Der Saal war voll, eingeladen hatte das Haus erst eine Woche zuvor. Am Dienstagabend saßen sich im Theater OST in Berlin-Adlershof zwei Männer gegenüber, die auf den ersten Blick aus verschiedenen Welten kommen: Wolfgang Kubicki, seit Ende Mai Bundesvorsitzender der FDP, 74 Jahre alt, Sohn eines Schrottplatzarbeiters und einer Verkäuferin. Und Holger Friedrich, Verleger der Ostdeutschen Medienholding – Berliner Zeitung und Ostdeutsche Allgemeine Zeitung –, aufgewachsen in der DDR, seit 35 Jahren Unternehmer. Das Thema des Abends: „Freiheit vs. Ergebnisse“.
Friedrich beginnt mit einer Zahl und einer These: sieben Landtagswahlen als Spitzenkandidat, drei der besten Ergebnisse in der Geschichte der FDP – ob Kubicki also ein ergebnisorientierter Mensch sei. Kubicki wundert sich bis heute, wie das möglich war.
Schnell landet das Gespräch dort, wo es den ganzen Abend bleiben wird: bei der Frage, warum Erfolg in Deutschland unter Verdacht steht. Kubicki erinnert an einen Stolz, der abhandengekommen sei – auf Nobelpreise, auf Kultur, auf Leistung. Heute gelte ein anderes Prinzip: „Ich muss mich nicht mehr anstrengen, sondern die, die erfolgreich gewesen sind, müssen sich dafür rechtfertigen.“ Aus seiner Antrittsrede zitiert Friedrich den Satz, man wolle die Menschen „nicht betreuen, sondern beflügeln“. Kubicki setzt nach: „Gleichheit ist ungerecht. Wir sind alle unterschiedliche Menschen.“ Aufgabe von Bildung sei nicht, alle gleich zu machen, sondern jedem zu ermöglichen, aus dem, was er kann, das Beste zu machen.
Und die eigene Partei? Warum sie in genau dieser Debatte kaum vorkomme, will Friedrich wissen. Kubicki antwortet ungewöhnlich selbstkritisch: Die Freien Demokraten hätten sich eine Sprache angewöhnt, die die meisten Menschen nicht mehr verstünden, wirkten technokratisch, entwickelten keine Empathie und vermieden die intellektuelle Auseinandersetzung. Auch den Verzicht der FDP auf TikTok im Bundestagswahlkampf hält er für einen schweren Fehler – Linke und AfD hätten den Kanal genutzt, „sensationell gut“, während man selbst auf moralische Überlegenheit gesetzt habe.
Konkret wird es beim Thema doppelte Standards. Friedrich, der Kubicki auf dessen Mandat für den Cum-Ex-Beschuldigten Hanno Berger anspricht, fragt, warum immer nur die Ausnutzer bestraft würden – und nie jene, die das Schlupfloch geschrieben, gesehen und jahrelang offengelassen haben. Kubicki schildert die Chronologie von den Hinweisen des Bankenverbandes bis zur Schließung der Lücke unter Wolfgang Schäuble und erinnert daran, dass Verteidiger nicht Taten verteidigen, sondern die Rechtsordnung.
Seine Konsequenz: Nicht nur Steuerhinterziehung müsse strafbar sein, sondern auch Steuerverschwendung. Wer in einem Unternehmen zwei Milliarden Euro versenke, sei seinen Posten los; im Staat entscheide man nicht über eigenes Geld. Auch mit den „Sondervermögen“ geht er hart ins Gericht – wer bei seiner Bank ein Sondervermögen aufbauen wolle, werde gefragt, ob er noch ganz dicht sei.
Dahinter steht für Kubicki ein Muster: Wer einen Zweck moralisch auflade, halte alles für erlaubt, was ihm dient. „Es zählt nicht mehr das Argument, es zählt die Haltung.“ Das sei fatal für ein demokratisches Gemeinwesen – und ende an einer Grenze, die er mehrfach markiert: „In einem demokratischen Rechtsstaat gibt es nichts, was über dem Gesetz steht.“
Friedrich bringt die ostdeutsche Erfahrung ein: Wo Vertreter eines Staates in doppelten Standards agierten, erodiere das Vertrauen in die Integrität der Handelnden. Kubicki widerspricht der Zuschreibung: Es gebe nicht mehr „die Ossis“; er als Norddeutscher fremdele mit manchem aus Bayern ähnlich. Der eigentliche Bruch verlaufe anders – dort, wo Sozialdemokraten und traditionelle Linke Menschen nicht mehr binden könnten, wachse die AfD. Das habe im Osten begonnen und wandere längst nach Westen, ins Ruhrgebiet.
Für scharfe Töne sorgt seine Beobachtung, dass inzwischen ernsthaft über Gewalt gegen unliebsame Wahlergebnisse diskutiert werde. Von einer Brandmauer hält er nichts: Er kenne keine, die in der Verfassung stehe. Als Liberaler müsse man sich von der AfD abgrenzen – „man darf sie nicht ausgrenzen und nicht zu Märtyrern machen“.
Am weitesten auseinander liegen beide beim Krieg in der Ukraine. Friedrich wirbt für eine deutsche Vermittlerrolle und berichtet von Gesprächen in Moskau; Deutschland verweigere sich einer Rolle, die ihm zugetraut werde. Kubicki hält dagegen: Russland habe zwei Verträge gebrochen, den Pariser und den Budapester; ohne vertrauensbildende Maßnahmen gebe es keine Grundlage für neue. Moderieren könne man nur, wenn die Beteiligten es wollten – und das sehe er derzeit auf keiner Seite.
Einig sind sie sich an einem Punkt: Entspannung sei nur von unten möglich – über Wissenschaft, Kultur, Städtepartnerschaften. Wer heute als Hochschule oder Kommune alte Kontakte wieder aufnehme, brauche Mut und müsse einen Shitstorm aushalten. Ohne solche Schritte, warnt Kubicki, drehe sich die Eskalationsspirale auf beiden Seiten weiter.
Nach der Pause dreht Kubicki den Spieß um und liest Publikumsfragen an den Verleger vor – etwa, warum die westdeutsche Medienlandschaft so uniform sei. Friedrich hält das für ein Zerrbild: Uniform sei ein kleiner, sehr lauter Teil; wer neugierig sei, komme an jede Information. Verantwortung sieht er dennoch bei den Häusern selbst, im Streit um einen FAZ-Journalisten und einen offenen Brief, den die Berliner Zeitung abdruckte, nachdem die FAZ ihn abgelehnt hatte. Kubicki bleibt dabei: „Journalisten stehen nicht über dem Gesetz.“
Deutlich wird er bei der geplanten Geheimdienstgesetzgebung – die Grenze zwischen Verfassungsschutz und Polizei verschwimme, und dass Jugendliche als V-Leute verpflichtet werden sollen, sei in einem Rechtsstaat kaum denkbar: „Hände weg von jungen Menschen unter 18.“
Zum Schluss geht es um Wirtschaft: Preisgünstige Autos in gleicher Qualität wie die Chinesen werde Deutschland nie wieder bauen, sagt Kubicki; die Industrie müsse sich fragen, womit sie in drei, vier, fünf Jahren Geld verdiene – humanoide Robotik etwa, KI, neue Mobilitätskonzepte. Friedrich hält dagegen, dass vieles davon Ergebnis von Entscheidungen sei, die 15 bis 25 Jahre zurückliegen. Sein Fazit: „Die Talente sind unterschiedlich verteilt. Aber die Opportunitäten sollten gleichverteilt sein.“
Der Ort ist Teil der Geschichte. Das Theater OST spielt im denkmalgeschützten „Studio 5“, dem letzten erhaltenen Fernsehstudio der DDR, aus dem bis 1991 die „Aktuelle Kamera“ gesendet wurde. Seit dem Räumungsurteil des Landgerichts vom Dezember kämpft Direktorin Kathrin Schülein um den Standort; die Zwangsräumung wurde vorerst abgewendet. Der Abend war entsprechend grundiert – von der Bemerkung über den „Compliance-Konflikt“ zwischen Bezirkspolitik und Investor bis zu Schüleins Dank am Ende, garniert mit dem Hausmotto vom Trinken für den Frieden.
Musikalisch gerahmt wurde der Abend von Wenzel, der zum Auftakt ein Abendgebet sang und zum Schluss ein Lied über die Zeit der Irren und Idioten – mit einer Vorbemerkung, die als Motto über dem ganzen Abend hätte stehen können: Wer ein Gespräch beginne, müsse davon ausgehen, dass der andere recht haben könnte.