Kunst von der Straße geholt

Chemnitz (dapd-lsc). Guido Günther mag es offenbar kompliziert.

Der junge Mann hat die Außenwand einer leerstehenden Schulsporthalle in Chemnitz mit einem rund 20 Meter langen Graffitibild verschönert und das gleiche Motiv noch einmal verkleinert auf Leinwand gemalt und gestickt. „Das hat bestimmt zehn Mal so lange gedauert wie das Sprühen. Allein am Programm für die Stickmaschine habe ich mehrere Nächte lang gesessen“, sagt Günther.

Der junge Mann beteiligt sich mit seinem doppelten Kunstwerk ohne Titel an der zweiten „Hallenkunst“ vom 16. bis 18. Dezember in der Messe Chemnitz. Die Ausstellung vereint Fotografie, Videokunst, Öl-, Acryl- und Schablonenmalerei, Lichtinstallationen, Objekte und weitere moderne Kunstformen. Die mehr als 35 beteiligten Künstler und Kollektive kommen aus Deutschland, Dänemark und der Schweiz.

Im Vorfeld haben sich einige von ihnen so wie Günther im Stadtbild von Chemnitz verewigt. Mit einem Stadtratsbeschluss von 2010 wurden mehrere Dutzend Flächen für legales Sprühen zur Verfügung gestellt. „Chemnitz ist damit deutschlandweit vorbildlich“, lobt Günther. Er verhehlt nicht, dass er als 13-, 14-Jähriger selbst heimlich nachts mit der Spraydose losgezogen ist, aber dies sei nur eine kurze Phase gewesen. Wer Anerkennung suche und von seiner Kunst leben wolle, könne dies nur auf legalem Weg erreichen, ist er überzeugt.

Er hat dies offenbar geschafft. Seine Firma mit dem Label „rebelart“ bedruckt T-Shirts und Taschen, entwirft Logos für Unternehmen, malt riesige Fassadenbilder auf Brandmauern. „Das Eine ist zum Geldverdienen, doch das hier ist eher meins“, verweist er noch einmal auf das mit Neonfarben verzierte schwarz-weiße Fantasiebild mit einem liegenden Mädchen in der Mitte.

Die Szene der sogenannten Urban Art betrachtet Günther als sehr vielfältig. Mit verschiedenen Stilen und Techniken komme man sich nicht ins Gehege. So hat an „seiner“ Turnhalle um die Ecke die Berliner Gruppe Peachbeach ebenfalls ein großes Bild gesprüht, farblich viel knalliger und mit auffälligen runden Formen.

Bei der „Hallenkunst 2011“ wird auch Videokunst und erstmals Light Writing, das Malen mit Licht in einem aufwendigen Fotoverfahren, zu sehen sein, wie Projektleiter René Kästner von der Agentur CSF Media erklärt. Die Premiere der Veranstaltung im vergangenen Jahr in der Chemnitzer Markthalle sei mit 6.000 Besuchern aus dem In- und Ausland an drei Tagen ein toller Erfolg gewesen. In Deutschland gebe es nichts Vergleichbares in diesem Kunstbereich.

„Die historische Markthalle war natürlich ein ideales Ambiente“, räumt Kästner ein. Doch aufgrund einer neuen kommerziellen Nutzung steht der Klinkerbau mit seiner Tragwerkskonstruktion aus Eisen nicht mehr zur Verfügung. Man habe intensiv nach einer leeren Industriehalle gesucht, aber für Ausstellungszwecke sei keine geeignet gewesen. Am neuen Standort in der Messehalle könne die Schau nun künftig noch weiter wachsen.

Im 40 Kilometer entfernten Meerane treffen sich jedes Jahr Graffiti-Maler und andere Straßenkünstler in alten Fabriken. Bei der „IBUg“ (Industriebrachenumgestaltung) hauchen sie verfallenen Räumen zeitweise neues Leben ein, wissend, dass das Ganze irgendwann der Abrissbirne zum Opfer fällt. So entstand in diesem Jahr mittels Fassadenmalerei, Licht- und Rauminstallationen, Wandbildern in Büros und Treppenhäusern ein temporäres Gesamtkunstwerk in einer alten Textilfabrik. Diesen schöpferischen Umgang mit urbaner Substanz hält Kästner in Chemnitz für undenkbar. „Das würde hier nie genehmigt“, glaubt er.

Der Direktor der Neuen Sächsischen Galerie (NSG) in Chemnitz, die sich dem Kunstschaffen in Sachsen seit 1945 verpflichtet fühlt, zweifelt insgesamt an der Qualität und Nachhaltigkeit dieser neuen Formen. „Das Ganze zielt sehr auf schnelle Wahrnehmung und Vergänglichkeit“, sagt Mathias Lindner. Es seien meist Jugendliche, die sich im öffentlichen Raum verewigen wollten und das oft illegal. Berlin beispielsweise sei voll von Graffiti. Für Lindner ist Urban Art eine Kunst, die sich den klassischen Sammlungsprinzipien entzieht und „für die NSG kein Thema“.

(http://www.hallenkunst.de )

dapd