„Tarifflucht“ auch in Leipzig auf dem Vormarsch

Leipzig - Ein Großteil der Betriebe in Leipzig hält sich nicht mehr an Tarifverträge. Die NGG fordert daher alle Betriebe dazu auf, diese Benachteiligung zu stoppen.

Beschäftigte, die in Leipzig in einem Unternehmen arbeiten, in dem kein Tarifvertrag gilt, sind im Job benachteiligt. Sie erhalten schlechtere Bezahlung, haben längere Arbeitszeiten und weniger Urlaub. Das geht aus einem Bericht der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hervor. Nach Einschätzung der NGG hält sich mittlerweile ein Großteil der rund 15.400 Betriebe in der Messestadt nicht mehr an Tarifverträge. Gewerkschafter Jörg Most ruft daher die Firmen in der Region dazu auf, sich zur Sozialpartnerschaft und zur Mitbestimmung zu bekennen: „Gerade beim digitalen Wandel der Arbeitsplätze muss man die Belegschaften mitnehmen. Gewerkschaften und Betriebsräte sichern nicht nur Jobs. Sie helfen auch dabei, die Zukunft zu gestalten – von neuen Arbeitszeitmodellen bis hin zur Weiterbildung der Mitarbeiter.“

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Freitstaat ist Schlusslicht im Ländervergleich

Im Längervergleich arbeiten in Sachsen die wenigsten Beschäftigten in einem Betrieb mit Tarifvertrag. In Ostdeutschland liegt die Quote laut NGG bei 44 Prozent – im Jahr 2000 waren es noch 55 Prozent. Laut Jörg Most ist die „Tarifflucht“ auch in Leipzig auf dem Vormarsch: "Immer mehr Betriebe versuchen, sich um Tarifverträge zu drücken. Damit setzen sie bewährte Standards aufs Spiel und bieten ein Einfallstor für Dumping-Konkurrenz." Die Tarifbindung ist nach Angaben des Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in kleinen Firmen besonders niedrig. Nur neun Prozent der sächsischen Betriebe mit weniger als zehn Mitarbeitern halten sich demnach  an einen Tarifvertrag. In Unternehmen mit mehr als 200 Beschäftigten liegt die Quote hingegen bei 57 Prozent.

Angesichts dieses Trends müssten Unternehmen, die im Arbeitgeberverband sind, dazu verpflichtet werden, sich an Tarifabschlüsse zu halten, so NGG. Außerdem müsse es einfacher werden, Tarifverträge für ganze Branchen verpflichtend zu machen. Davon profitiere am Ende auch der Staat – durch höhere Einnahmen etwa bei der Renten-, Kranken- und Sozialversicherung. Zuletzt ist die Zahl der Tarifverträge, die für alle Betriebe einer Branche per Gesetz gelten, gesunken. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der LINKEN hervor: Eine so genannte Allgemeinverbindlichkeit wurde im Jahr 2017 lediglich 25 Mal vom Bundesarbeitsministerium erteilt. Im Jahr 2000 waren es noch 133 Fälle.