Hochzeit ohne Happy-End

(dapd-lsc). Für Stephan T. war es ein Freundschaftsdienst.

Er wollte nach eigenen Worten schlicht helfen, als er sich vor zwei Jahren auf die Sache einließ. Ein Freund hatte sich in eine Asiatin verliebt, die einsam war in Sachsen. Daher sollte ihre beste Freundin nach Deutschland kommen – und mit Stephans Hilfe hierbleiben können. Der Sachse war jung, ungebunden, fand sie hübsch und hoffte, dass sich Gefühle entwickeln würden.

So ging er 2009 eine von 902 Ehen zwischen Deutschen und Ausländern in Sachsen ein – als einer von 512 deutschen Männern aus dem Freistaat, die sich mit einer Migrantin trauten. Die deutschen Behörden haben solche Bündnisse im Blick. Sie argwöhnen, dass nicht in allen Fällen Zuneigung oder Liebe im Spiel ist.

Es ließ sich gut an mit den beiden. Ein Vierteljahr wohnten sie zusammen in seiner Altbauwohnung, verständigten sich auf Englisch, „wenn auch mehr schlecht als recht“, wie er sagt. Bis sie nach Berlin verschwand.

„Diese Konstellation ist höchst ungewöhnlich“, sagt der Dresdner Ausländerrechtler und Strafverteidiger Oliver Wirz. „Häufiger ist, dass einer deutschen Frau Geld dafür versprochen wird, einen ausländischen Mann zu heiraten.“ Es seien meist sozial Schwache Frauen, die sich des Geldes wegen darauf einließen. Im Fall von Stephan T. soll das aber keine Rolle gespielt haben.

Geht das Zweckbündnis schnell in die Brüche, droht dem ausländischen Partner die Aufforderung, das Land zu verlassen. Kann dagegen nachgewiesen werden, dass die Ehe zwei Jahre bestand und das Paar in dieser Zeit auch tatsächlich zusammenlebte, steht den Betreffenden auch bei einer Trennung eine Aufenthaltserlaubnis für ein weiteres Jahr zu. Das große Ziel ist die unbefristete Niederlassungserlaubnis.

Wie viele Scheinehen in dieser Hoffnung jedes Jahr in Sachsen eingegangen werden, ist unbekannt. Der Landesdirektion Leipzig lagen zuletzt im Jahr 2009 drei Verdachtsfälle zur Prüfung vor, die sich jedoch nicht bestätigten. Die Direktion Chemnitz spricht von mindestens einer Ehe pro Jahr, die auf den Verdacht hin untersucht wird. Aus Dresden kamen keine Angaben. Keine der Behörden nannte eine Dunkelziffer. „Sie muss aber recht hoch sein“, vermutet Rechtsanwalt Wirz an. Schätzungsweise fünf bis zehn Prozent seiner ausländerrechtlichen Mandate drehen sich um Scheinehen.

Dass die Drahtzieher damit in größerem Maßstab Geld verdienen, lässt ein aktueller Prozess am Landgericht Dresden erahnen. Eine Vietnamesin wird beschuldigt, zwischen 2002 und 2010 insgesamt 120 Ausländer eingeschleust zu haben. Laut Gericht sollen in 14 Fällen Scheinehen eingegangen worden sein, schwerpunktmäßig in den Jahren 2003 und 2004.

Besondere Brisanz gewinnt das Verfahren durch die Beteiligung der Dresdner Ausländerbehörde. Zwei Ex-Mitarbeiter sollen in Dutzenden Fällen gegen Bezahlung oder andere Gegenleistungen mitgewirkt haben. Sie sitzen mit auf der Anklagebank. Die Verhandlung wird am Montag fortgesetzt.

Ein Happy-End gibt es im Fall von Stephan T. und seiner asiatischen Frau nicht: Inzwischen weiß er, dass sie in Berlin auf den Strich geht. Zurück zu ihm will sie nicht, wohl aber in Deutschland bleiben. Er möchte am liebsten „raus aus der Nummer“, ohne dass sie ihr Aufenthaltsrecht verliert. Außerdem hat er Angst, dass sie ihn irgendwann auf Unterhalt verklagt – er kommt kaum selbst über die Runden. Kommen die Behörden dem Paar auf die Schliche, muss auch er mit einem Verfahren rechnen.

Die Behörden prüfen streng, ermitteln schon beim kleinsten Verdacht. Der entsteht zum Beispiel, wenn ein Paar sich im Chat kennengelernt hat, der Deutsche ins Ausland geflogen ist und die neue Liebe dort nach kurzer Zeit geheiratet hat. „Die Gerichte legen das geltende Recht so aus, dass die Beweislast auf der Seite der Eheleute liegt“, sagt Wirz. Das Paar muss also mit E-Mails, Fotos oder auch Zeugen nachweisen, dass es wirklich selbst zueinander gefunden hat und Tisch und Bett miteinander teilt.

Die meisten Paare meinen es freilich ernst. Doch Prüfungen müssen auch sie erdulden. So sind dem Ausländerrat Dresden mehrere Fälle bekannt, in denen zu Unrecht Scheinehen vermutet wurden. Geschäftsführer Asad Mamedow: „Obwohl der Verdacht sich nicht bestätigt hat, haben die Menschen sehr darunter gelitten.“

dapd