Musikwirtschaft in Sachsen: Da geht noch mehr

Musikwirtschaft! Erste Assoziationen sind da die iTunes-Bibliothek auf dem schicken Smartphone, die Plattensammlung von Papi und Mami, das Radioprogramm oder die Playlist von Spotify. Und irgendjemand bekommt dafür Geld – erst mal egal, wie viel. Das ist aber zu kurz gedacht. Täglich kommen wir mit Musik in Berührung, wir konsumieren sie bewusst oder unbewusst, fragen uns aber selten, wer dahinter steckt. Da hinter stehen Musikschaffende – das sind MusikerInnen, Clubbetreiber, Musiklehrer und Instrumentenbauer. Und die gibt es logischerweise auch hier vor unserer Tür in Sachsen. Den meisten geht es aber gar nicht so gut.

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Musik ist für viele eine Selbstverständlichkeit, die Wertschätzung lässt aber oft zu wünschen übrig. Leider! Bildquelle: fotolia.com © deagreez (CC0 1.0).

Das behauptet zumindest die Initiative Musicmatch, welche die Musikszene Sachsen durch Lobby- und PR-Arbeit sichtbarer machen möchte. Das Fazit ihrer Panels „Music is my job? – Standortfaktor Musikwirtschaft in Sachsen“ war 2016 mehr als eindeutig: „Als Ergebnis der Gesprächsrunde wurde festgestellt, dass in Sachsen zwar qualitativ hochwertige Popularmusik veröffentlicht wird, die Lebens- und Arbeitsumstände der Musikschaffenden jedoch prekär sind. Die Einkommen sind extrem gering und es fehlen generell die Musikwirtschaftspartner, wie Labels, Verlage sowie die Zusammenarbeit mit den Radiostationen u.v.m.“

Die Initiative hat seit 2014 das ambitionierte Ziel, „Fragen der Musikszene in Sachsen, der Musikwirtschaft, der Politik, Verwaltung und des Publikums zu stellen und zu beantworten“. Aber zunächst eins nach dem anderen.

Musikwirtschaft – die drei Fragezeichen

Musikwirtschaft – die drei Fragezeichen: Was ist das? Wer sind die? Und was wollen die?

Also, die Musikwirtschaft ist ein Teilbereich der Kreativ- und Kulturwirtschaft. Vereinfacht gesagt: die Musikbranche will mit allen Aspekten der Kunstform Musik Gewinne generieren. Und hier wird es schon kompliziert, denn die Musikwirtschaft ist ein weites Feld.

Es gibt nämlich beispielsweise nicht nur den Bereich, der aus passiven Musikkonsumenten besteht, sondern auch den, der mit aktiver Musiknutzung zu tun hat. Über 14 Millionen Deutsche spielen hobby- oder profimäßig ein Instrument. Das heißt, die Musikindustrie besteht nicht nur aus Plattenfirmen und Popstars, sondern noch eine ganz Menge an Nachfragen an Musikinstrumenten, Noten und auch Musikunterricht in einem großen Umfang kommen hinzu. Und hier zeigt sich aktuell: je jünger, desto größer die Nachfrage.

Das Deutsche Musikinformationszentrum gibt diesbezüglich in ihrem „Statistischen Jahrbuch der Musikschulen“ an, dass seit 2013 gerade mehr Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 14 Jahren an Musikschulen ein Instrument lernen – besonders beliebt: Laut dem Verband der deutschen Musikschulen (VdM) das Klavier und die Gitarre.

Ergo: Es hat sich demnach in der deutschen Bevölkerung herumgesprochen, dass das aktive Musikmachen bei Kindern, egal welches Genre, nicht nur das Leben bereichert, sondern die Kreativität, die Motorik, die Gehörbildung, das Rhythmusgefühl und die soziale Kompetenz durch gemeinsames Musizieren fördert.

Und das ist nun exemplarisch nur ein Feld der Musikbranche von vielen.

Die 2015 veröffentlichte Studie des Instituts für Kommunikationswissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena zu ihr – „Musikwirtschaft in Deutschland“ gibt da Branchen-feldtechnisch mehr Antworten.

In Auftrag gegeben haben die Studie die Verbände all jener Firmen, die mit der Vermarktung, der Produktion oder mit dem Aufführen von Musik ihr Geld verdienen. Für die Untersuchung wurden 1300 Unternehmen befragt. Außen vor blieben öffentlich geförderte Musikschulen, Theater und Orchester. Die Studie unterteilt die Musikwirtschaft in sieben Teilbereiche.

Da wäre einmal der Teilsektor „Kreative“. Hier werden die Urheber musikalischer Werke –  Komponisten, Textdichter, Musikbearbeiter, die ausübenden Künstler des Musikbereichs und die Künstlermanager zusammengefasst.

Zum Bereich „Musikveranstaltungen“, also alles was live- und eventmäßig so abgeht, zählen die Konzertveranstalter und Künstleragenturen, Tourdienstleister, Betreiber von Musikclubs, von privaten Musiktheatern und von größeren Veranstaltungsungshallen, sowie Ticket-Dienstleister.

Zum Teilsektor „Musikaufnahmen“ zählen neben den Tonträgerherstellern – also die Labels, die Presswerke, Tonstudios, Musikproduzenten, Tonträgervertriebe sowie der stationäre und Online-Handel mit Tonträgern und Musikdateien.

Im Segment „Musikverlag“ werden alle Musikverlage zugeordnet, die zum einen Noten verlegen und drucken lassen und zum anderen im Auftrag von Komponisten und Textdichtern deren Urheberansprüche im In- und Ausland wahrnehmen.

Der Bereich „Musikinstrumente“ umfasst die Hersteller und Vertriebe von Musikinstrumenten, -equipment und -zubehör, die Hersteller von Bühnen- und Studioequipment für Musikaufnahmen und Musikveranstaltungen sowie den Handel mit Musikinstrumenten und  Musikalien.

Im Feld „Musikunterricht“ sind die Musikschulen und Musikpädagogen zusammengefasst.

Der Teilsektor „Verwertungsgesellschaften“ umfasst die beiden gemeinnützigen Verwertungsgesellschaften GEMA und GVL, die sich um die Urheber und Leistungsschutzrechte von Kreativen kümmert.

So weit, so gut.

Die Vermessung der Musikbranche in Deutschland

Laut der Studie aus Jena, die erstmals fundierte Zahlen des musikwirtschaftlichen Gesamtmarktes mit seinen wichtigsten Teilsektoren lieferte, läuft es für die Musikwirtschaft in Deutschland gar nicht mal so schlecht. Es kommt aber drauf an für wen.

Die genannten Teilbereiche der deutschen Musikbranche hätten in 2014 insgesamt stolze elf Milliarden Euro umgesetzt, und mit insgesamt 127.000 Selbstständigen und Arbeitnehmern überträfe sie die Erwerbstätigenzahlen jeder anderen Medienbranche. Dies sei „insbesondere auf die große Zahl von Komponisten, Textdichtern, ausübenden Künstlern und Musikpädagogen zurückzuführen“, heißt es dort.

Die gesamte Bruttowertschöpfung läge bei rund 3,9 Milliarden Euro sogar über der von Filmwirtschaft, Radioveranstaltern, Buch- oder Zeitschriftenverlagen.  Aufgeteilt in die sieben Teilbranchen der Musikwirtschaft wiederum hätten die „Musikveranstaltungen“ (27%) und „Musikaufnahmen“ (22%) die höchste Bruttowertschöpfung, gefolgt von den Bereichen „Musikinstrumente“ (19%), „Kreative“ (15%), „Musikunterricht“ (10%), „Musikverlage“ (5%) und „Verwertungsgesellschaften“ (2%).

Hauptnachfrager der von der Musikwirtschaft produzierten Güter und Dienstleistungen seien wir – die privaten Konsumenten. Wir hätten in 2014 insgesamt rund 6,7 Milliarden Euro für Musikveranstaltungen, Tonträger, digitale Musikdateien, Musikalien und Musikinstrumente sowie Musikunterricht ausgegeben – und dies sei mehr als für andere audiovisuelle Medienprodukte, wie Kino, Videos, Pay-TV und Computerspiele, zusammen.

Ergo: „Innerhalb der Kultur- und Kreativwirtschaft leistet die Musikwirtschaft damit einen bedeutenden Beitrag zur Einkommensentstehung“, bilanzierten die Forscher.

Aber: „Obwohl die Musikwirtschaft in ihrer Gesamtheit eine Spitzenposition unter den deutschen Medienmärkten einnimmt, wird sie bislang in ihrer gesamtwirtschaftlichen Bedeutung weniger stark wahrgenommen als die anderen Medienzweige. Sie besteht zum größten Teil aus Selbständigen sowie kleinen und mittleren Unternehmen. Sofern das Wachstum dieses Sektors gefördert werden soll, müssen diese Strukturen berücksichtigt werden“.

Kreativ aber prekär

Und noch ein „Aber“. Die Summe von 3,9 Milliarden Euro ist sicherlich beeindruckend. Einerseits: was die Studie ausmacht, ist ihre Breite der Untersuchung.

Andererseits: so viel Grund für Optimismus, wie ihn in den einleitenden Grußworten der Studie von Politikern und Branchenvertretern vertreten, schießt wohl eher über das Ziel hinaus. Da lobt man sich ein wenig zu sehr und stellt die gesamtwirtschaftliche Bilanz in den Mittelpunkt.

Der damalige Wirtschafts- und Energieminister, Sigmar Gabriel (SPD), der übrigens, weil er von 2003 bis 2005 innerhalb der SPD Beauftragter für Popkultur und Popdiskurs war, scherzhaft in Anlehnung an Sänger Iggy Pop „Siggi Pop“ genannt wurde, spricht davon, dass die Musikwirtschaft und die Kultur- und Kreativwirtschaft insgesamt gute Beispiele dafür seien, wie die Chancen des digitalen Wandels erfolgreich genutzt werden konnten. „Sie sind wichtige Motoren für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland.“

Der Präsident des Bundesverbandes der Veranstaltungswirtschaft, Prof. Dr. Jens Michow, betont die im Vergleich zu den Zeitschriftenverlagen signifikant hohe Bruttowertschöpfung. Und der Präsident des Deutschen Musikverleger Verbandes, Prof. Dr. Rolf Budde, lobt, dass die Studie die enorme Bedeutung der Musikbranche in Deutschland unterstreicht.

Nun ja, im Vergleich zu den in der Studie belegten Austrahlungseffekten der Musikwirtschaft ist die Bruttowertschöpfung dann schon etwas geringer. Mit diesen Effekten ist gemeint, dass Musikinhalte für viele andere Branchen einen wichtigen gewinnbringenden Inputfaktor darstellten. „Allein mit Audio-Geräten der Unterhaltungselektronik, in Diskotheken sowie mit Medienprodukten, die Musikinhalte integrieren, werden im Jahr rund 15 Milliarden Euro umgesetzt“, hält die Studie fest. Das relativiert dann schon etwas: von den Inhalten der Musikwirtschaft profitieren also andere Branchen mehr.

Faktisch belegt auch die neue Studie: wenige große Player verdienen gutes Geld, viele kleine Künstler können sich nur mühsam über Wasser halten – trotz der nun errechneten 3,9 Milliarden Euro und der rund 15. Milliarden Euro an Austrahlungseffekt. Über die großen Zahlen sollte man aber die vielen prekären Beschäftigungsverhältnisse in der Branche nicht vergessen: Von den 50.000 über die Künstlersozialkasse kranken- und rentenversicherten Menschen erzielen rund zwei Drittel ein Jahreseinkommen unter 17.500 Euro. Der größte Teil davon sind die Kreativen.

Wo diese früher beispielsweise noch mit dem Verkauf von CDs oder Schallplatten Geld verdient werden konnten, sind es heute oft nur Cent-Beträge, die Streaming-Dienste wie etwa Spotify oder Apple Music, an die Künstler weitergeben.

Sachsen: It´s a long way to the top if you wanna Rock´n`Roll

Die Kritik von Musicmatch in Sachsen an den prekären Einkommensverhältnissen von Kreativen ist demnach gerechtfertigt und deutschlandweit ein Problem. Auch die Industrie und Handelskammer (IHK) in Dresden bestätigt für Sachsen diese Entwicklung. In ihrem Branchenbericht Kultur- und Kreativwirtschaft in Sachsen heißt es dazu: „Geringfügig Beschäftigte, Teilzeitarbeitende und freie Mitarbeiter werden u. a. aus Kostengründen und zur Unterstützung von Projekten beschäftigt.“

Deshalb ist es wichtig ein regional funktionierendes Netzwerk aufzubauen, auf dem sich Konzertveranstalter, Kreative, kleine Plattenlabels auf Veranstaltungen – wie auf dem music:match-Festival in Dresden – begegnen können. Ganz besonders hier in Sachsen.

Für die Musikwirtschaft sind hier grundsätzlich drei Punkte charakteristisch: Urbanisierung, junger und facettenreicher Markt, und drittens, der traditionelle sächsische Instrumentenmarkt.

Letzterer ist ein traditionell geprägter und traditioneller Markt – vor allem im Vogtland.   Seine Stärke ist die historisch gewachsene Struktur –  die Akteure verkaufen  weltweit  erfolgreich  ihre  Produkte.

Anders auf dem Popmusikmarkt. Hier dominieren unsere drei Großstädte – Leipzig, Dresden und Chemnitz. Dort sind bekanntlich viele Live-Musikclubs und Diskotheken. Und, nicht zuletzt wegen den dort ansässigen Musikhochschulen gibt es viele aktive Musiker. Stilistisch auffällig ist es bei uns, dass gerade elektronische Musik popkulturell eine wichtige Rolle spielt. Der Popmusikmarkt  ist noch sehr jung, unterteilt in zahlreiche Akteure, aber mit unzureichenden Absatz- und Vertriebsstrukturen.

Aber da geht noch mehr. Die Initiative Musicmatch sieht mit der Gründung einer festinstallierten Institution einen möglichen Ausweg aus der Misere, welche sowohl als Ansprechpartner für Politik als auch für die Szene fungieren sollte. Dieses Thema wollen die Initiatoren im April 2017 im Panel „Musikzentrale Sachsen“ mit Vertretern aus Politik, Branchenverbänden und Förderinstitutionen diskutieren.

Politische Ambitionen

So neu scheint die Idee aber auch nicht zu sein. Zwar nicht explizit für die sächsische Musikwirtschaft, aber implizit dadurch, dass das die Sächsische Staatregierung die Kultur- und Kreativbranche schon etwas länger auf dem Schirm hat.

Diese sei „eine Branche mit beachtlichen Innovations-, Beschäftigungs- und Wertschöpfungspotential. Der hohe Anteil an Selbständigen und die Vielzahl an Klein- und Kleinstbetrieben in der Szene sorgen für Flexibilität und ständigen Wandel“, sagte unser Wirtschaftsminister Martin Dulig Anfang 2016. Das Problem hatte er dabei erkannt: „Trotz hoher Qualifikation der Branchenakteure entsprechen viele Arbeits- und Beschäftigungsverhältnisse noch nicht dem, was wir uns wünschen würden: gutes Einkommen, soziale Absicherung und Verlässlichkeit.“

Und nun? Sein weiteres Ziel aus 2016, die Gründung  eines  Landesverbandes der Kultur- und Kreativwirtschaft Sachsen e. V., der sich aus den drei kommunalen Kreativwirtschaftsverbänden der Städte Chemnitz, Dresden und Leipzig zusammensetzt, scheint besiegelt zu sein: die Sächsische Aufbaubank hat Anfang März mit dem vorzeitigen Maßnahmenbeginn grünes Licht dafür gegeben. Dieses Zentrum soll ein Beratungs- und Vernetzungsangebot für alle Kultur- und Kreativschaffenden anbieten. Davon können auch die Kreativen in der Musikbranche profitieren.

Außerdem, und darauf wartet die Kreativbranche noch, soll es erstmals seit 2008 wieder einen Kulturwirtschaftsbericht geben, in dem u.a. die Eckdaten der Musikwirtschaft wieder zusammengetragen werden.

Darüber hinaus will Sachsen die Ausgaben für Kunst und Kultur steigern. „Für die Kulturräume stehen 2017 und 2018 jeweils 94,7 Millionen Euro (2014 waren es noch 86,7 Millionen Euro) zur Verfügung“, berichtet das Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst. Wie viel davon tatsächlich bei den Kreativen ankommt, steht aber auf einem anderen Blatt. Hoffen wir das Beste.