Dresden - Die Automobilindustrie in Ostdeutschland steht vor weitreichenden Veränderungen. Während einzelne Standorte investieren und wachsen, kämpfen andere Werke mit sinkender Auslastung und Stellenabbau. Gleichzeitig erhöhen Konkurrenz aus China, hohe Arbeits- und Energiekosten sowie ein schwächerer europäischer Automarkt den Druck auf Hersteller und Zulieferer.
„Wir haben eine gemischte Situation“, beschreibt Jens Katzek, Geschäftsführer des Automotive Cluster Ostdeutschland, die Lage. Besonders deutlich werden die Unterschiede beim Blick auf einzelne Standorte: Während im Volkswagen-Werk Zwickau die Auslastung sinkt und Arbeitsplätze abgebaut werden, habe sich das BMW-Werk in Leipzig nach Einschätzung Katzeks sehr positiv entwickelt. Auch Tesla investiert weiter in Grünheide und stellt zusätzliche Mitarbeiter ein.
Die Probleme betreffen nicht allein Ostdeutschland. Hersteller und Zulieferer in der gesamten deutschen Automobilindustrie stehen unter Druck. Innerhalb eines Jahres wurden laut dpa mehr als 42.000 Arbeitsplätze abgebaut.
Als einen Grund nennt Katzek die wachsende internationale Konkurrenz. Vor allem China dränge als neuer Wettbewerber stark auf den Markt. Gleichzeitig sorgt die Zollpolitik der USA für zusätzliche Unsicherheit bei deutschen Herstellern. Auch der europäische Automarkt entwickelt sich schwieriger, weil dort weniger Fahrzeuge verkauft werden.
Damit rückt zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, wie wettbewerbsfähig die Produktion in Deutschland noch ist.
Im internationalen Vergleich werden insbesondere die Kosten an deutschen Standorten diskutiert. VW-Chef Oliver Blume hatte bei einer Betriebsversammlung in Zwickau erklärt: „Die Arbeitskosten liegen heute bei mehr als dem Doppelten vergleichbarer europäischer Standorte.“
Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hat wiederholt längere Arbeitszeiten ins Gespräch gebracht, um die Kosten zu senken.
Katzek sieht ebenfalls Handlungsbedarf. „Fakt ist: Ja, wir müssen an unserer Kostenstruktur arbeiten“, sagt der Geschäftsführer des Automotive Cluster Ostdeutschland. Bei kommenden Tarifauseinandersetzungen sei deshalb Zurückhaltung angebracht.
Neben den Arbeitskosten spielen nach seiner Einschätzung die Energiepreise eine wichtige Rolle. Nach Berechnungen des Vergleichsportals Verivox hat Deutschland unter den G-20-Staaten die höchsten Strompreise.
Für Leipzig ist die Entwicklung der Branche unmittelbar relevant. Mit BMW und Porsche befinden sich zwei der großen ostdeutschen Produktionsstandorte in der Stadt. Auch der Automobilzulieferer Dräxlmaier betreibt in Leipzig ein Batteriewerk.
Gerade bei der Elektromobilität sieht Katzek Chancen für die Region. Ostdeutschland habe früh auf elektrische Antriebe gesetzt und sei deshalb gut positioniert.
Nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamtes verfügen inzwischen zwei von drei neu zugelassenen Fahrzeugen über einen alternativen Antrieb. Rund jedes vierte neu zugelassene Fahrzeug fährt rein elektrisch.
Für Katzek ist das ein Zeichen dafür, dass der Wandel zur Elektromobilität voranschreitet. „Dafür sind wir in Ostdeutschland extrem gut positioniert.“
Neben Leipzig verweist er unter anderem auf die auf Elektroautos ausgerichteten Werke von Tesla in Grünheide und Volkswagen in Zwickau sowie auf das Batteriewerk von CATL in Arnstadt.
Die Zukunft der Branche hängt aus Sicht des Automotive Cluster Ostdeutschland jedoch nicht allein von Elektrofahrzeugen ab. Weitere Perspektiven sieht Katzek unter anderem im autonomen Fahren und beim Aufbau einer Kreislaufwirtschaft.
Auch ausländische Investitionen könnten für die ostdeutsche Automobilindustrie wichtiger werden. Dabei wird immer wieder darüber diskutiert, ob chinesische Hersteller künftig Fahrzeuge direkt in Deutschland beziehungsweise Europa produzieren könnten.
Katzek verweist darauf, dass internationale Investoren bereits heute Teil der Branche sind. „Wenn die Amerikaner hier produzieren, können das auch die Chinesen.“ Als Beispiel nennt er den chinesischen Batteriehersteller CATL mit seinem Werk in Arnstadt.
Wie sich die Branche weiterentwickeln kann, steht auch beim Kongress „Realitätscheck Automobilindustrie“ am Mittwoch in Dresden im Mittelpunkt. Der Automotive Cluster Ostdeutschland lädt dazu in die Gläserne Manufaktur ein.
Erwartet werden die Werkleiter von sechs großen ostdeutschen Standorten. Dazu gehören BMW und Porsche in Leipzig, Opel in Eisenach, Mercedes-Benz in Ludwigsfelde sowie Tesla und Volkswagen Sachsen.
Neben der wirtschaftlichen Situation sollen dort auch technologische Veränderungen diskutiert werden. Dazu gehören unter anderem der Einsatz humanoider Roboter und Künstlicher Intelligenz in der Produktion.
Der Branchentreff soll damit auch einen Ausblick darauf geben, wie sich die Automobilindustrie mit Blick auf das Jahr 2027 aufstellen kann. Denn zwischen Stellenabbau, neuen Investitionen und technologischem Wandel zeigt sich derzeit vor allem eines: Die Entwicklung der Branche verläuft in Ostdeutschland keineswegs überall gleich.