Pfarrerschaft im Knast auf dem Chemnitzer Kaßberg

Die ehemalige Haftanstalt auf dem Kaßberg in Chemnitz hat eine lange aber leider auch zum Teil unrühmliche Vergangenheit.

So war sie zu DDR-Zeiten der größte Umschlagplatz für politische Häftlinge, die von der BRD freigekauft wurden. Mittlerweile ist der Komplex stillgelegt und doch zieht zu Besichtigungszwecken immer mal wieder Leben ein – so wie heute.

Menschenhandel in der DDR – und das mitten in Chemnitz, damals Karl-Marx-Stadt. Das wohl dunkelste Kapitel eines Staates und damit deutsch-deutscher Geschichte spielte sich auf dem Kaßberg ab. Denn von hier aus wurden Menschen in die BRD verkauft, für Geld – Westgeld.

Es waren politische Gefangene, die sich gegen die Ideologie der DDR stellten oder gar in den Westen flüchten wollten. Auch heute zeugen noch die Mauern von dem, was einst hier geschah.

Und das weckt Interesse, Interesse von vielen. Das beweisen nicht zuletzt die Begehungen im vergangenen Jahr oder die Museumsnacht. Auch heute öffneten sich die Tore des Komplexes für eine Gruppe Besucher – Pfarrer.

Superintendent Andreas Conzendorf hatte eingeladen und rund 30 Geistliche aus Chemnitz und Umgebung folgten. Männer und Frauen des Glaubens an einem Ort, an dem selbiger oft das Letzte war, was einem noch blieb.

So, wie Sabine Popp, die als Zeitzeugin von ihrem Schicksal berichtete. Sieben Monate saß sie 1980 zunächst hier ein, weil sie Ende der siebziger Jahre unter anderem Parolen zum Mauerfall auf Straßen schrieb.

Unter fachkundiger Führung von Holker Thierfeld von der Stasiunterlagenbehörde Chemnitz drang die Pfarrerschaft tiefer in den Komplex und damit in ein Stück DDR-Geschichte ein, die bei den einen Interesse – bei anderen aber auch schmerzliche Erinnerungen wach rief.

Denn auch Pfarrer wurden damals bespitzelt und einige machten dabei auch Bekanntschaft mit derartigen Haftanstalten. Stasiakten hatten wohl die meisten, auch Andreas Conzendorf.

Interview Andreas Conzendorf – Superintendent des Kirchenbezirkes Chemnitz

Das meiste Interesse, neben den Haftbedingungen, galt den Freikaufaktionen durch die BRD.
Knapp 250.000 Menschen kamen so in den Westen, mehr 30.000 davon über Haftanstalten.

Fast 3,4 Milliarden D-Mark flossen so in die DDR – ein Vorgang, der in der Europäischen Geschichte seinesgleichen sucht. Möglich war das nur durch strengste Geheimhaltung auf beiden Seiten.

Auch Sabine Popp gelangte nach insgesamt 2,5 Jahren Haft, unter anderem auch in Hoheneck, auf diesem Weg in eine neue Freiheit, obwohl die Ausreise in den Westen ursprünglich gar nicht ihr Ziel war.

Sie stammt aus der Nähe von Reichenbach in Sachsen und kehrte deshalb nach der Wende auch wieder dorthin zurück. So, wie sie heute an den Ort zurückkehrte, der ihr Leben damals so stark veränderte.

Interview Sabine Popp – Zeitzeugin und Inhaftierte von Mai bis November 1980

Ein Aufruf, der auch heute wieder laut wurde, nämlich der, zumindest einen Teil des Komplexes zur Anschauung zu erhalten. Einer Haftanstalt, die einen dunklen Teil deutsch-deutscher Geschichte widerspiegelt, und deren Ausgang, die Busschleuse, für viele zwar in eine hellere, dafür aber ungewisse Zukunft führte.