Zweiräder unterm Kreuzgewölbe

Im Schloss Augustusburg öffnet eine der bedeutendsten Motorradsammlungen Europas nach Erweiterung

Augustusburg (dapd-lsc). Wo einst für die sächsischen Kurfürsten und deren Hofstaat gebraten und gesotten wurde, ist heute der mobile Fortschritt zu Hause. Am Freitag wird das neu gestaltete und erweiterte Motorradmuseum im Küchenhaus des Jagd- und Lustschlosses Augustusburg (Landkreis Mittelsachsen) wiedereröffnet. Unter Kreuzgewölben und zwischen porphyrnen Fenstergewänden ist die Geschichte des Motorrads von 1885 bis 2000 in einer zeitgemäßen Präsentation erlebbar.

„Uns ist etwas Großes gelungen“, schwärmt Schlossdirektor Werner Sieber. Ein seit 2002 verfolgtes Vorhaben sei abgeschlossen. Mit vergrößerter Fläche, mehr ausgestellten Fahrzeugen und ergänzenden Objekten, Multimedia-Informationen und seltenen historischen Filmdokumenten werde das Museum seinem Ruf als eine der bedeutendsten Motorradsammlungen Europas noch besser gerecht.

Erstmals gezeigt würden MZ-Prototypen wie ein Reiseroller von 1957 oder eine nie in Serie gegangene Maschine für Brasilien. Auch der Endurosport, in dem ostdeutsche Fahrer international meist vorn mitmischten, werde ausführlich dargestellt. Gleichzeitig seien die technischen Exponate geschickt in die Renaissancearchitektur integriert worden.

Sachsens Finanzminister Georg Unland (CDU) als oberster Bauherr sagte vorab: „Die Erweiterung und technische Erneuerung der Ausstellung wird der großen Bedeutung der Sammlung gerecht. Dieses Museum ist für jeden Technik-Interessierten absolut sehenswert.“ Der Freistaat investierte in alle für das Motorradmuseum notwendigen Arbeiten rund sechs Millionen Euro.

Den Europa-Superlativ belegt Museumsleiter Uwe Meinig mit der beträchtlichen Zahl von 540 Motorrädern, von denen 175 in der Ausstellung zu sehen sind. Wertigkeit und Seltenheit zählten aber ebenso. „Aus dem sächsischen und deutschen Motorradbau und insbesondere dem Rennsport haben wir Unikate, bei denen andere Museen nicht mithalten können“, sagt Meinig. So sei die DKW ULD 500 von 1938 die wertvollste Maschine der Sammlung. Die meisten dieser Vorkriegsmaschinen seien vernichtet worden.

Darüber hinaus bietet Augustusburg weltweit einmalig einen kompletten Überblick über die Geschichte der Zweitakt-Motorradfertigung, die von Jörgen Skafte Rasmussen mit DKW im nahen Zschopau begründet und von MZ fortgesetzt wurde. Mitarbeiter des Motorradwerkes Zschopau (MZ) hatten sich für das 1961 eröffnete Museum stark gemacht. Zunächst sollte neben dem heimischen Motorradbau die internationale Technikgeschichte des Zweitaktmotors dokumentiert werden. Doch die Sammlung wuchs rasch an und erfuhr mehrfache Erweiterungen.

Gefahr drohte im Zusammenhang mit der Privatisierung von MZ nach der Wende, wie sich Sieber erinnert. Windige Kaufinteressenten fanden die historischen Fahrzeuge wertvoller als das ganze Werk und die DDR-üblichen Leihverträge waren keinen Pfifferling mehr wert. Doch die hier versammelte sächsische und deutsche Industriekultur durfte nicht verscherbelt werden. Der Schlossdirektor fuhr damals persönlich zu Treuhand-Chefin Bärbel Breuel nach Berlin. „Die Urkunde darüber, dass alle Motorräder in den Besitz des Freistaates Sachsen übergehen, war der erste Schritt zur Existenzsicherung“, sagt Sieber.

Ein Highlight ging an Augustusburg vorbei. Jörgen Skafte Rasmussen hat 2010 seine Privatsammlung von DKW-Motorrädern dem Schloss Wildeck in Zschopau vermacht. Der Enkel des DKW-Gründers gleichen Namens war der Auffassung, dass die Originale nirgends besser hinpassten als an den Wirkungsort seines Großvaters. „Zu den rund 30 MZ-Maschinen aus der DDR-Zeit und der neueren Produktion haben wir noch rund 20 historische DKW-Motorräder bekommen“, freut sich Museumsleiterin Ramona Hofmann. Doch dies sei keine Konkurrenz zur nur wenige Kilometer entfernten Augustusburg, eher eine glückliche Ergänzung.

dapd