Neun Stunden im Stau

„Es haben gleich mehrere Wetterkapriolen zugeschlagen“

Blintendorf (dapd-lsc). Michael Tretbar hatte gerade noch Glück. Kurz bevor der 31-jährige Lastwagenfahrer aus Bernburg am Mittwochabend auf der Autobahn 9 in das Stauende bei Schleiz fuhr, wurde er über Funk von einem Kollegen gewarnt. „Der stand ein paar Kilometer vor mir schon mittendrin und meinte nur, ich solle das Weite suchen“, sagt Tretbar, der auf der Raststätte Blintendorf noch eben einen freien Parkplatz fand. „Ich war richtig froh. Brot, die Zigaretten und der Kaffee waren schließlich schon aus“, sagt Tretbar. Die Nacht verbrachte er wie die meisten seiner Kollegen bei laufendem Motor in seiner Koje.

Andere hatten bei dem größten Stau seit Monaten auf der Autobahn 9 weit weniger Glück. Kurz nachdem die wichtige Süd-Nord-Verkehrsverbindung am Mittwochabend bei Schleiz aufgrund von Glätte gesperrt wurde, schwoll der Stau auf 30 Kilometer Länge an. Und binnen Stunden waren auch sämtliche Parkplätze in Richtung Süden belegt. „Ich habe Kontakt mit einem Kollegen auf einem Schwerlaster. Der wollte schon bei Kulmbach raus und fand nichts mehr. Der steht jetzt seit neun Stunden mittendrin“, sagt Tretbar.

Aus Sicht des Thüringer Landesamtes für Bau und Verkehr haben eine unglückliche Verkettung von Umständen zum Megastau geführt. „Es haben gleich mehrere Wetterkapriolen zugeschlagen“, sagt Amtschef Markus Brämer. So hätten plötzlicher Eisregen und Schneefall am frühen Abend zunächst zu einer Serie von Unfällen geführt. Autos rutschten auf der spiegelglatten Fahrbahn in die Leitplanken, und Lkws standen quer. „Aufgrund des ungewöhnlich starken Verkehrs war die Autobahn in Richtung Berlin ziemlich schnell dicht“, sagt Brämer. Selbst die Räumfahrzeuge des Winterdienstes waren in der Kolonne gefangen. „Es ging nichts mehr, weder vor noch zurück. Ein Arbeiten war für alle unmöglich“, sagt Brämer. Wütende Anrufe von Autofahrern sind die Folge.

Aus dem gleichen Grund konnten nach Angaben der örtlichen Feuerwehren auch nicht alle im Stau Stehenden mit heißem Tee versorgt werden. „Man kam ja nicht durch. Und mit den Bechern kann man ja nicht kilometerlang laufen“, sagt etwa ein Feuerwehrmann aus Blintendorf, der am Morgen wenigsten diejenigen mit heißen Getränken versorgte, die in der Nähe der Anschlussstellen festsaßen. An eine vergleichbare Situation kann er sich erinnern. „Dass alles auf einmal zusammenkommt, ist in den vergangenen 20 Jahren nicht mehr passiert“, sagt der Helfer.

Auch am Donnerstagmorgen setzte sich die dramatische Situation fort. Kaum das sich der Stau allmählich aufzulösen begann, peitschte der Wind erneut schwere Schneeböen über den bergigen Streckenabschnitt der A9 . Ein mit Betonteilen beladener Schwerlasttransporter rutschte bei Schleiz von der Fahrbahn und blockierte erneut die Fahrbahn. Einsatzkräfte versuchten über Stunden, den Laster mit schwerem Gerät zu bergen. Allerdings verzögerten zugestellte Fahrbahnen ein Vordringen der Rettungskräfte.

Mit dem einsetzenden Berufsverkehr waren dann zunehmend auch Autofahrer in dem Stau gefangen. „Wir haben es zwar im Radio gehört, aber gedacht, dass es nicht so schlimm ist“, sagt ein junger Mann, der mit Freunden von München nach Berlin fahren wollte. Er musste sich noch mindestens bis zum späten Nachmittag gedulden.

dapd