Di., 06.10.2026 , 20:34 Uhr

50 Jahre Jüdische Sammlungen – Erinnerungskultur unter Druck

Chemnitz- „Tödliche Umarmung“, „Instrumentalisierung“ – und die Sorge, dass es irgendwann wieder Montagsgebete brauchen könnte. Es sind Sätze, die an diesem Abend im Staatlichen Museum für Archäologie in Chemnitz fallen.

Sätze, die zeigen: Wer über jüdische Kultur und Erinnerung spricht, spricht im Jahr 2026 zwangsläufig auch über die Gegenwart. Dabei gibt es eigentlich einen Grund zum Feiern. Die Arbeitsgemeinschaft Jüdische Sammlungen wird 50 Jahre alt. Seit 1976 bringt sie Menschen und Einrichtungen zusammen, die jüdische Geschichte bewahren, erforschen und vermitteln. Museen, ehemalige Synagogen, Gedenkstätten, Bibliotheken, Archive und Forschungsinstitute gehören dazu. In diesem Jahr trifft sich die Arbeitsgemeinschaft in Chemnitz – mitten im sächsischen Jahr der jüdischen Kultur „Tacheles“. Für Kulturministerin Barbara Klepsch ist die Arbeit des Netzwerks deshalb weit mehr als reine Erinnerungskultur.

Doch wie umkämpft dieses Erinnern sein kann, zeigt sich aktuell nur wenige Kilometer entfernt – in Heidenau. Dort dürfen künftig keine neuen Stolpersteine mehr im öffentlichen Raum verlegt werden. Die kleinen Messingtafeln erinnern vor den früheren Wohnhäusern an Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden. In Heidenau sollen neue Erinnerungszeichen künftig nicht mehr auf diese Weise hinzukommen. Eine Entscheidung, die auch an diesem Abend in Chemnitz Thema ist – und die für Kulturministerin Barbara Klepsch zeigt, wie notwendig öffentlich sichtbare Erinnerung weiterhin ist.

Nicht wegsehen – ein Gedanke, der sich durch diesen Abend zieht. Denn die Arbeitsgemeinschaft beschäftigt sich zwar mit Sammlungen, Archiven und historischen Zeugnissen. Dahinter steht aber eine Frage, die weit über Museen hinausgeht: Welchen Platz bekommt jüdische Geschichte – und jüdisches Leben – heute in der Öffentlichkeit? Einmal im Jahr kommen die Mitglieder deshalb zusammen, stellen Projekte vor, tauschen Erfahrungen aus und knüpfen Kontakte. Sachsen war bereits mehrfach Gastgeber. 1995 in Leipzig und Dresden, 2013 in Dresden und 2015 in Leipzig. Nun also Chemnitz. Für Klepsch liegt genau in diesem Austausch eine der wichtigsten Aufgaben der Arbeitsgemeinschaft.

50 Jahre Arbeitsgemeinschaft Jüdische Sammlungen – ein Jubiläum mit Blick zurück. Und ein Abend, der zugleich zeigt, wie gegenwärtig die Fragen dahinter sind. Wie erinnern wir? Wie halten wir jüdische Kultur sichtbar? Und was passiert, wenn Formen dieser Erinnerung aus dem öffentlichen Raum verschwinden? Fragen, die auch nach 50 Jahren nichts von ihrer Aktualität verloren haben.