In Zukunft mehr Braunkohle – Leipziger Umland droht Umschließung durch Tagebau

Die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft (Mibrag) will ihren Tagebau „Vereinigtes Schleenhain“ südlich von Leipzig erweitern. Um auch nach 2020 noch Braunkohle verstromen zu können sei ein entsprechender Antrag beim Oberbergamt in Freiberg bereits im vergangenen Jahr gestellt worden, bestätigte die Mibrag.

Das sächsische Neukieritzsch kämpft gegen diese Erweiterung. In einer vom Gemeinderat einstimmig verabschiedeten Stellungnahme für das Oberbergamt wird auf die gravierenden Folgen für Landschaft, Klima und Bewohner verwiesen. Für Proteste sorgen die Pläne vor allem im Ortsteil Kieritzsch. Dort hat die Mibrag das „Feld Kieritzsch“ für den Kohleabbau ins Visier genommen, ein über 200 Hektar großes Gebiet inklusive des Ortsteils.

Bereits im Sommer 2010 stellte das Energieunternehmen beim Oberbergamt einen sogenannten Bewilligungsantrag. Doch erst im März erfuhren die Einwohner davon. Aufgeschreckt und verunsichert durften sie zunächst in Medienberichten von der möglichen Abbaggerung Kieritzschs lesen. „Viele haben sich an DDR-Zeiten erinnert, als schonmal die Zerstörung drohte“, sagte Neukieritzschs Bürgermeister Henry Graichen den Medien gegenüber.

Aus der Negativberichterstattung um die Abbaggerung von Heuersdorf hat die Mibrag offenbar keine Schlüsse gezogen. Das Unternehmen räumte in einer Erklärung zum „Feld Kieritzsch“ ein, die „öffentliche Wahrnehmung und den Kommunikationsbedarf unterschätzt zu haben.“ Als Vorsitzender Geschäftsführer sicherte Joachim Geisler den Erhalt Kieritzschs zu. Von den vermutlich 35 Millionen Tonnen Kohle des Feldes sollen nur 10 Millionen nahe des Ortes abgebaggert werden, hieß es.

Mit dem Bewilligungsantrag verbindet sich noch nicht die Genehmigung zum Abbau. Zunächst geht es nur um die Rechte an der Kohle – aber auch um die unter Kieritzsch. Für die Einwohner ist das ein erster Schritt und sie fordern die Rücknahme des Mibrag-Antrages. In seiner Stellungnahme verweist der Gemeinderat darauf, dass der Ortsteil bereits 1993 aus den Abbauplanungen herausgenommen worden sei. Es sei viel Geld in Sanierung und Neubau von Straßen, Häusern und der Kirche geflossen.

Auch die Abbaggerung der Kohle nahe des Ortes wird strikt abgelehnt. Mit dem zusätzlichen Abbau drohe den Kieritzschern die Umschließung durch den Tagbau von drei Seiten und eine komplizierte Zufahrt. Es sei mit zusätzlichen Belastungen durch Staub und Lärm bis nach Neukieritzsch zu rechnen. Dort liege ein ein Kindergarten nur 280 Meter von der beantragten Abbaugrenze entfernt, heißt es.

Inzwischen soll sich die Mibrag kompromissbereit gezeigt haben. Nach Medienberichten schlugen Abgesandte in einem nichtöffentlichen Gespräch mit Bürgern vor, Kieritzsch aus dem Antrag gänzlich auszuklammern. Die Offerte sei aber abgelehnt worden, hieß es. Mit einer Entscheidung zum Mibrag-Antrag ist beim Oberbergamt nicht in Kürze zu rechnen. Wie Bürgermeister Henry Graichen sagte, erwarte er sie für Mitte des Jahres.

Befürchtet wird zudem ein neuer Tagebau in Sachsen-Anhalt. Die Mibrag sponsert dort archäologische Grabungen bei Lützen. In den nächsten fünf Jahren stellt die Mibrag insgesamt 600.000 Euro bereit. Damit soll jenes Schlachtfeld bei Lützen erforscht werden, auf dem im Dreißigjährigen Krieg der Schwedenkönig Gustav Adolf gefallen war. Das Mitteldeutsche Braunkohlenrevier ist das kleinste in Deutschland – nach der Lausitz und dem Ruhrgebiet. Für die Ausgrabungen haben die Archäologen bis 2014 Zeit. Dann könnte das einstige Schlachtfeld einem neuen Braunkohletagebau zum Opfer fallen. Probebohrungen hat die Mibrag bereits durchgeführt. Für die Mibrag geht es um das einzige größere Vorkommen, das auch von der Landesregierung Sachsen-Anhalts für einen künftigen Abbau favorisiert wird.