Ein Badesteg, spezielle Rollstühle und ein moderner Beckenlift sollen Menschen mit Behinderung den Weg ins Wasser erleichtern. Doch die neue Folge von „re:port“ zeigt: Barrierefreiheit funktioniert nicht für jeden gleich.
Ein Sommertag am Cospudener See. Für viele bedeutet das: Handtuch ausbreiten, ins Wasser gehen, schwimmen. Für Oke und seine Familie ist dieser Weg deutlich komplizierter. Der Junge hat Muskeldystrophie und ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Am Nordstrand des Sees gibt es zwar einen rund 47 Meter langen barrierefreien Badesteg, spezielle Baderollstühle und entsprechende Sanitäranlagen. Doch ausgerechnet der letzte Schritt ins Wasser wird für die Familie zum Problem.
Die neue Folge des Formats „re:port“ von SACHSEN FERNSEHEN geht der Frage nach, wie barrierefrei Baden in Leipzig tatsächlich ist. Reporter Jonas Juckeland begleitet Betroffene, spricht mit Verantwortlichen und zeigt dabei vor allem eines: Ein Angebot kann barrierefrei geplant sein und trotzdem nicht für jeden Menschen mit Behinderung funktionieren.
Wie unterschiedlich die Bedürfnisse sind, zeigt sich direkt am Cospudener See.
Hannes aus Leipzig ist ebenfalls auf einen Rollstuhl angewiesen. Für ihn funktioniert der Badesteg. Mit einem Baderollstuhl kann er bis ins tiefere Wasser fahren und von dort aus selbstständig weiterschwimmen.
„Ohne sowas kommt man wirklich nur umständlich in den See und noch viel schwieriger wieder raus“, sagt er.
Bei Oke sieht die Situation anders aus. Er kann Arme und Beine nur eingeschränkt bewegen und braucht beim Baden dauerhaft Unterstützung. Seine Eltern müssen ihn im Wasser sichern. Genau dafür benötigen sie festen Boden unter den Füßen.
Doch am Ende der Rampe ist das Wasser bereits so tief, dass die Begleitperson nach Angaben der Familie keinen sicheren Stand mehr hat. Okes Mutter Denise Baumeister beschreibt die Situation so: „Wir haben als Elternteil keinen Bodenkontakt und in dem Moment verlieren wir natürlich auch die Sicherheit.“
Die Konsequenz: Die Familie nutzt den eigentlich barrierefreien Steg nicht. Stattdessen müssen Okes Eltern ihren Sohn aus dem Rollstuhl heben und bis ins Wasser tragen.
Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wann ist ein Zugang wirklich barrierefrei? Reicht es, wenn er für viele Menschen funktioniert? Oder muss Barrierefreiheit stärker unterschiedliche Formen von Behinderung berücksichtigen?
Bemerkenswert ist auch, dass das konkrete Problem bei Leipzigs kommunaler Beauftragter für Menschen mit Behinderungen nach eigener Aussage bislang nicht bekannt war.
Dr. Daria Luchnikova zeigt sich im Gespräch überrascht und kündigt an, die Situation prüfen zu lassen. „Tatsächlich wurde das Problem noch nicht angezeigt“, sagt sie. Veränderungen seien grundsätzlich denkbar.
Okes Mutter hat bereits einen konkreten Vorschlag. Statt nur einer Ausstiegsmöglichkeit am Ende des Stegs könnten zusätzliche Öffnungen an früheren Stellen geschaffen werden. Dort wäre das Wasser noch flacher, eine Begleitperson könnte sicher stehen und Oke aus dem Rollstuhl übernehmen.
Auch Luchnikova hält eine solche Lösung zumindest für prüfenswert. Ob sich der Steg tatsächlich umbauen lässt, ist allerdings offen.
Der Fall zeigt damit auch eine Lücke zwischen Planung und tatsächlicher Nutzung: Erst die Erfahrung eines Betroffenen macht sichtbar, wo eine bestehende Lösung nicht ausreicht.
Dass Leipzig beim Thema Barrierefreiheit durchaus weitergehende Ansätze verfolgt, zeigt das Sportbad am Rabet.
Das 2025 eröffnete Hallenbad wurde von Beginn an mit Blick auf Barrierefreiheit geplant. Es gibt ein Blindenleitsystem, spezielle Schwimmhallenrollstühle, Haltegriffe, unterfahrbare Waschbecken und barrierefreie Sanitäranlagen.
Für den Einstieg ins Wasser steht außerdem ein elektrischer Beckenlift zur Verfügung.
Doch auch hier zeigt sich: Technik löst nicht jedes Problem.
Wer den Lift nutzen möchte, muss zunächst vom Rollstuhl auf dessen Sitz wechseln. Menschen, die diesen Wechsel nicht selbstständig schaffen, sind weiterhin auf eine Begleitperson angewiesen.
Badleiter Kay Leichsenring hält das Sportbad dennoch für barrierefrei. Für viele Menschen beginne gerade im Wasser eine größere Bewegungsfreiheit. Eine Rampe direkt ins Becken wäre zwar eine andere Möglichkeit gewesen, hätte seiner Einschätzung nach aber erheblich mehr Platz benötigt und den Bauaufwand vergrößert.
Das Sportbad ist damit zugleich positives Beispiel und Beleg dafür, wie schwierig eine allgemeingültige Lösung ist: Vieles kann barrierefrei gestaltet werden, vollständige Selbstständigkeit lässt sich aber nicht für jeden Unterstützungsbedarf garantieren.
Für Oke geht es beim Baden nicht nur um Abkühlung.
Im Wasser trägt der Auftrieb einen Teil seines Körpergewichts. Bewegungen, die an Land schwerfallen, können leichter werden. Seine Familie möchte ihm deshalb ermöglichen, sich dort möglichst frei zu bewegen.
Wie wichtig solche Angebote in der eigenen Region sind, zeigt auch ein anderer Punkt: Okes Vater Lutz Riemann berichtet, dass Angebote für eine Woche barrierefreien Urlaub im Ausland für die vierköpfige Familie zwischen 6.000 und 8.000 Euro gelegen hätten. Deshalb versuche die Familie, möglichst viele Freizeitmöglichkeiten in der näheren Umgebung zu nutzen.
Dass Baden für Oke auch anders funktionieren kann, hat die Familie am Arendsee in Sachsen-Anhalt erlebt. Dort gibt es einen Schwimmrollstuhl, mit dem er direkt ins Wasser gefahren werden kann und während des Badens im Stuhl bleibt.
Auch für Leipzig hält Behindertenbeauftragte Luchnikova eine solche Anschaffung grundsätzlich für denkbar.
Die Recherche zeichnet kein Schwarz-Weiß-Bild.
Der Badesteg am Cospudener See funktioniert für Menschen wie Hannes und ermöglicht ihnen mehr Selbstständigkeit. Das Sportbad am Rabet zeigt, wie umfangreich Barrierefreiheit bei einem Neubau berücksichtigt werden kann.
Gleichzeitig zeigt der Fall Oke, dass eine Rampe, ein Lift oder ein spezieller Rollstuhl allein noch keine Garantie für selbstbestimmte Teilhabe sind.
Barrierefreiheit hängt letztlich davon ab, welche Bedürfnisse ein Mensch hat und ob die vorhandene Infrastruktur genau diese berücksichtigt.
Am Cospudener See ist durch die Recherche nun zumindest klarer geworden, wo eine solche Lücke besteht. Ob daraus ein Umbau oder eine zusätzliche Lösung entsteht, ist noch offen.
Die vollständige Recherche ist in der neuen Folge von „re:port“ zu sehen. Ein Film von Jonas Juckeland.