Menschenkette am 13. Februar in Dresden – Rede von OB Helma Orosz in voller Länge

“Sie sehen mich überwältigt. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, dass sie in so großer Zahl hierher gekommen sind.“ Sehen Sie die vollständige Rede hier unter www.dresden-fernsehen.de +++

Wir treffen uns, um in den nächsten Minuten vom Rathaus aus eine Kette zu schließen – auf der einen Seite bis zur neuen Synagoge, auf der anderen bis zu den Denk- und Gedenksteinen auf dem Altmarkt.   Wir tun das im Gedenken an die schrecklichste Stunde Dresdens, die heute vor 65 Jahren schlug.   An ihrem Ende waren Zehntausende von den Bomben zerrissen, erschlagen von zusammenstürzenden Mauern, im Höllenfeuer des Phosphors verbrannt, erstickt, ausgelöscht, und Zehntausende irrten zwischen den Trümmerbergen umher, Mütter suchten ihre Kinder, Kinder ihre Mütter. Noch Wochen, noch Jahre danach.    Dresden, schrieb Erich Kästner, der sonst so heitere Sohn der Stadt, „Dresden war eine wunderbare Stadt… Ihr könnt es mir glauben. Ihr müsst es mir glauben! Keiner von euch … kann hinfahren, um nachzusehen, ob ich recht habe. Denn die Stadt Dresden gibt es nicht mehr. Sie ist bis auf einige Reste vom Erdboden verschwunden.“        

Wenn heute auch nur noch wenige Häuserlücken und Brandmale daran erinnern – dieses Geschehen hat sich tief ins Gedächtnis unser Stadt eingegraben.   Wie seit Jahrzehnten ist der 13. Februar für uns ein Tag stiller Trauer, ein Tag der Würde.   Jahr um Jahr erklingen an diesem Abend die Glocken in jenen Minuten, da einst die ersten Bomben fielen.   Auch heute Abend werden wir es spüren: Durch die stille Stadt schwingt dann eine berührende Symphonie. Viele Dresdner halten auch ein Menschenalter danach ihre Tränen nicht zurück. Und ich glaube, dafür müssen wir uns nicht schämen.   Denn diese Einkehr, diese Stille, diese Trauer – das ist  eine starke Mahnung, dass niemals wieder geschehe, was damals geschah.   Dieser Tag vereinigt die Überlebenden mit den Nachgeborenen in der Erinnerung daran, wer diesen verdammten Krieg losgetreten hatte, der  fünfeinhalb Jahre später seine Krallen auch nach Dresden ausstreckte: die Nazis und ihre willigen Helfer, von denen es, dies sei gesagt, auch in Dresden, nicht wenige gab.   Hier, in dieser Stadt der Künste und der Kultur, verbrannten die Nazis schon im März 1933 auf dem Wettiner Platz Bücher, noch ehe sie in Berlin ihre Bücher-Scheiterhaufen zündeten.   Und bevor Dresden brannte, brannte Sempers Synagoge, brannten Warschau, Rotterdam und Coventry.   Das niemals zu vergessen ist unsere Pflicht.      

Diese Wahrheit den Ewiggestrigen entgegenzuhalten – damit verteidigen wir das Andenken der Toten von Dresden wie aller Opfer dieses Krieges und einer Gewaltherrschaft, die in ihrem Wahn die Welt unter deutsche Stiefel zwingen wollte.   Den Jung- und Altnazis, die heute wieder versuchen, unseren Tag der Trauer zu missbrauchen, stellen wir uns entgegen.   Dresden will sie nicht, diese Bande gehört nicht hierher, ihre Heuchelei ist widerwärtig. Sie setzen auf Hass und Vergessen, wir auf Toleranz, Verstehen, Vergebung, Versöhnung. Sie setzen auf Gewalt, wir auf Gewaltlosigkeit.   Als Bürgerin und als Oberbürgermeisterin Dresdens sage ich: Wir geben denen keine Chance!   Wenn wir uns jetzt bei den Händen nehmen, legen wir  aus einzelnen, vielleicht schwachen Gliedern eine starke, schützende Kette um unsere Stadt. Unsere Kette berührt die Synagoge, jenen Ort, dessen Vernichtung durch die Nazis am 9. November 1938  gleichsam der Auftakt zur Vernichtung Zehntausender Menschen-Orte und des Mordes an Millionen Menschen war.   Unsere Kette umschließt dieses Denkmal für die Trümmerfrauen, diese stillen Heldinnen, denen wir das Überleben Dresdens im Koma der Nachkriegsjahre zu verdanken haben. Sie reicht bis zu den Pflaster-Steinen auf dem Altmarkt, die die Grundrisse jenes monströsen Krematoriums markieren, in dem die Leichname Zehntausender Opfer der Bombennächte und -Tage eingeäschert worden sind.   Diese Kette verläuft, darauf verwies unlängst der Nestor der Dresdner Denkmalschützer Professor Glaser, entlang der alten Dresdner Festungswälle.  

Ja, liebe Freunde, machen wir Dresden zu einer friedlichen, weltoffenen, zu einer Festung gegen Intoleranz und Dummheit!   Wir wehren uns gegen die Verhöhnung aller Opfer von Krieg und Gewalt! Dieses Signal soll am 65. Jahrestag ihrer Zerstörung von dieser Stadt in die Welt gehen!   Liebe Freunde, die meisten von Ihnen tragen das Symbol der Weißen Rose. Erinnern wir uns heute an die Geschwister Scholl und ihren Kampf gegen die Nazidiktatur. Welches Risiko sind sie eingegangen, und welch hohen Preis haben sie dafür bezahlt.   Wir sollten uns heute daran erinnern, denn wie einfach ist es heute, ein deutliches Zeichen gegen die Nazis zu setzen, wie gering ist das Risiko, dass wir heute eingehen: Wir fassen uns an den Händen.  

Lassen sie uns die Hände reichen und zeigen: Wir erinnern und wir handeln – jetzt. Für unser Dresden. Für ein gutes Miteinander in unserer Stadt, mit unseren Nachbarn, mit allen Völkern dieser unserer Welt.  

Ich danke Ihnen.  

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