Gestohlene Kinder der DDR: „Wir wollen die Wahrheit“

Sachsen- In der DDR werden mehreren hundert Frauen, Männern oder Familien die Kinder weggenommen. Weil sie als „Staatsfeinde“, als arbeitsscheu galten oder ihre Lebensweise der SED nicht passte. Manche von ihnen suchen bis heute nach ihren Kindern. So wie die Döbelnerin Ramona Dewitz und ihr Mann Thilo. Vor 36 Jahren brachte sie zwei Mädchen zur Welt, die sie bisher noch nie gesehen hat. Ganz anders ist es bei Andreas Laake. Sein Sohn wurde in den 80er Jahren zwangsadoptiert. Vor wenigen Jahren hat Andreas ihn wiedergefunden. Aus diesem Grund hat er die Interessensgemeinschaft gestohlene Kinder der DDR gegründet. Sie setzt sich für Betroffene ein, hilft bei der Suche und kämpft für die Wahrheit. Ende April diesen Jahres konnte so ein Erfolg im Bundestag erzielt werden.

Auf dem Weg in die große Kreisstadt Döbeln

Hier wohnt Ramona Dewitz mit ihrem Mann Thilo. Die 61-Jährige ist Mutter von vier Kindern. Zwei davon hat sie nie gesehen. Mit 24 Jahren wird sie schwanger und bezeichnet sich selbst als DDR-Muster-Bürgerin. Sie ist berufstätig und will bald ihren heutigen Mann Thilo heiraten. Es ist der 8. März 1985: Ramona ist am Ende der 31. Schwangerschaftswoche. Eigentlich sollten die Zwillinge erst in acht Wochen zur Welt kommen. Sofort werden die beiden Mädchen in die Frühgeborenen-Station der Nervenklinik Westewitz-Hochweitzschen gebracht. 

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Die Ärzte raten Ramona damals abzustillen. Sie habe das so hingenommen und nichts Schlimmes vermutet. Der jungen Mutter bleiben bloß die Schreie der Kinder im Gedächtnis. Dass es die einzige Erinnerung an ihre Töchter sein wird, ahnt sie zu diesem Zeitpunkt nicht.

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Nur wenige Tage nach der Geburt muss Ramona wieder ins Krankenhaus. Die Oberärztin teilt ihr mit, dass ihre kleinere Tochter es nicht geschafft hat. Kurze Zeit später erfährt sie, dass auch ihr zweites Mädchen verstorben ist. Ramona glaubt den Ärzten und baut sich mit ihrem heutigen Mann Thilo ihr heutiges Leben auf. Sehen durfte sie ihre verstorbenen Kinder nicht. Die beiden heiraten nur wenige Zeit nach den Nachrichten. Sie bekommen zwei weitere Kinder. Janine kommt im Dezember 1986 zur Welt, ihr Bruder Jonas folgt im Februar 1998.

Vergessen können Ramona und Thilo ihre Zwillinge Julia und Claudia aber nicht. November 2018: Ramona ist auf Facebook unterwegs und stößt auf einen Artikel, der sie stutzig macht. 

Gemeinsam mit der Interessensgemeinschaft gestohlene Kinder der DDR beginnen Ramona und Thilo zu recherchieren. Nach und nach füllt sich ihr Dokumentenordner, der mit einem großen Fragezeichen versehen ist - Doch damit häufen sich auch die Ungereimtheiten. Zuerst fallen ihr Kopien der Totenscheine der Kinder aus dem Sächsischen Staatsarchiv in die Hände. Doch der ist unvollständig. Normalerweise gibt es auf der Rückseite ein Formular, welches mit persönlichen Daten ausgefüllt werden muss. Das fehlt. Ramona kontaktiert Archive, Krankenhäuser, Ämter. Sie schreibt E-Mails, telefoniert und spricht mit Ärzten. So auch mit dem Gesundheitsamt. Dort erhält sie die Antwort, dass keine Dokumente zu ihren Kindern vorliegen. Das lässt Ramona wieder stutzen. Die Recherchen gehen weiter. Und damit sammeln sich auch die Ungereimtheiten. Ramona glaubt, die Staatssicherheit habe sie beobachtet. Denn damals hatte sie einen westdeutschen Partner. Regelmäßig setzt sich die 61-Jährige bis heute an die vorhandenen Dokumente. Sie glaubt Mit der Hilfe von der Interessensgemeinschaft gestohlene Kinder der DDR will sie endlich die Wahrheit herausfinden. Die Döbelnerin Ramona Dewitz ist mit diesem Wunsch nicht allein.

Einer, dessen Suche ein glückliches Ende nahm, ist Andreas Laake

Er lebt in der DDR, während ein Großteil seiner Familie in der BRD lebt. Gemeinsam mit seiner ehemaligen Frau will er über die Grenze. An eine Flucht hatte er dabei nicht gedacht. Die beiden werden gestellt und inhaftiert. Damit sind sie in den Augen der DDR keine geeigneten Vorbilder mehr für ihr Kind. Während Andreas Inhaftierung wird sein Sohn Marco geboren. Laakes ehemalige Frau stimmt einer Adoption zu, doch er selbst nicht. Marco wurde zwangsadoptiert. Das Gerichtsurteil: ungültig. Alles was Andreas bleibt ist ein Foto und der Name Marco. 29 Jahre sucht er überall, fragt im Bekanntenkreis, fährt tausende Kilometer und wendet sich dann an die Medien. 2013 klingelt Andreas Telefon. Die beiden verabreden sich zu einem Treffen am heutigen Hauptbahnhof in Leipzig.

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Anfangs glaubt Andreas noch, ein Einzelfall zu sein. Doch mit dem Wiederfinden seines Sohnes und zahlreichen Reaktionen anderer fasst Andreas die Entscheidung eine Plattform für Betroffene zu gründen. Die Interessensgemeinschaft gestohlene Kinder der DDR. Innerhalb kurzer Zeit wird ihm deutlich, wie das DDR-Regime Familien beeinflusst hat. Fast täglich steht Andreas mit Politikern in Kontakt, fährt nach Berlin und kämpft mit seinen Anhängern für die Betroffenen. 2018 reicht die Interessensgemeinschaft eine Petition im Bundestag ein.

Sie fordern unter anderem eine Informationspflicht. Damit zeigen sie ein deutliches Problem für Betroffene in der Politik auf. Der Datenschutz und die Schweigepflicht hindern viele Betroffene an den für die so wichtigen Recherchen. Dank der Petition und das politische Engagement von allen Seiten soll das erleichtert werden. 22. April 2021 - Der Bundestag verabschiedet das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz. Damit ermöglicht er die Akteneinsicht zu Forschungszwecken für die Aufarbeitung von Zwangsadoptionen in der DDR. Auch wenn die Änderung scheinbar klein ist - Für viele Menschen und ihre Lebensgeschichten kann genau diese einen enormen Unterschied machen. So wie für Ramona Dewitz. Sie hat endlich eine Chance, nach über 30 Jahren die Wahrheit zu erfahren. Drei Jahrzehnte sind seit der Wende vergangen. Nun soll der verdrängte Teil der Geschichte rechtlich und politisch aufgearbeitet werden. Die DDR nahm denen, die nicht nach den Richtlinien der SED lebten, die Kinder. Viele Eltern wissen bis heute nichts über ihre Liebsten. Dank Andreas Laake, seiner gegründeten Interessensgemeinschaft und des riesigen Engagements aller, haben Betroffene wie Ramona Dewitz die Möglichkeit vielleicht nun ihren Seelenfrieden zu finden.