Helma Orosz ruft zu Solidarität mit Flüchlingen auf

„Der 13. Februar mahnt uns wie kein anderes Datum in unserer Stadtgeschichte, dass wir solidarisch mit denen sein müssen, die vor Krieg, Gewalt und Terror in der Welt fliehen.“, so Helm Orosz in ihrer Rede bei der Menschenkette. +++

Rede von Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz anlässlich der Menschenkette:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Dresdnerinnen und Dresdner, liebe Gäste unserer Stadt,

ich erinnere mich noch sehr genau an den Tag, als wir gemeinsam mit der Arbeitsgruppe 13. Februar vor genau 6 Jahren das erste Mal zur Menschenkette aufgerufen hatten. Der Rathausplatz war noch 15 Minuten vor dem Beginn der Ansprachen fast menschenleer. Ich hatte wirklich große Bedenken!

Dann, fast wie aus dem Nichts, strömten Hunderte Menschen zu der kleinen Bühne. Am Ende dieses Tages waren über zehntausend gekommen und hatten eine Kette um die gesamte Innenstadt gebildet, an manchen Stellen standen wir in Zweier- und Dreierreihen. Wir alle, die in der AG 13. Februar mitgewirkt hatten, waren überwältigt – überwältigt von tausenden Teilnehmern, aber auch überwältigt von der Stärke des Signals, dass von der anschließenden Menschenkette ausging. 

Heute zum 70. Jahrestag des Angriffs auf unsere Stadt stehen wir wieder zusammen.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident Gauck, ich denke ich spreche im Namen aller, die heute hier zur Menschenkette gekommen sind, wenn ich sage, dass wir sehr stolz darauf sind, dass Sie sich heute mit uns einreihen und das Sie damit Teil dieses Signals werden, welches Jahr für Jahr von unserer Stadt ausgeht.

Vor 70. Jahren kam der Krieg mit solcher Gewalt in unserer Stadt, dass zehntausende starben, Familien wurden auseinandergerissen oder ganz ausgelöscht. Dresden war nach diesem Angriff ein Stadt voller Trümmer, aber auch voller Tränen. „Damals kehrte der Schrecken des Krieges, von Deutschland aus in alle Welt getragen, auch in unsere Stadt zurück.“ So steht es nur wenige Meter von hier auf dem Altmarkt geschrieben.

Wir gedenken heute der Opfer dieses Angriffs, aber wir gedenken auch aller Opfer des Krieges und der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. Gestatten Sie mir Herr Bundespräsident, dass ich aus Ihrer Rede von vor wenigen Tagen zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zitiere: „Gedenktage können zu einem Ritual erstarren, sogar zu einer leeren Hülle, gefüllt mit stets gleichen Beschwörungsformeln. Wir wissen auch: Gedenktage allein bewahren uns nicht davor, im Hier und Heute gleichgültig zu werden.“ 

Ich denke diese Worte könnten gerade auf das Hier und Heute in unserer Stadt nicht aktueller sein. Wir als Dresdnerinnen und Dresdner erleben diesen 13. Februar in einem Augenblick, in dem in unserer Stadt große Aufregung, aber auch große Verunsicherung herrscht. Deshalb dürfen wir auch an diesem Gedenktag, im Hier und Heute nicht gleichgültig sein.

Der 13. Februar mahnt uns wie kein anderes Datum in unserer Stadtgeschichte, dass wir solidarisch mit denen sein müssen, die vor Krieg, Gewalt und Terror in der Welt fliehen. Dieser Tag erinnert uns daran, dass der Krieg Männer, Frauen und Kinder trifft, Schuldige wie Unschuldige, Opfer wie Täter. Aus dem 13. Februar erwächst für uns als Stadt die Verantwortung für Frieden. Und wie ich es bereits in der Frauenkirche gesagt habe:

Dieser Frieden beginnt bei uns, bei jedem von uns.

Wir alle reichen uns gleich die Hände. Dies ist ein uraltes Symbol für Gemeinschaft, Verbundenheit und Vertrauen. Wir treten als Gemeinschaft auf, für eine offene und lebendige Stadt. Für eine Stadt, die Menschen eine Heimat gibt – egal ob sie hier geboren wurden oder aus allen Teilen der Welt zu uns kamen. Eine Heimat für jeden, der die Grundlage unseres Zusammenlebens akzeptiert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Dieser erste Satz aus dem Grundgesetz schafft auch am heutigen Tag unsere Verbundenheit miteinander und mit denjenigen an die wir Gedenken. Krieg zerstört nicht nur das Leben Vieler, es zerstört auch die Würde des Menschen. Wer die Würde des Menschen achtet, der kann nicht gleichzeitig der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus hinterherlaufen.

Liebe Dresdnerinnen und Dresdner, sich an den Händen zu fassen, bedeutet auch miteinander in Kontakt zu treten.

Und ich glaube, dass deshalb die Menschenkette gerade jetzt ein starkes Symbol für unsere Stadt ist. Wir müssen um diesen Kontakt ringen, jeden Tag, in unseren Familien und an unserem Arbeitsplatz. Dieser Kontakt verhindert, dass wir als Gemeinschaft auseinanderbrechen.

Wer den Kontakt verliert, der verabschiedet und radikalisiert sich. Ohne Kontakt, gibt es keine Kommunikation, keinen Dialog.

Dresden ist nach dem 13. Februar 45 nicht nur wieder zu einer wunderschönen Stadt geworden, sondern auch zu einem wirklich lebenswerten Ort.

Diese Tatsache sehen viele von uns heute in Gefahr. Es gibt aber aus meiner Sicht nur eine einzige Möglichkeit, wie wir dieser Angst begegnen können: Durch den Kontakt miteinander als Menschen die an diesem wundervollen Ort leben.

Wenn wir uns in wenigen Minuten die Hände reichen, dann ist dies nicht die Lösung unserer aktuellen Probleme. Aber es ist Anfang.  

Quelle: Landeshauptstadt Dresden