Grußworte der Oberbürgermeisterin zum Gedenken an den 17. Juni 1953

Zum Gedenken an den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 hat die Oberbürgemeister Orosz am Donnerstag um 14 Uhr auf dem Postplatz in Dresden eine feierliche Rede gehalten. Die gesamte Rede lesen Sie hier unter dresden-fernsehen.de +++

Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete und Stadträte,
liebe Dresdnerinnen und Dresdner,
verehrte Gäste,

ich begrüße Sie recht herzlich hier am Postplatz – willkommen zum Gedenken an den Volksaufstand vor 57

Jahren! Meine Damen und Herren,

in diesem Jahr richtet sich der Focus hauptsächlich auf 20 Jahre deutsche Einheit. Wir blicken auf die Wendegeschehnisse von ´89 zurück und auf die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten im Oktober 1990. Aber auf dem Weg dahin war der 17. Juni 1953 eines der wichtigsten Schlüsselereignisse. Gemessen an dieser Bedeutung ist das historische Datum im öffentlichen Bewusstsein wohl immer noch zu wenig verankert. Verwundern kann das nicht, denn jahrzehntelang wurden in der DDR Tatsachen und Hintergründe zur republikweiten Massenerhebung verfälscht oder verschwiegen. Augenzeugen konnten nicht offen sprechen. Archivbestände blieben verschlossen. Für kritische Veröffentlichungen zum Thema gab es keine Plattformen. So gerieten die Tatsachen zunehmend in den Hintergrund, vernebelten immer mehr und verschwanden schließlich fast ganz für die jüngeren Generationen.

Auch dass die westdeutschen Nachbarn jährlich den 17. Juni als „Tag der deutschen Einheit” feierten, wurde hier, im Dresdner „Tal der Ahnungslosen“, kaum wahrgenommen. An eine gemeinsame Zukunft glaubte nach dem kalten Krieg und der konträren wirtschaftlichen Entwicklung ohnehin kaum noch jemand – weder im Westen noch im Osten.

Erst der Herbst 1989 weckte wieder Hoffnungen, Freiheit und Demokratie für alle Deutschen zu erreichen und das geteilte Land zu vereinen.

Liebe Gäste,

dieses Denkmal aus Panzerketten, geschaffen von der Künstlerin Heidemarie Dreßel, erinnert an den Volksaufstand in der DDR vor 57 Jahren, bei dem auch Dresden eine wichtige Rolle zukam. Die „Straße des 17. Juni“ im Dresdner Stadtteil Niedersedlitz und dieser Platz in der Stadtmitte erinnern an die historischen Ereignisse in unserer Stadt, markieren gewissermaßen Ausgangs- und Endpunkt des Arbeiterprotestzuges.

Nicht nur in Berlin, Leipzig, Görlitz oder anderen Städten – ebenso in Dresden kam es zu Massenerhebungen gegen das SED-Regime. Am Abend des 17. Juni 1953 versammelten sich im Zentrum unserer Stadt rund 10 000 Aufständische. Es waren meist Arbeiter aus den großen Industriebetrieben, wie etwa des Sachsenwerkes oder des Brücken- und Stahlhochbaus. Trotz des verhängten Ausnahmezustandes hatten sie am Morgen ihre Arbeit niedergelegt, Streikforderungen formuliert und wollten diese nun durchsetzen.

Wie überall im Land erhoben sie sich – gegen überhöhte Arbeitsnormen, die schlechte Lebenslage, das eisige geistige Klima. Schnell mündete das Aufbegehren in politische Forderungen – nach Rücktritt der Regierung, freien Wahlen, der Wiederherstellung der deutschen Einheit.

In etwa siebenhundert Orten der DDR kam es zu spontanen Protestaktionen, die den Staat grundlegend erschütterten und veränderten. In mehr als tausend Betrieben und Genossenschaften wurde gestreikt.

Die Aufständischen gingen auf Straßen und Plätze, erstürmten Regierungsgebäude, SED-Leitungen, Dienststellen der Staatssicherheit, Polizeipräsidien, Gefängnisse und öffentliche Gebäude. Den Anfang hatten einige hundert Ostberliner Bauarbeiter gemacht, am Ende waren über eine Million Menschen beteiligt.

Im angeblichen Arbeiter- und Bauernstaat gingen die Arbeiter auf die Straße! Das war mehr als ein politisches Wetterleuchten, dieses Ereignis wurde zum Albtraum für die DDR-Machthaber – bis zum Ende des ostdeutschen Staates!

Dabei hatten sie zuvor selbst die Unzufriedenheit provoziert und alle Anzeichen einer bevorstehenden Entladung ignoriert. Doch nun wussten sie sich nur noch mit Gewehren und Panzern zu helfen. In kurzer Zeit und mit sowjetischen Panzereinheiten wurde der Aufstand niedergeschlagen. Es gab Massenverhaftungen, Verwundete, republikweit mindestens 55 Tote.

Auch hier am Dresdner Postplatz traf die Menschenmenge auf russische Panzer und Kasernierte Volkspolizei. Sie sollten die Demonstranten stoppen und auseinander treiben, „Provokateure“ festnehmen.

Noch in der Nacht zum 18. Juni kamen 1 500 Personen ins Gefängnis. Im selben Monat begannen gegen 173 von ihnen die Prozesse. Und bereits Ende Juli wurden die ersten Urteile gesprochen. Die Hauptangeklagten Wilhelm Grothaus und Franz Saalfrank erhielten 15 bzw. 10 Jahre Zuchthaus.

Die Propaganda der SED log die Aufständischen zu „Agenten imperialistischer Geheimdienste”, ihren Widerstand in einen „vom Westen gesteuerten konterrevolutionären Putsch” um. Die anfängliche Hilflosigkeit entlud sich in blindwütigem Aktionismus.

Die Rebellion von unten rechtfertigte die ideologische Aufrüstung ebenso wie die Wucherung eines gigantischen Spitzel- und Unterdrückungsapparates. Die sogenannte „Arbeiter- und Bauernmacht” panzerte sich gegen das eigene Volk und mauerte es schließlich am 13. August 1961 ein.

Was in den Juni-Tagen vor 57 Jahren geschah, gehört zu den prägenden Erlebnissen einer ganzen Generation. Was für die mutigen Frauen und Männern damals unerreichbar blieb, ist für uns 1989/90 Wirklichkeit geworden: Freiheit, Einheit, Demokratie, Mitbestimmung.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

der 17. Juni ist für Dresden ein Tag, an dem wir uns erinnern, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist, wir alle tragen Verantwortung dafür.

Die Dresdnerinnen und Dresdner, die vor 57 Jahren auf die Straße gegangen sind, sind ein Vorbild für uns. Sie zeigen uns wie wichtig es ist, die Freiheit immer wieder gegenüber ihren Feinden zu verteidigen. Wer die Erinnerung daran heute dazu missbraucht, um Intoleranz, Nationalismus und Rassismus zu predigen, der hat die Geschichte nicht verstanden und bewegt sich außerhalb der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Unser Widerstand gegen den Missbrauch unserer Geschichte beschränkt sich in Dresden nicht nur auf den 13. Februar, sondern er gilt genauso für den 17. Juni. Danke.

Quelle: Pressestelle Landeshauptstadt Dresden

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