„Unheilig“ mit zwei Leipzig-Konzerten – Großes LF-Interview mit dem Grafen!

Seit 2010 begeistert die Band Unheilig und ihr Frontmann „Der Graf“ die komplette, deutsche Musikwelt. Mit Hits wie „Unter deiner Flagge“ oder „So wie du warst“ wurden die Charts gestürmt. Im großen LF-Interview gibt der Graf einen Ausblick auf die kommende Tournee. +++

LEIPZIG FERNSEHEN: Hallihallo, danke, dass Sie Zeit haben, Herr ähm .. wie sagt man eigentlich? Herr Graf, der Graf oder einfach nur „Graf“?

DER GRAF: (lacht) Also offiziell ist es „Der Graf“, aber einfach nur „Graf“ wäre super. Und Duzen, bitte.

LEIPZIG FERNSEHEN:
Okay, alles klar, Graf. Ich bin der Philipp.

DER GRAF: Hallo, Philipp! (lacht erneut)

LEIPZIG FERNSEHEN: Okay, dann legen wir mal los. Du startest deine Tour am 30.6. – los geht’s in Meppen. Du kommst aber gebürtig aus Aachen. Warum startet die Tour nicht dort?

DER GRAF: Ich bin ja ein Mensch, der sein Privatleben sehr schützt. Und genau deshalb habe ich noch nie ein Konzert in Aachen gegeben. Denn die Stadt ist mein Ruhepol, wo ich mich einfach so zurückziehen kann, da ist das ganz gut. Aber wir starten ja in der wunderschönen Stadt Meppen, das ist auch super. Die Stadt, die am nächsten an Aachen dran war, in der ich aufgetreten bin, war Köln, glaube ich. Das hat eben den einfachen Grund, dass ich ein Mensch bin, der da wo er lebt und wohnt, eigentlich nicht gerne auftreten will.

LEIPZIG FERNSEHEN: Jetzt kommst du ja bereits am 12. Juli nach Leipzig. Einen Tag früher als eigentlich geplant. Denn das Konzert am 13. Juli war bereits so schnell ausverkauft. Da habt ihr gesagt, ihr macht einfach noch ein Zusatzkonzert einen Tag früher. Damit spielt ihr auf der Tour nur in Leipzig zwei Konzerte. Was denkst du, woran liegt das, dass ich gerade in Leipzig so einen Zulauf habt?

DER GRAF: Wir waren in den letzten Jahren schon oft in der Gegend in und um Leipzig unterwegs. Und ich glaube, gerade da gibt es eben ganz viele Menschen, die sich darauf freuen, dieses Konzert zu besuchen. Bei jedem Auftritt sind da immer mindestens 14.000 Menschen. Das ist natürlich klasse! Ich glaube, Berlin ist auch schon ausverkauft. Da spielen wir auf der Wuhlheide. Und irgendwann ist es halt so, dass das Konzert leider ausverkauft ist. Und wenn man irgendwie spürt, dass noch mehr Leute auf das Konzert gehen wollen, dann bin ich natürlich froh, wenn man da noch ein Zusatzkonzert spielen kann. Unsere Location ist halt schnell voll, das liegt auch an den großen Zusatzbereichen wie unseren Kinder- bzw. Familienbereich, den wir bei jedem Konzert aufbauen. Da sind die Kapazitäten schnell ausgeschöpft. Dazu kommt nun noch, dass die Atmosphäre in Leipzig immer eine schöne Erinnerung in meinem Herzen ist. Und ich freue mich darüber, dass so viele kommen. Woran das liegt – ihnen gefällt anscheinend meine Musik (lacht).

LEIPZIG FERNSEHEN: Viele große deutsche Künstler suchen sich in Leipzig entweder das Stadion oder die Arena Leipzig als Auftrittsort aus. Ihr geht aber ans Völkerschlachtdenkmal. Hat das was mit der dortigen Kulisse zu tun und Atmosphäre zu tun?

DER GRAF: Definitiv. Also wir haben schon vor eineinhalb Jahren angefangen, die Tour zu planen. Und ich habe dann so ein paar Rahmenbedingungen aufgestellt, was ich gerne hätte. Vor allem, dass wir Platz haben, um eben unseren Kinder- und Familienbereich aufbauen zu können. Und das Völkerschlachtdenkmal ist da ideal. Ich war in den vergangenen zwölf Jahren immer beim Wave Gothik Treffen in Leipzig und kenne das Völkerschlachtdenkmal daher ganz gut. Gespielt habe ich davor allerdings noch nie. Und als wir das Angebot bekamen, dort auftreten zu können, habe ich natürlich zugesagt. Die Atmosphäre wird natürlich unglaublich schön sein, glaube ich. Und so eine Kulisse hat man sonst nirgendswo.

LEIPZIG FERNSEHEN: Jetzt warst du schon oft beim WGT in Leipzig. Die Stadt ist über die Jahre hinweg für die Szene, in der du bekannt geworden bist, ja so etwas wie ein Mekka geworden. Wie hast du denn die Stadt bei deinen Besuchen immer erlebt?

DER GRAF: Bei mir sind das Spiegelbild einer Stadt immer die Menschen, die ich in der Stadt und auch bei den Konzerten erlebe und treffe. Und was ich bisher in Leipzig immer erlebt habe, war einfach gigantisch! Wenn da 20.000 oder mehr, schwarzgekleidete Menschen in der Stadt unterwegs sind, ist das einfach toll. Vor allem werden die Menschen in Leipzig mit einer Herzlichkeit und Offenheit aufgenommen! Das ist etwas Außergewöhnliches und da kann man in Leipzig schon stolz drauf sein!

LEIPZIG FERNSEHEN: Kommen wir mal zur Tournee an sich. „Lichter der Stadt Tournee“ ist der Name. Spielt ihr da nur das aktuelle, gleichnamige Album oder auch die alten Hits, bevor ihr so richtig bekannt wurdet?

DER GRAF: Wir werden definitv Lieder von „Lichter der Stadt“ spielen. Aber auch Songs von „Große Freiheit“ (Album von 2010, Anm. d. Red.) werden dabei sein. Und natürlich auch einige Sachen von den ganz frühen Alben. Das war schon immer so. Ich glaube, ein Konzert muss das Spiegelbild einer Band sein, das zeigt, was man bisher alles schon gemacht hat. Der Hauptfokus liegt zwar ganz klar auf „Lichter der Stadt“, aber ich bin der Meinung, man sollte auch Songs spielen, die man das letzte Mal vor acht Jahren zum Besten gegeben hat. Die Leute können sich auf eine gute Mischung freuen. Eine Show muss eine emotionale Achterbahnfahrt sein.

LEIPZIG FERNSEHEN: Mit „Große Freiheit“ habt ihr es geschafft, auch in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Davor wart ihr in der Alternative- bzw. Gothic-Szene bekannt. Hat sich durch diesen Wandel auch das Publikum verändert?

DER GRAF: Also die ersten drei, vier Reihen sind immer noch allesamt schwarz. Es gibt immer noch eine ganze Menge Menschen, die uns schon seit zehn Jahren kennen und begleiten. Und genau die finden uns immer noch gut, finden es aber auch toll, dass alles jetzt so groß geworden ist. Das Publikum, das jetzt dazu gekommen ist, hat mit der Szene wahrscheinlich gar nichs zu tun. Aber das klappt alles, alle vertragen sich und haben eine gute gemeinsame Zeit auf den Konzerten. Das Publikum hat sich also vergrößert, es ist gestreckt worden, vor allem von Alter her. Wir haben Fans im Alter von 8 bis 80, würde ich sagen. In der Musik findet irgendwie jede Generation wieder, glaube ich. Und deshalb gehen die dann eben auch gemeinsam zu den Konzerten. Bei Unheilig ist es normal, dass eben eine ganze Familie dabei ist. Die Kinder, die Mama, der Papa und auch die Oma und der Opa. Denn das ganze Konzert und die Möglichkeiten drum herum sind ja auch genau darauf ausgelegt. Kinder zwischen sechs und zehn Jahren kommen eben kostenlos rein. Und alle Besucher über 65 ebenfalls. Das freut mich auch riesig. Richtig stolz bin ich aber immer noch auf die Fans, die uns schon lange kennen und immer noch zu unseren Konzerten kommen. Das zeigt mir auch, dass man als Musiker den richtigen Weg gegangen ist.

LEIPZIG FERNSEHEN: Bleiben wir gleich mal bei dem Thema. Vor „Unheilig“ gab es ja bereits einige Bands aus der Gothic-Szene, die im Mainstream Erfolg hatten. Doch keine Band hat es meiner Meinung nach bisher geschafft, die doch mit Vorurteilen behaftete Sicht auf die Szene, aus der ihr kommt, besser den Leuten näher zu bringen. Bist du auch ein bisschen Stolz auf diese quasi Pionier-Arbeit?

DER GRAF: Das freut mich natürlich sehr. Gerade nach dem Erfolg mit „Große Freiheit“ 2010 musste ich mich häufig erklären: Wo komme ich her? Was ist die Gothic-Szene? Was macht man da? Wir sind eben eine Szene, die oft mit Vorurteilen betrachtet wurde oder von einigen Leuten immer noch betrachtet wird. Uns hat man vor acht Jahren zum Beispiel gesagt, dass man mit dem Namen „Unheilig“ nie im Radio oder TV stattfinden wird. Eben genau aus diesen genannten Gründen. Ich habe letztens erst einen großen Bericht über das WGT in Leipzig gesehen, wie das in der Stadt und von den Leuten aufgenommen wird. Dieser Bericht war durchweg positiv! Ich weiß zwar nicht, ob ich an der Änderung dieser Sichtweise vielleicht etwas mitgeholfen habe, aber wenn es so ist, ist das auf jeden Fall schön. Die Szene ist etwas ganz Besonderes und gerade das WGT in Leipzig ist außergewöhnlich. Das gibt es eben so nicht nochmal auf der Welt! Ob ich nun allein derjenige war, der die Szene am besten in die Gesellschaft gebracht hat, wage ich allerdings zu bezweifeln. Bands wie The Cure, Depeche Mode, Rammstein oder Oomph! waren schon Jahre vor uns ziemlich erfolgreich und sind es zum Teil immer noch.

LEIPZIG FERNSEHEN: Du hast jetzt ganz viele Bands genannt. Gutes Stichwort. Werden wir mal etwas privater. Du hältst dich ja sehr bedeckt in diesem Thema. Das finde ich auch vollkommen nachvollziehbar. Aber beim persönlichen Musikgeschmack kannst du ja eine Ausnahme machen, oder?

DER GRAF: Ja klar, kann ich machen. Also ich höre alles außer Marschmusik! Egal, ob Metal, Pop, Rock… Ich höre von Herbert Grönemeyer bis Rammstein alles. Linkin Park, U2, Coldplay, Xavier Naidoo… ich höre sehr viele deutsche Künstler. Da gibt es bei mir kaum Eingrenzungen. Ich bin ein Kind der 80er Jahre, damit bin ich groß geworden, das hat mich auch musikalisch geprägt. Und meine Musik ist auch immer ein kleines Abbild der Musik, die ich auch selber gut finde.

LEIPZIG FERNSEHEN: Viele sagen, die Musik von „Unheilig“ ist düster. Wenn man sich aber mal die Texte anschaut, dann sind das oft sehr positive und emotionale Lieder. Steckt hinter jedem deiner Songs eine selbst erlebte Geschichte?

DER GRAF: Bevor ich ein Lied schreibe, brauche ich immer etwas, was mich berührt. Ich muss immer etwas Emotionales in mir tragen, was mich so beschäftigt. Etwas, was aus dem Leben kommt. Und dann schreibe ich ein Lied darüber, um mir das auch immer wieder selbst vor Augen zu führen. Alle Lieder, alle Texte, alle Geschichten von mir basieren auf Dingen, die ich selbst erlebt habe, was mich so berührt hat. Ich kann kein Lied über etwas Fiktives schreiben, weil mir da der emotionale Bezug fehlt. Ansonsten fehlt mir etwas. Ich brauche ein Thema, das mich so berührt, dass ich es mir von der Seele schreiben kann.

LEIPZIG FERNSEHEN: Jetzt sind nicht nur die Texte besonders, auch der Stil ist es. Ich habe bisher noch von keiner Band gehört, die mit einem gestandenen Männerchor auf Tournee geht…

DER GRAF: …Das geht aber! (lacht)

LEIPZIG FERNSEHEN: … Wie stelle ich mir da den Tour-Alltag mit den Männern vor? Kloppt man da abends nach dem Konzert Skat oder wie?

DER GRAF: Bei den TV-Auftritten haben wir die Jungs immer dabei. Bei der Tour werden sie aber nicht immer mit uns auftreten. Aber immer wenn die dabei waren, war es immer recht lustig! Für die Männer war das etwas ganz Besonderes. Bei den Veranstaltungen, die die Männer sonst nur aus dem Fernsehen kennen, waren sie dann plötzlich dabei. Und nach dem Auftritt sind sie dann immer geschlossen in die Stadt gegangen. Das war ein schönes, geselliges Beisammensein und wir haben uns alle super verstanden und gelacht. Was ich total bewundere ist diese Flexibilität, diesen ganzen Stress, die Aufregung und das Lampenfieber noch im hohen Alter auf sich zu nehmen. Aber die Jungs haben die ganze Aufmerksamkeit, die auf sie eingeprasselt ist, echt cool weggesteckt.

LEIPZIG FERNSEHEN: Stichwort Aufmerksamkeit. Wie hast du denn selber diesen plötzlichen Erfolg verarbeitet? Hast du dich verändert oder bist du immer noch der alte „Graf“?

DER GRAF: Ich finde das alles toll, was passiert ist, das berührt mich total. Aber ich versuche mich schon immer wieder so zu erden, dass mich nicht ändere. Ganz wichtig ist, dass man ganz normal weiter macht wie bisher. Ich sehe auch keinen Sinn darin, wenn ich mich anders verhalten würde, mich anders orientiere oder andere Musik mache. Die Musik ist die gleich Musik wie vor zwölf Jahren, denke ich. Das Einzige, was sich geändert hat, ist die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Ich habe aber auch zwei Jahre lang gebraucht, um das alles erstmal zu verarbeiten. Dieser Erfolg, die plötzlichen Fernseh- und Radioauftritte, die veränderten Größenordnungen… Immer mehr Konzerte, ausverkaufte bzw. größere Konzerte. Plötzlich stehst du eben vor 20.000 Menschen. Vor zwei Jahren waren das noch 2.000. Aber ich bin damit ganz gut klar gekommen, denke ich. Ich habe auch ein privates Umfeld, was sehr ruhig ist. Ebenfalls gut war, dass ich mir diesen Erfolg erarbeitet habe. Dann sieht man das auch mit anderen Augen, als wenn das von heute auf morgen alles passiert wäre.

LEIPZIG FERNSEHEN: Kurzer Blick nach vorne. Eure Tour geht bis September 2012. Wie geht es danach mit „Unheilig“ weiter?

DER GRAF: Ich kann sagen, dass das nächste Album bereits in Planung ist. „Lichter der Stadt“ ist während der letzten Tour entstanden. Ich habe mich, während wir auf Tour waren, immer mal hingesetzt und Lieder geschrieben. Im Hotelzimmer, Backstage, ganz egal. Das werde ich so nicht noch einmal machen. Ich weiß auch schon, wie es heißen wird. Aber ich halte mich dahingehend noch bedeckt, weil ich erst einmal auf Tour gehen will und sie genießen. Eine Tour ist immer der Höhepunkt eines Albums, weil man die Wirkung der Songs erst dann richtig fühlt, wenn man das direkte Feedback von den Fans bekommt. Alles andere kann ich – und will ich auch nicht sagen.

LEIPZIG FERNSEHEN: Das heißt, den Albumtitel wirst du mir jetzt also nicht verraten?

DER GRAF: Nein! (lacht) Ich beiße mir da auf die Zunge und werde ihn leider nicht verraten.

LEIPZIG FERNSEHEN: Schade. Aber trotzdem vielen, vielen Dank für deine Zeit und das tolle Interview! Und viel Erfolg bei deiner Tournee!


Das Interview mit dem Grafen führte LF-Reporter Philipp Wolfram. Den kompletten Audio-Mitschnitt davon hören Sie bald hier bei LEIPZIG FERNSEHEN Online.