Stollen am laufenden Band

Radebeul (dapd-lsc). Ein Stollen nach dem anderen gleitet über das Förderband, zunächst unter einem Strom aus flüssiger Butter und dann unter einem aus Puderzucker hindurch.

Der Geruch von weihnachtlichen Gewürzen wabert an diesem spätsommerlichen Tag aus der Produktionshalle heraus über das Gelände der Sächsischen und Dresdner Back- und Süßwaren GmbH und Co. KG. 4.500 Christstollen würden hier pro Tag produziert, sagt Seniorchef Karl-Heinz Hartmann. „Montags bis freitags, rund um die Uhr.“

Bekanntgeworden ist das Unternehmen in Radebeul bei Dresden durch sein Hauptprodukt Nudossi. Der heute 61-Jährige und sein Sohn Thomas belebten den beliebten Nuss-Nougat-Aufstrich aus DDR-Zeiten Ende der 90er Jahre wieder, nachdem sie die ehemalige Produktionsstätte in Radebeul erworben hatten. Seit 1990 hatte es Nudossi nicht mehr gegeben.

In den vergangenen Tagen aber stand die Brotaufstrich-Produktion still, wie Karl-Heinz Hartmann sagt. Bei all den Stollen und den verschiedenen Arten des mundgerecht portionierten Stollenkonfekts, die gerade gebacken werden, bleibe einfach kaum noch Platz im Lager.

4.500 Stollen am Tag, eineinhalb Stunden vom rohen Teig bis zum fertig verpackten Gebäck – „das geht nur automatisiert“, sagt der Seniorchef. Menschen kommen nur ins Spiel, wenn Teig oder Puderzucker in die Maschinen gefüllt, die fertigen Produkte verpackt und ins Lager transportiert werden müssen.

„Die schmecken nicht schlechter als vom Bäcker, nur weil es schneller geht“, betont der Konditormeister und genehmigt sich ein großes Stück vom Probe-Exemplar der Mitarbeiterinnen, die die Stollen in Kartons verpacken. Die Verpackungen tragen das Qualitätssiegel „Dresdner Stollen“ – der seit 1995 geschützte Markenname soll garantieren, dass die Gebäcke nach traditionellen Rezepten gebacken werden. Seit diesem Jahr tragen die echten Dresdner Stollen zudem das EU-Siegel „Geschützte geografische Angabe“: Sie dürfen nur aus der Region Dresden stammen.

Drei Millionen dieser echten Dresdner Stollen würden jährlich verkauft, sagt der Geschäftsführer des Schutzverbands Dresdner Stollen e.V., Wolfgang Hesse. 150 Betriebe aus dem Großraum Dresden sind nach seinen Angaben Mitglied im Verband. Hartmanns Unternehmen sei in seiner Größe „nicht unbedingt typisch“. Entscheidend für eine Mitgliedschaft im Schutzverband sei aber die Qualität des Produkts, sagt Hesse, und die werde regelmäßig verbandsintern geprüft.

Jedes Jahr Ende Juni beginnt die Stollenproduktion in der Nudossi-Fabrik, wie Hartmann berichtet. Der 23. August sei der traditionelle Auslieferungstermin für die Handelsketten. „Bis Anfang September gehen bei uns die Stollen lastzugweise raus. Nach der Urlaubssaison muss der Handel voll machen.“ Auch wenn „alle immer schimpfen“ über die Weihnachtsleckereien in den Supermarktregalen, wenn draußen noch Sommerwetter herrscht: „Die beste Verkaufszeit für Weihnachtsartikel ist der September“, erläutert Hartmann.

Pläne für die Zeit nach dem Stollen gibt es auch schon. Ab Januar soll der neue Besuchertrakt regelmäßig genutzt werden. Von ihm aus sollen Gäste künftig durch Glasscheiben die Produktion beobachten können. Auch professionelle Führungen soll es geben und Schaubackstunden im neuen Schulungsraum. Bislang führe er selbst ab und zu Besuchergruppen, sagt der Seniorchef. Aber das gehe ja nur ein paar Mal am Tag und nicht für Einzelpersonen. „Hier kommen immer wieder Busse an, und die Leute erwarten wer weiß was“, betont er.

Für solche Gäste, die aus ganz Deutschland kämen, sei das neue Angebot gedacht. Insgesamt habe das Unternehmen zuletzt 2,4 Millionen Euro investiert: in den neuen Schulungsraum, eine neue Lagerhalle und in eine voll automatisierte Nougatproduktionsanlage.

Die Stollenproduktion läuft noch bis Anfang Dezember – gut zwei Monate müssen die Mitarbeiter also noch durchhalten: „Wir können alle schon im November keinen Stollen mehr sehen“, sagt der Chef. „Wenn man abends nach Hause geht, sehnt sich jeder nach einem Stückel Wurst.“

dapd

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