Kirchners „Straßenbild vor dem Friseurladen“ kehrt zurück nach Dresden

Aus einem Privatbesitz haben die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden das Werk von Ernst Ludwig Kirchner erworben. Es schließt eine Lücke in der Sammlung des Albertinums.

2015 erworben aus Privatbesitz mit Mitteln der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, der Ostsächsischen Sparkasse Dresden, des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, der Landesbank Baden-Württemberg, der Sparkassen-Versicherung Sachsen, der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Hermann Reemtsma Stiftung, des Freistaates Sachsen, des Sächsischen Landtages und mit freundlicher Unterstützung der Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern. Der Ankauf wurde gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.

Der Ankauf von Ernst Ludwig Kirchners „Straßenbild vor dem Friseurladen“ schließt eine langjährige Lücke in der Sammlung des Albertinum. Mit der Straßenszene kehrt ein Werk dauerhaft wieder nach Dresden zurück, das vor 1933 in der Abteilung moderner Kunst der Dresdner Galerie einen zentralen Platz einnahm. Der Direktor der Staatlichen Gemäldegalerie Hans Posse hatte das Bild 1926 nach beharrlicher Verhandlung mit Ernst Ludwig Kirchner ausgewählt. Angekauft wurde es von der Stadt Dresden mit dem Ziel, seitens der Stadt „an der Vervollständigung der Gemäldegalerie teilzunehmen“. Bis 1933 war Kirchners Figurenbild im Semperbau am Zwinger als Leihgabe ausgestellt und wurde dann an die Stadt Dresden zurückgegeben. 1933 wurde es in der Ausstellung „Entartete Kunst“ im Lichthof des Neuen Rathauses gezeigt, 1937 als „entartet“ beschlagnahmt und 1939/40 im Zuge der sogenannten Verwertung verkauft.

Künftig wird Kirchners leuchtende Straßenszene im Albertinum einen Höhepunkt im Expressio­nismus-Saal bilden. (Für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden konnte zuvor erst eines der 1937 als „entartet“ beschlagnahmten Gemälde, ein Werk von Erich Heckel, zurückerworben werden.)

Das Gemälde thematisiert den urbanen Alltag und die Entfremdung des modernen Großstadt­bewohners, wie sie Kirchner erlebte. Die in Orange-Grün-Kontrasten komponierte Szene geht auf die starken Eindrücke zurück, die Kirchner – nach neun Jahren des Aufenthaltes und der Genesung in der Abgeschiedenheit der Schweizer Berge – während seiner Deutschlandreise 1925/26 aufnahm. Unterwegs in Frankfurt/Main, Chemnitz, Dresden und Berlin skizzierte er viel. Nach Davos zurückgekehrt, malte er, bewusst vereinfachend, aus der Erinnerung eine Serie flächenbetonter, durchkonstruierter Gemälde. Das nun für Dresden erworbene Bild darf als das beste Werk Kirchners aus dieser Serie gelten: Der Künstler fand für diese Szene eine besonders spannungsvolle Bildkomposition. In grelles Licht getaucht, schreitet eine nächtliche Spaziergängerin auf ein hell erleuchtetes Schaufenster zu, umringt von teilnahmslos dahineilenden Passanten. Kirchner knüpfte mit dieser dynamischen Bildidee und dem beziehungsvollen Gegenüber von Männern und Frauen an seine bereits 1913/14 in Berlin entstandene Serie von Straßenszenen an, die heute zu den Inkunabeln der Moderne in Deutschland gehören.

Hartwig Fischer, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden: „ Anders als in den westdeutschen Kunstzentren konnten nach 1949 die Museen in Ostdeutschland die Verluste durch die Beschlagnahme sogenannter ‚entarteter Kunst‘ durch die Nationalsozialisten 1937 nur bruchstückhaft ausgleichen, da sie vom internationalen Kunstmarkt weitgehend ausgeschlossen waren. Dieser Ankauf bedeutet für die Dresdner Sammlung einen entscheidenden Zuwachs und enorme Qualitätssteigerung. Ein Werk Kirchners aus den 1920er Jahren fehlte bislang. Wir sind allen Förderern, die uns diese bedeutende Erwerbung ermöglicht haben, sehr zu Dank verpflichtet.“

Hilke Wagner, Direktorin des Albertinum: „Für Dresden hat der Erwerb von Kirchners Werk einen besonderen Stellenwert, hier wurde 1905 die Künstlergruppe ‚Brücke‘ gegründet und die Stadt damit zum Geburtsort des deutschen Expressionismus.“