Wenn Trauer krankhaft wird – was steckt dahinter?

Laut Statistik sterben pro Jahr in Deutschland knapp 870.000 Menschen, egal ob jung oder alt, durch Unfall oder Krankheit.

 

Damit könnte der Gedanke aufkommen, dass der Tod doch irgendwie zum Alltag hierzulande dazugehört. Doch wer einen geliebten Menschen verliert, bleibt mit seinen Gefühlen oft alleine zurück. Trauer, die nicht immer unbedingt mit dem Abschied von einer nahestehenden Person zu tun hat, hat in unserer Gesellschaft kaum Platz. Doch Emotionen, die unterdrückt oder nicht zugelassen werden, verschaffen sich anderweitig Platz und fordern ihr Recht ein.

Was genau ist eigentlich Trauer?

Viele haben es schon erlebt, dieses intensive Gefühl, wenn die Augen brennen und das Herz zu zerreißen scheint. Ein dumpfer Schmerz benebelt das Denken und beherrscht den Alltag. Wer in dieser Phase weinen kann, verschafft sich mitunter etwas Erleichterung. Doch grundsätzlich ist die Trauer unendlich, nach der ersten großen Emotion breitet sich hohle Leere aus und formt sich zu einem Loch, das sich nicht mehr schließen lassen will. So, oder so ähnlich klingt es, wenn Menschen ihre Gefühlssituation bei Trauer beschreiben wollen.

© Statista 2016 Quelle: Statistisches Bundesamt

Der Brockhaus weiß eine andere Antwort und bezeichnet Trauer "als seelische Reaktion auf Verluste oder Einschränkungen", gekennzeichnet durch:

-Niedergeschlagenheit
-Antriebslosigkeit
-Genussunfähigkeit
-Todessehnsucht

Trotz dieser bedrückenden Beschreibung gilt die Trauer auch als eine effektive Reaktion, die es ermöglicht, traumatische Ereignisse im Leben verarbeiten zu können. Verläuft die Trauer normal, kommt es dazu, dass sich die Betroffenen vermehrt schonen, auf Zuwendung der Umgebung angewiesen sind und sich intensiv mit dem individuellen Verlust auseinandersetzen. Experten unterteilen diese stetige Form der Trauerbewältigung in insgesamt 4 Phasen, die im Normalfall aufeinanderfolgen. Einen genaueren Überblick über den Ablauf dieser Phasen bietet ein Ratgeber von Ergodirekt

Definiert ein Psychologe den Begriff Trauer, geht es dabei meist darum, die durch ein betrübendes Ereignis verursachte Gemütslage und deren Ausleben nach außen zu erklären. Trauern kann aber auch ein Überwinden von Leid und Schmerz bedeuten und zählt deshalb zu den wichtigsten Emotionen, die ein Mensch imstande ist zu erleben.

 

© 91984726 - sad woman © yanlev

Körperliche und emotionale Ausdrucksweise

Klar ist, dass Trauer – aus welchem Grund auch immer sie empfunden wird – eine ganz normale Angelegenheit ist. Sie kann sowohl körperlich als auch emotional wahrgenommen werden. 

Körperliche Symptome sind zum Beispiel

-Starke Müdigkeit
-Schlaflosigkeit
-Verdauungsprobleme
-Magenbeschwerden
-Zittern
-Kopfweh
-Schwindelgefühle

Auf der psychischen Ebene kann es zu folgenden Reaktionen kommen:

-Wut
-Angst
-Schuld
-Erstarren
-Aggressionen
-Verzweiflung

All das sind durchaus normale Reaktionen auf den Verlust, doch wichtig ist, dass sie der Betroffene auch auslebt. Tut er dies nicht oder verharrt er zu lange in einer einzigen Emotion, kann dies schwerwiegende Folgen haben und zu tatsächlichen Erkrankungen führen.

Grundsätzlich gibt es unterschiedliche Anlässe, warum jemand trauert. Einschneidende Verluste wie etwa

-Der Tod eines geliebten Menschen
-Der Tod eines Haustieres
-Der Verlust von materiellen Gegenständen, die persönliche Bedeutung hatten
-Die Amputation von Körperteilen
-Der Verlust der Arbeitsstelle
-Der Verlust des Partners, etwa durch Scheidung oder Trennung

Damit das Gefühl der Trauer beim Betroffenen ausgelöst wird, kann es auch vorkommen, dass gar kein tatsächlicher Verlust stattgefunden hat. Manchmal reicht da schon die Vorstellung eines zukünftigen Verlustes aus. Grundsätzlich ist das Trauergefühl ein gutes Zeichen und gleichzeitig Ausdruck einer gesunden Persönlichkeit, die auch tiefe Bindungen eingehen und leben kann.

 

Trauer ist ein Schutzmechanismus

Wer sich das Phänomen der Trauer aus evolutionärer Sicht betrachtet, stellt fest, dass es in früheren Zeiten auch als Schutzfunktion diente. Wer vorübergehend vom geliebten Menschen getrennt war oder wurde, baute Trauer auf und wurde damit instinktiv daran gehindert, eine neue Beziehung aufzubauen. Alte Bindungen wurden somit geschützt. Im Todesfall des geliebten Menschen stößt dieser Schutzmechanismus allerdings klar ins Leere.

Trauer wird in unterschiedliche Formen unterteilt

So natürlich das Gefühl der Trauer auch ist, so sehr unterscheidet sich in der Form der Trauer jeder Mensch vom anderen. Grundsätzlich gilt folgende Unterscheidung:

Normale Trauer

Die normale Trauer durchläuft mehrere Phasen und endet nach einem individuellen Zeitraum mit dem Wiedereintreten des Betroffenen ins Leben, in den Beruf und in das soziale Miteinander. Die Erinnerungen an den geliebten Menschen, das Haustier oder die Trauer auslösende Situation werden behalten, füllen aber nicht mehr den Lebensinhalt aus. Die Resttrauer wird vorhanden bleiben, ist jedoch nicht immer und alltäglich präsent.

Pathologische Trauer

Die pathologische Trauer entwickelt sich dann, wenn der Trauerprozess beim Betroffenen zum Stillstand kommt. Experten unterscheiden wiederum die chronische und die verzögerte Trauer. Bei der chronischen Trauer kann die letzte Trauerphase nicht alleine abgeschlossen werden, womit die Rückkehr in den normalen Alltag erschwert oder sogar unmöglich wird. Auch kann der Verlust nicht akzeptiert werden.

Die pathologische Trauer

Gefühle wie Wut, Schuld und ein Rückzug aus dem Leben bleiben präsent und werden zum Lebensinhalt, die Trauer selbst wird dagegen kaum richtig zugelassen.

Dies kann zu

-Depressionen
-Angststörungen
-Körperlichen Beschwerden
-Abhängigkeiten von Nikotin und Alkohol bzw. Medikamenten

führen. In der Folge macht sich ein gestörtes Sozialverhalten breit, was bei manchen Trauernden sogar bis zum Suizidverhalten führen kann.

Wenn der Betroffene erst sehr lange nach dem Verlust oder sehr stark bzw. kaum trauert, spricht der Experte von verzögerter Trauer. Diese führt dazu, dass die auftretende Emotion nicht unbedingt dem Verlust zugeordnet wird. Gerade solche Personen sind sehr anfällig für psychische oder körperliche Erkrankungen. Ob sich eine pathologische Trauer entwickelt, hängt von mehreren Faktoren ab:

Dem Charakter des BetroffenenDer Ursache des TodesDem Umstand des TodesDer Beziehung zwischen Verstorbenen und Hinterbliebenem

Experten unterscheiden fünf Grundformen der pathologischen Trauer nach W. Worden

  1. Blockierte Trauer, die die Bewältigung des Verlustes erschwert oder verhindert. Nicht selten erleidet der Betroffene in zeitverzögerter Form psychische und körperliche Erkrankungen.
  2. Chronische Trauer fällt vor allem durch ihre übermäßig lange Dauer auf. Der Betroffene empfindet dies und entwickelt Angst, dass er sozial den Anschluss verliert, was meist dazu führt, dass er professionelle Hilfe sucht.
  3. Verzögerte Trauer ist es dann, wenn der Hinterbliebene zwar in gewissem Maße trauert, aber deren Intensität nicht erklärbar ausreicht. Es kommt dazu, dass sich die verzögerten emotionalen Reaktionen in völlig unpassenden Situationen Bahn brechen, etwa wenn der Betroffene einen traurigen Film sieht.
  4. Von einer übertriebenen Trauerreaktion spricht der Experte, wenn die emotionalen Ausbrüche das Alltagsleben des Betroffenen komplett einschränken und dieses über kurz oder lang unmöglich machen. Dies kann in Form von Depressionen, Phobien oder Panikattacken sein.
  5. Larvierte Trauerreaktion bedeutet, dass dem Hinterbliebenen gar nicht klar ist, dass es sich um eine latente Trauerreaktion handelt. Somatisierungen, also die Umwandlung von psychischen Problemen in körperliche Symptome, sind hier meist die Folge und sollten in jedem Fall das Aufsuchen eines Experten zur Folge haben. Dies gilt auch dann, wenn im Zusammenhang mit der Trauer Selbstbeschuldigungen auftreten. Meist kommt es in der Folge zur Verdrängung von Trauer oder chronischer Trauer. Davon betroffen sind vor allem Mütter, die beispielsweise ihr Kind verloren haben. Diese trauern mitunter ein Leben lang.

 Wenn aus Trauer Depressionen werden

 

© 99488114 - Depression - BillionPhotos.com

Um diese These ist hauptsächlich in Amerika in letzter Zeit eine heftige Debatte entbrannt. Experten hierzulande gehen davon aus, dass jeder Mensch individuell trauert und dementsprechend viel oder wenig Zeit zum Verarbeiten des Verlustes benötigt. Während manche nach einem halben Jahr oder einem Jahr wieder zurück in den Alltag finden und in der Lage sind, emotionale und soziale Kontakte zu erleben, dauert es bei anderen drei bis fünf Jahre. Deshalb gibt es auch von Trauerexperten und Psychologen in Deutschland keine Angaben, wie lange normale Trauer dauert oder zu dauern hat.

Ganz anders in den USA. Dort hat die American Psychiatric Association, kurz APA genannt, eine klare Haltung erkennen lassen. Symptome wie

-Traurigkeit
-Appetitverlust
-Konzentrationsschwierigkeiten
-Energielosigkeit

wurden bis vor zwei Jahren bereits nach einem Jahr Trauer des Hinterbliebenen als Depression diagnostiziert. Nach neuer geltender Regel hat der Betroffene nun zwei Monate Zeit, um seine Gefühle nach dem Verlust auszuleben und neu zu ordnen. Dann gilt er bereits als depressiv. Genauere Informationen und kritische Stellungnahmen über die derzeit 5. Ausgabe des Handbuches der American Psychiatric Association sind hier einsehbar.

Wann immer auch von Depression gesprochen wird, wichtig ist, dass spätestens ab diesem Zeitpunkt professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird. Diese kann durchaus in einer medikamentösen Therapie bestehen, die für den Moment hilft, die Stimmung aufzulockern und vor allem bei Schlafstörungen lindernd wirkt. Unabdingbarer Bestandteil dieser Therapieformen ist aber immer auch eine individuelle Trauerbewältigung, die sich in ihrer Form am Betroffenen orientiert.

Trauer ist lebenswichtig

"Nicht das Erleben einer intensiven emotionalen Belastung ist für den Heilungsprozess entscheidend, sondern die Integration des Verlustes in das autobiographische Gedächtnis. Abschied nehmen und den Tod zu akzeptieren heißt nicht, die Beziehung zu einer verstorbenen Person aufzugeben. Diese kann ein Leben lang fortbestehen", erklärt Helmut Berndt in, leitender Arzt der Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie in einer Pressemitteilung.

Damit ist klar, der Mensch muss trauern. Denn nur dann, wenn dem Verlust bewusst begegnet wird, kann die Rückkehr ins normale alltägliche Leben erfolgen. Auch wenn der Schmerz über den Tod des Verstorbenen bestehen bleibt, nimmt doch seine Intensität ab. Wichtig ist allerdings, dass die Trauer nicht verdrängt wird, sonst wird der Betroffenen früher oder später von seiner Vergangenheit eingeholt.

 

Bild 1: © Statista 2016 Quelle: Statistisches Bundesamt

Bild 2: 91984726 - sad woman © yanlev

Bild 3: 53545162 - Frau auf Beerdigung mit Sarg © Kzenon

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