Rede von Dirk Hilbert auf dem Heidefriedhof

Hier lesen Sie die Rede des Ersten Bürgermeisters Dirk Hilbert beim offiziellen Gedenken auf dem Dresdner Heidefriedhof. +++

Liebe Dresdnerinnen und Dresdner,
liebe Gäste unserer Stadt,
sehr geehrte Repräsentanten,

das Mädchen weint… Tränen rinnen über ihre Wangen, sammeln sich am Kinn und fallen auf ihr Kleid. Die Arme übereinander gelegt und den Kopf gesenkt – so steht sie da – und weint. Die vielen Tropfen fließen in eine Schale, sie bilden Ringe, wenn sie ins Wasser fallen und vereinen sich in einem Meer aus Tränen. Und jede einzelne Träne gedenkt der Opfer der verheerenden Bombenangriffe vom 13. und 14. Februar 1945 hier in Dresden.

Eintausend Schritte liegen zwischen dem weinenden Mädchen und uns. Wir sind sie soeben gemeinsam gegangen. Bei jedem Schritt haben wir in tiefer Trauer der vielen Opfer gedacht, die dieser schreckliche Krieg gefordert hat… Es sind tausende und abertausende Opfer, die hier auf dem Heidefriedhof ihre letzte Ruhe fanden. Wir verneigen uns an ihren Gräbern.

Jetzt, da ich hier an der Gedenkmauer stehe, kann ich die Flamme in der Opferschale noch brennen sehen. Auch diese Flamme ist ein Symbol für das Gedenken, für unser Gedenken, an die vielen Opfer aus den Tagen des schrecklichen Krieges. Und im Hintergrund steht noch immer das Mädchen und weint…

Doch diese Tränen und diese Flammen erinnern nicht nur, sie mahnen uns auch. Das rote Leuchten des Feuers, fast so wie Dresden damals durch die Feuerbrunst, die in der Stadt wütete, rot leuchtete – dieses Leuchten mahnt uns, die Erinnerung an das Grauen dieser Tage weiterzutragen. Und die Tränen auf dem Gesicht des kleinen Mädchens, genauso wie die vielen Tränen, die nach dem 13. Februar flossen über den Verlust von Familie, Freunden, Nachbarn – diese Tränen mahnen uns: Denn dieser Krieg, der so viel Leid brachte, ging von unserem Land aus. Er wurde von Deutschland in die Welt getragen. Und die Fackel des Krieges, mit der Deutschland die Welt in Brand gesteckt hatte, kam im Februar 1945 in Form von vernichtenden Bomben zurück.

Es gibt heute, am 13. Februar eine Dresdnerin,die einhundert Jahre alt wird. Irene Brann. Sie wurde am 13. Februar 1912 in unserer Stadt geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Dresden. Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung litten sie und ihre Familie unter der menschenfeindlichen Politik des NS-Regimes. Ihr Vater kam ins Konzentrationslager Buchenwald, das Geschäft ihres jüdischen Großvaters – er war Hofjuwelier in Dresden – wurde enteignet. Als junge Frau erlebte sie die Reichspogromnacht und sah die Synagoge brennen.
Im Januar 1939 floh Irene Brann nach Bolivien. Mit ihrer Flucht verlor sie nicht nur ihre Heimat, sondern auch ihre Wurzeln.

Sie erlebte am Radio, bei einer Live-Übertragung der Bombardierung, wie ihre Heimatstadt in Schutt und Asche gelegt wurde.

Dieses Einzelschicksal soll stellvertretend genannt sein für die vielen Menschen, die Opfer der Ideologie und des Hasses des nationalsozialistischen Regimes wurden. Denn diese Ideologie und dieser Hass haben das Grauen über Deutschland und andere Länder gebracht. Wir gedenken heute aller Opfer – in Dresden – aber auch in allen anderen Städten und Ländern. Und wir lassen es nicht zu, dass das Gedenken an die Opfer des Krieges missbraucht wird.
Gerade im Namen der Dresdnerinnen und Dresdner sage ich: Rechtsextreme, die unsere Stadt an diesem Tag heimsuchen, wollen wir hier nicht – weder heute, am 13. Februar noch an einem anderen Tag im Jahr. Lassen Sie uns daher nicht nur hier auf dem Heidefriedhof gedenken, sondern heute noch gemeinsam in der Menschenkette ein weiteres Zeichen setzen zur Erinnerung und Mahnung.
Ich danke Ihnen!

Quelle: Landeshauptstadt Dresden
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