen ihrer eigenen Geschichte. Heldinnen, die nicht mehr brauchen, als den Glauben an sich selbst und endlich genügend Raum für die Entwicklung ihrer Kunst.“   

Marion Siéfert,*1987, studierte deutsche Literatur in Lyon und Berlin und erhielt für ihre Promotion ein DAAD-Stipendium am Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft. Hier entstand ihr Solo 2 ODER 3 DINGE, DICH ICH VON EUCH WEISS. Zurück in Paris, entwickelte sie den Monolog DER GROSSE SCHLAF für die Performerin Helena de Laurens. DU SALE ! ist ihre dritte Regiearbeit, uraufgeführt 2019 am CDN La Commune Aubervilliers, dessen assoziierte Künstlerin Siéfert seit 2018 ist.

In Zusammenarbeit mit Fast Forward stiftete das Kulturhauptstadtbüro Dresden 2025 in diesem Jahr für einen der Künstler*innen eine vierwöchige Residenz zum Thema „Neue Heimat“. Die von der Bürgerjury ausgewählte Künstlerin ist Anna Klimešová, die mit der Produktion VLADAŘ am Festival teilnahm. Sie ist nun eingeladen, vier Wochen lang durch Dresden und/oder die Region zu streifen und ein Porträt von Stadt/Land und Leuten in Form einer einstündigen Radiosendung zu zeichnen.

Aber auch die Besucherinnen und Besucher waren eingeladen, ihren Festival-Favoriten zu küren. Der Gewinner des Publikumspreis 2019 ist MIKADO REMIX von Louis Vanhaverbeke. Louis Vanhaverbeke, *1988, studierte Fotografie, Multimedia, Tanz, Performance und Kunsterziehung in Gent, Helsinki und Amsterdam. Seine seither in Kooperation mit dem Kunstzentrum Campo in Gent entstandenen Solo-Stücke KOKOKITO, MULTIVERSE und MIKADO REMIX sind auf vielen europäischen Festivals zu sehen.

Mit der Preisverleihung am 17. November endete die dritte Dresdner Ausgabe von Fast Forward. Vier Tage und Nächte war das Publikum zu Theater, Künstlergesprächen und Party ins Staatsschauspiel Dresden eingeladen. Das Programm 2019 wurde von Charlotte Orti von Havranek kuratiert.

In der laufenden Spielzeit sind mehrere Produktionen ehemaliger Fast Forward-Gewinner*innen am Staatsschauspiel zu sehen. Data Tavadzes Inszenierung  TRANSIT nach dem Roman von Anna Seghers feierte am 8. November 2019 Premiere, seine Inszenierung der vergangenen Spielzeit KABALE UND LIEBE ist ebenfalls im Repertoire zu sehen. Am 3. April 2020 wird Camille Dagen, Fast-Forward Preisträgerin 2018 mit der Uraufführung von MUTMASSUNGEN ihr Debut am Staatsschauspiel Dresden geben. Und diese Arbeiten werden dann vielleicht auch wieder weit über Dresden hinaus wahrgenommen, so wie die Produktion SUN AND SEA der drei litauischen Künstler*innen Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelytė, deren Dresdner Version im Frühjahr 2017 auf dem Weißen Hirsch zu erleben war und die in diesem Jahr bei der Biennale in Venedig mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. 

Spielstätten von Fast Forward 2019 waren neben dem Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden, das zugleich Festivalzentrum war, Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste, das Labortheater der HfBK und Semper Zwei der Semperoper.

Das Festival Fast Forward fand statt in Zusammenarbeit mit Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste, Hochschule für Bildende Künste Dresden, Semper Zwei, der Kulturhauptstadt Dresden 2025, sowie den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, dem Café OHA e.V. und der ETC (European Theater Convention). Unterstützt wurde das Festival vom Förderverein des Staatsschauspiels Dresden e.V, dem Goethe-Institut, dem deutsch-tschechischen Zukunftsfonds sowie dem Institut Français.

© Sebastian Hoppe