„Zerrissene Gesellschaft“ – Bringt Fotografie uns wieder an einen Tisch?

Leipzig – Ob die Fotografie dazu in der Lage ist, Menschen aus ihrer „eigenen Blase“ herauszuholen, soziale Segregation zu verhindern und den Blick wieder auf das Gesellschaftliche zu richten, mit dieser Frage befasst sich das 8. Internationale Fotografiefestival F/STOP mit dem Titel „Zerrissene Gesellschaft“.

Ob US-Präsidentschaftswahlen, Brexit-Referendum oder die deutsche Regierungsbildung, immer wieder kommt es nur zu einer knappen Mehrheit in Wahlergebnissen. Zusehends driftet unsere Gesellschaft auseinander. Die sich gegenüberstehenden politischen Gruppen sind mittlerweile so stark in ihren Meinungen verkapselt, dass eine demokratische Vermittlung beinahe unmöglich erscheint.

Ob die Fotografie dazu in der Lage ist, Menschen aus ihrer „eigenen Blase“ herauszuholen, soziale Segregation zu verhindern und den Blick wieder auf das Gesellschaftliche zu richten, mit dieser Frage befasst sich das 8. Internationale Fotografiefestival F/STOP mit dem Titel „Zerrissene Gesellschaft“. Kuratiert wird die Austellung auf dem Gelände der Baumwollspinnerei von den Spector-Books-Verlegerinnen Jan Wenzel und Anne König.

„Sie kann uns erinnern. Wir können uns ein Bild vond er Vergangenheit machen, was wir so vieleicht nicht gehabt haben. Was wir auch gern verdrängt haben. Wir können dem die Bilder der Gegenwart gegenüberstellen. Die Fotografie ist eine untrügliche Erinnerungsstütze. Sie ist in gewisser Weise nicht korrigierbar. Wir müssen diese Bilder akzeptieren, ob wir wollen oder nicht und wir müssen uns damit auch auseinadersetzen“, erklärt Anne König, Mitkuratorin des 8. F/STOP-Festivals.

Exemplarisch nimmt das Festival dafür das Vereinigungsjahr 1990 in den Blick. Ein Jahr voller Hoffnungn, Ängste, Versprechungen und Kränkungen. Mit einem Bild-Text-Display auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz begibt sich „f/stop In Situ“ zu jenem geschichtlichen Ort, an dem Konflikte stattgefunden haben, deren erzeugte Emotionen bis tief in unsere heutige Zeit reinragen und Nährboden für populistische Parteien in Ostdeutschland sind.

Damals noch als studentischer Vertreter am Runden Tisch in Leipzig, begab sich der Fotograf Andreas Rost 1990 auf die Straße, um dort die Menschen zu fotografieren.

„Ich habe leider ziemlich schnell feststellen müssen, dass die Menschen sich ziemlich schnell von uns Bürgerrechtlern entfernt haben. Ich hab das damals nicht so richtig verstanden. Ich wusste nicht, was da passiert ist. Dieses mit der Kamera auf die Straße gehen, das war für mich auch so ein bisschen wie der Versuch, verstehen zu lernen, was da passiert ist. washaben wir vielleicht falsch gemacht, was haben wir übersehen oder wo haben wir nicht richtig hingehört“, beschreibt Andreas Rost, Fotograf.

Die Motive, kritische Momente einer Zeit, die bei vielen Ostdeutschen nur bruchhaft in den Erinnerungen verblieben sind. Die Fotografie, als unüberschreibbares Medium, konfrontiert die Menschen mit diesen vergessenen Augenblicken und kann somit einen gesellschaftlichen Diskussionsprozess anstoßen.

„Heute sind ja auch viele Sachen vielleicht von Frust und Enttäuschung überlagert. Leute fühlen sich diskriminiert oder missachtet, aber wenn ich dann die Bilder sehe und ich sehe, wie Menschen ihre Angst verloren haben und als freie Bürger begriffen haben, das sie für ihre Rechte kämpfen können und für sie einstehen können, das ist doch eigentlic eine unglaublich schöne Sache gewesen, die es da gegeben hat. Das ist im Grunde genommen alles das was man immer über die Agora in Griechenland hört. Ein demokratischer Idealzustand“, erklärt Rost.

In der Hauptausstellung werden ebenfalls Zeichnungen als Ergänzung und Korrektiv der Fotografie gegenübergestellt, in denen sich Erinnerung und Vorstellung nocheinmal auf ganz andere Weise festhalten lassen.

Neben dem Jahr 1990 als größter thematischer Knotenpunkt bilden Arbeiten zur Geschichte des NSU oder auch des Uranabbaus im Erzgebirge weitere Sujets der Ausstellung. Langzeitarbeiten, die ebenso gesellschaftliche Konflikte behandeln, welche uns noch bis heute und auch zukünftig beschäftigen werden.

Das Festival läuft noch bis einschließlich Sonntag, mit stündlichen Führungen jeden Tag von 15 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag von 10 bis 19 Uhr. Weitere Informationen, zum Beispiel zu innerstädtischen Veranstaltungslocations im Rahmen des Festivals, erfahren Sie bei uns auf der Leipzig Fernsehen Website.