Tausende Dresdner beim Gedenken an der Frauenkirche – Hans Dietrich Genscher vor Ort

Zur Veranstaltung 13. Februar 2010: wahrhaftig erinnern – versöhnt leben‘ hatten sich Samstagabend vor der Frauenkirche in Dresden zahllose Menschen zum stillen Gedenken versammelt. Sehen Sie die Rede des gebürtigen Dresdners und Bundesminister a.D. Gerhart Baum hier unter www.dresden-fernsehen.de +++

Tausende Dresdner haben sich am Samstagabend vor der Frauenkirche versammelt, um im stillen Gedenken und mit Kerzen der Zerstörung Dresdens vor 65 Jahren zu Gedenken.

Auch der ehemalige Außenminister Hans Dietrich Genscher ist vor der Frauenkirche. Einer der Redner bei der Gedenkveranstaltung vor der Frauenkirche ist Gerhart Baum, Bundesminister des Inneren a.D.. Gerhart Baum ist gebürtiger Dresdner und erlebete am 13.2.1945 den Bombenangriff auf seine Heimatstadt. Lesen Sie hier seine Rede in voller Länge:

Liebe Dresdnerinnen, liebe Dresdner, liebe Gäste der Stadt,

ich kann nicht verbergen, dass ich sehr bewegt bin, heute an diesem Tag und an diesem Ort zu sein. Ich bin ein Überlebender der Bombennacht. Ich war damals etwas mehr als 12 Jahre alt und habe sehr präzise Erinnerungen ebenso an das unzerstörte Dresden wie an die schreckliche Bombennacht.
Bewegt bin ich auch, dass Hans-Dietrich Genscher heute bei uns ist. Ich bin ihm seit langem politisch und freundschaftlich verbunden. Oft hab ich ihn in seine Heimatstadt Halle begleitet. Nun ist er hier, in meiner Heimatstadt. Mit ihm steht hier einer der Architekten der deutschen Einheit – ohne ihn hätte dieses Haus nicht gebaut werden können!

Zurück zu „meinem“ Dresden – es war unzerstörte Dresden: der Altmarkt mit der Rechtsanwaltskanzlei meines Vaters, der Münchner Platz mit unserer Wohnung, die Volksschule in Plauen und das Vitzthum’sche Gymnasium, die Prager Straße, der Weihnachtsmarkt im Schlosshof. Ich erlebte Besuche in der Oper und – noch 1944 – Mozartserenaden im Zwinger. Ich habe auch sehr präzise Erinnerungen an die unzerstörte Frauenkirche, in die ich meine Großmutter mitunter zu Andachten begleitet habe. Und: ich sehe meinen Vater vor mir, wie er sich 1941 am Hauptbahnhof verabschiedet hatte, um als einfacher Soldat nach Russland zu ziehen. Er kam ebenso wenig zurück wie sein Vater aus dem ersten Weltkrieg.
Ich habe dann die Bombennacht erlebt. Was ich erlebt habe, ist exemplarisch für viele Dresdner. Exemplarisch auch für viele andere Menschen – Deutsche und Nichtdeutsche -, die die Folgen der Diktatur und des verbrecherischen Krieges zu tragen hatten. Hier am Neumarkt wohnten Freunde. Sie erzählten nach dem Angriff – noch völlig verstört -, wie sie in letzter Minute nur ihr Mut gerettet hatte, die angeblich schützenden Keller zu verlassen. Sie kamen in den Feuersturm auf dem Platz und flohen in die Kanalisation. Die in den Kellern Verbliebenen kamen in der Hitze um.

Die Bomben sind mitten in unser Leben gefallen. Wie Zigtausende andere Dresdener verloren wir binnen weniger Stunden Freunde, Nachbarn und die gewohnte häusliche Umgebung – unser Haus am Münchner Platz brannte vor unseren Augen ab. Meine Mutter floh mit ihren drei Kindern zu Freunden nach Bayern. Diese Nacht des Angriffs, der – wie ich mich heute noch erinnere – ein Vorfrühlingstag in der Faschingszeit vorausging, ist ein Lebenstrauma, das ich nie richtig verarbeiten konnte. Und das teile ich mit vielen anderen Kriegsopfern.

Die Luftangriffe waren auch in Großbritannien und den USA Thema öffentlicher Diskussion. Thomas Mann schrieb im März 1944:
„Den freien Ländern ist der totale Krieg, sind die Bombardements deutscher Städte aus der Luft und der Jammer, den sie für die Zivilbevölkerung mit sich bringen, ein Problem des öffentlichen Gewissens… Aber es handelt sich um das Gewissen der Freiheit, um die Tragik, dass sie tun muss, was ihr fremd und unnatürlich ist, was sie nach dem eigenen moralischen Gesetz nicht tun dürfte und dennoch durch die Proklamierung der Gewalt auf Erden zu tun gezwungen ist. Das Dilemma ist schwer, beunruhigend und belastend.“

Aber wir müssen sehen: Zwischen der Zerstörung Dresdens und der deutschen Kriegsschuld steht ein untrennbarer Zusammenhang; auch wenn wir uns fragen, warum Dresden und andere Städte – ich denke etwa an Würzburg und Darmstadt – so kurz vor dem absehbaren Ende des Krieges noch zerstört wurden. Die unbelehrbaren Neonazis – und unter ihnen erschreckend viele junge Menschen – leugnen diesen Zusammenhang. Sie bemächtigen sich dieses Tages der Besinnung und der Trauer, um ihn für ihre Ziele zu missbrauchen.

Es war die Synagoge, die im Jahr 1938 als erstes Gebäude in Dresden brannte. Noch am Morgen des 13. Februar 1945 erging ein Deportationsbefehl an die letzten Juden Dresdens. Der Diktator und die Naziführung waren entschlossen, ihre sichere Niederlage bis zum Ende hinauszuzögern. Das führte noch im ganzen Lande zu schrecklichen Verlusten bei der Zivilbevölkerung – z. B. im Häuserkampf um Berlin. An der Oder, an den Seelower Höhen kamen noch im April 1945, also kurz vor Kriegsende, etwa 45.000 Soldaten beider Seiten ums Leben.

Ich stellte mir damals auch die Frage, was passiert wäre, wenn das Attentat am 20.Juli 1944 gelungen wäre. Vieles – und auch die Zerstörung Dresdens – wäre möglicherweise nicht geschehen. Nach dem misslungenen Attentat mussten wir als so genanntes Jungvolk auf den Elbwiesen die Rettung des Diktators feiern.

Ja, es geht um das Erinnern. Dresden hat die Chance und die Verpflichtung – gerade weil es zu einem symbolischen Ort geworden ist – sich stellvertretend auch für andere zu erinnern. Beim Erinnern dürfen wir nicht stehen bleiben. Wir sind geradezu verpflichtet, von Dresden aus immer wieder ein Signal für Frieden und Völkerverständigung, für Demokratie und Menschenrechte in die Welt zu senden. Da ist es nur konsequent, wenn die wieder aufgebaute Frauenkirche als „christliches Weltfriedenszentrum“ verstanden wird.

Die Welt hat sich nach der schrecklichen Barbarei des vorigen Jahrhunderts verändert. Noch nicht so, wie wir es erhofft hatten. Aber mit der „Allgemeinen Erklärungen der Menschenrechte“ machte sich im Jahre 1948 die Völkergemeinschaft auf den Weg, ein neues Völkerrecht zu realisieren, das auf dem Prinzip der Menschenwürde beruht. Einiges ist dabei misslungen – ich denke nur an den vorhersehbaren schrecklichen Völkermord in Ruanda und die Morde in Srebrenica – vor den Augen der Völkergemeinschaft! Und an die bis heute ungelöste humanitäre Katastrophe in Darfur. Immer noch werden viele Menschen auf der Welt gefoltert und wegen ihrer politischen Überzeugung unterdrückt – wie zum Beispiel heute im Iran.

Vieles in den letzten Jahrzehnten konnte aber auch gelingen. Ich nenne nur den Zusammenbruch der Diktaturen in Osteuropa und des Apartheidsystems in Südafrika. Deshalb: Resignation ist kein guter Ratgeber – es lohnt sich zu kämpfen! Letztlich geht es um die Abschaffung des Krieges. Das hatte schon Kant im 18. Jahrhundert gefordert. Vorbeugende Friedenssicherung ist das Ziel, also nicht nur die Beendigung bewaffneter Konflikte, sondern deren Verhinderung. Und dazu gehört der ständige Kampf gegen Hunger und Not. Müssen wir denn immer erst dann tätig werden, wenn uns das Fernsehen schreckliche Bilder in die Wohnstube spült?

„Das Denken der Zukunft muss Kriege unmöglich machen“, so heißt das Motto des Dresdenpreises, der morgen von den „Friends of Dresden“ an Michail Gorbatschow in der Semper Oper verliehen wird. Deren Vorsitzender, Prof. Günter Blobel, wird ihn überreichen. Er hat sich um Dresden verdient gemacht!
Wir Deutsche haben nach unserem Grundgesetz und aufgrund unserer Geschichte eine besondere Verpflichtung, Menschen beizustehen, die weltweit ihrer Menschenwürde beraubt sind. Wir haben heute das Glück, in Frieden in einem freien Land zu leben: ein Glück, das Millionen von Menschen entbehren müssen. Die Absicht der Vereinten Nationen, wie sie von der Generalversammlung im Jahre 2005 einmütig festgelegt wurde, ist sehr ernst nehmen, nämlich Verantwortung für Menschen zu übernehmen, die schweren Verletzungen der Menschenwürde ausgesetzt sind – notfalls auch gegen den Willen der zuständigen Regierungen. Auch wenn das Bemühen immer wieder scheitert, so haben wir die Pflicht, es immer wieder zu versuchen. Untätigkeit macht schuldig! Das gilt auch für die europäischen Regierungen, wenn sie Menschenrechte Nützlichkeitserwägungen opfern.

Wir feiern unser Grundgesetz, das gerade 60 Jahre alt geworden ist und das uns auffordert, „dem Frieden der Welt zu dienen“. Das Grundgesetz ist die beste Verfassung, die wir Deutschen je hatten. Sie ist nicht totes Papier. Sie hat die deutsche Gesellschaft verwandelt – auch wenn es immer wieder Versuche gegeben hat und gibt, gegen das Grundgesetz zu handeln. Noch nie zuvor war das Prinzip der Menschenwürde so bestimmend in einer deutschen Verfassung. Artikel 1 Abs. 1 lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar: Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“. Dieses sittliche Prinzip ist so stark, dass mit ihm immer wieder auch Gesetze und Maßnahmen durch das Bundesverfassungsgericht korrigiert werden können – zum Beispiel dann, wenn bei der Bekämpfung des Terrorismus das Verhältnis von Sicherheit und Freiheit aus dem Gleichgewicht gerät oder das Bekenntnis der Verfassung zum Sozialstaat nicht beachtet wird. Das Urteil des Gericht zu Hartz IV vor einigen Tagen ist eine solche Korrektur.

Wir Deutschen leben – auch wenn es manches zu kritisieren gilt – in einer geglückten Demokratie und das gilt seit 1989 auch für die Deutschen in der früheren DDR. Sie haben sich nach nahezu 57 Jahren Unfreiheit die Freiheit erkämpft. In der deutschen Geschichte ist es die einzige Freiheitsrevolution, die erfolgreich war – und sie war gewaltlos. „Man war angeblich auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete“, sagte der Bürgerrechtler Werner Schulz beim offiziellen Festakt in Leipzig im letzten Oktober, und er fügte hinzu: „Revolutionen vollziehen sich nicht im Selbstlauf. Sie ereignen sich dann, wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen.“

Bürgerrechtler haben auch in Dresden jahrelang Widerstand geleistet. Der Dresdner Ehrenbürger Christof Ziemer hat vor zwei Jahren hier an dieser Stelle an den Februar 1982 erinnert, an das Friedensforum in der Kreuzkirche. 1000 Menschen hatten sich in der Kirche, 5000 davor versammelt – unter dem Zeichen „Schwerter zu Pflugscharen“. Viele von ihnen haben dann demonstrativ den Gang hierher zu den damaligen Ruinen der Frauenkirche angetreten.

Ich selbst erinnere mich an einen Abend in der Kreuzkirche im Oktober 1989, als nach Zusammenstößen mit Sicherheitskräften sich die Menschen in der Kirche zusammen drängten und – für mich unvergessen – Christof Ziemer gegen die Angst predigte. Die Angst wurde schließlich überwunden und mündete in die Entschlossenheit, die unerträgliche Freiheitsunterdrückung nicht mehr hinzunehmen.
Wir Deutschen haben eine Verfassung, die auf Dialog und Verständigung und auf aktive Toleranz setzt – gegen Diskriminierung und Rassenhass. Wenn wir allerdings an „die Schurken denken, die den deutschen Namen vor Gott und der ganzen Welt zum Greuel gemacht haben“, erfüllt uns Hass, wie Thomas Mann 1945 schrieb.

Ausgerechnet diese „Schurken“ sind nun die Vorbilder derjenigen, die sich Dresden zum Ort neonazistischer Demonstrationen ausgewählt haben. Wissen diese denn nicht, dass es ohne Nazidiktatur keine Zerstörung Dresdens gegeben hätte!

Unsere Demokratie räumt auch den Gegnern unserer Verfassung das Privileg der Meinungs- und Demonstrationsfreiheit ein. Das ist manchmal schwer zu verstehen, aber entspricht unserem Grundverständnis von Freiheit. Aber auch für diese Freiheit gibt es Grenzen. Wir sind eine wehrhafte Demokratie und wenden uns gegen alle, die unsere Grundwerte in Frage stellen. Wir wehren uns – und die große Mehrheit der Dresdner tut das sehr überzeugend. Die Anziehungskraft dieses Tages für Neonazis aus der ganzen Republik macht es notwendig, dass Dresden auch hier stellvertretend für andere ein Zeichen setzt und eine aktive politische Diskussion führt. Dass es sich bei den Neonazis nur um eine kleine Minderheit handelt, kann uns nicht wirklich beruhigen. Wehret den Anfängen, aber manchmal ist es schon mehr als ein Anfang.

Es ist bestürzend, dass der 13. Februar immer wieder propagandistisch missbraucht wird. Schon die Goebbel’sche Propaganda hatte damit begonnen. Auch das SED-Regime hatte mit dem Gedenken eigene Zwecke verfolgt, nämlich die Verfälschung der historischen Wahrheit, um die freie Welt zu diskreditieren.
Erfreulicherweise hat unmittelbar nach 1990 bürgerschaftliches Engagement in Dresden zur Aufarbeitung der historischen Wahrheit geführt. Sie prägt seitdem das öffentliche Bewusstsein. Nur auf der Basis wahrhaftigen Erinnerns ist die Friedensbotschaft glaubwürdig, die von Dresden ausgeht.

Es erfüllt mich mit Zorn, dass die Auseinandersetzung mit den Provokateuren diesen Tag beschädigt. Es ist ein Tag der Besinnung und der Trauer, ein Tag unserer Trauer! Niemand darf sich anmaßen, diese Trauer für seine Zwecke zu missbrauchen.

Wir müssen den Mut aufbringen, auf anregende und intensive Weise das Wagnis der Freiheit auf uns zu nehmen. Das Grundgesetz will nicht den Frieden um jeden Preis, sondern einen Frieden im Einklang mit unseren Wertegrundlagen. Wir verteidigen unsere Grundrechte am besten dadurch, dass wir sie bewusst leben, jeden Tag von neuem. Die Freiheit, sie schenkt sich nicht. Wir müssen sie schon erkämpfen. Der Mensch gelingt nur dann, wenn er innerlich und äußerlich in Freiheit lebt!

Ich bin immer wieder gern in Dresden. Hier liegen die Wurzeln meines Lebens. Hier ist für mich auch heute noch Heimat, in dem Dresden, das sich auch künftig als Symbol für Versöhnung und Friedenssicherung verstehen möge.
Folgen wir der Vision von Michail Gorbatschow, eine Atomwaffen freie Welt zu bauen – das ist keine Träumerei, sondern die Überlebenschance einer auf Frieden und Völkerverständigung gegründeten Welt.

Quelle: Stiftung Frauenkirche Dresden 

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