Mo., 02.03.2026 , 16:41 Uhr

Wie sächsische Betriebe vietnamesische Azubis beim Ankommen helfen

Azubis aus Vietnam in Leipzig: Zwischen Heimweh und Neuanfang

Leipziger Betriebe holen Azubis aus Vietnam – doch Integration klappt nur mit Sprache, Struktur und Nähe.

Ankommen: „Ich vermisse meine Familie so sehr“

„Ich vermisse meine Familie so sehr“, sagt Linh. Sie ist vor drei Jahren nach Leipzig gekommen und macht eine Ausbildung zur Köchin. Für viele klingt das nach Aufbruch – für sie fühlt es sich im Alltag manchmal nach Distanz an: neues Land, neue Regeln, wenig Vertrautes.

Immer mehr junge Menschen aus Vietnam beginnen eine Ausbildung in Deutschland – besonders häufig in Gastronomie und Hotellerie. Und es geht längst nicht nur um Fachkräftebedarf, sondern um die Frage, wie Betriebe Integration praktisch organisieren.

Warum Betriebe suchen: Nachwuchsmangel nach Corona

Antje Schneider, Personalleiterin und seit Jahren verantwortlich für Azubis aus Vietnam, beschreibt den Ausgangspunkt nüchtern: „Nach Corona … waren immer weniger deutsche junge Leute bereit, in der Gastronomie eine Ausbildung zu machen.“ Die Konsequenz: Betriebe suchen breiter – und Vietnam gilt als Land mit vielen motivierten jungen Menschen, die im Ausland lernen und arbeiten möchten.

Schneider kennt die Prozesse und auch die Stolperstellen. Denn mit dem Ausbildungsvertrag beginnt oft erst die eigentliche Arbeit: Orientierung in einer fremden Stadt, Behördengänge, Konto, Krankenkasse, Unterkunft. Wer hier allein gelassen wird, verliert Zeit – und im schlimmsten Fall den Mut.

Sprache entscheidet: Im Team, nicht nur im Kurs

Gert Ziener von der IHK zu Leipzig ordnet ein, wie groß das Thema inzwischen ist. In der Region sind rund 9.000 Ausbildungsverhältnisse registriert, etwa 1.000 davon mit Migrationshintergrund. „Fast schon jeder Zehnte“, sagt er. Und: Sprachbarrieren sind für den Ausbildungserfolg zentral – nicht als Defizit, sondern als Lernaufgabe, die Zeit und Alltag braucht.

Ziener betont vor allem einen Punkt: Je schneller Azubis im deutschen Teamalltag ankommen, desto schneller wächst die Sprache – und desto besser klappt es auch in der Berufsschule. Seine Empfehlung ist klar: früh Kundenkontakt, frühe Interaktion, raus aus der reinen Community – nicht als Abwertung, sondern als Sprachbeschleuniger.

Leipziger Praxis: Bitte Deutsch sprechen – und eine feste Patin

Wie das im Betrieb aussehen kann, beschreibt Detlef Knaack, Geschäftsführer von Fairgourmet. Sein Unternehmen nahm 2021 an einem IHK-Pilotprojekt teil und bildete unter anderem Köche und Restaurantfachleute aus Vietnam aus. Knaack sagt: Im Alltag braucht es eine klare, wertschätzende Ansprache.

Wichtig sei außerdem ein fester Ansprechpartner: jemand, der nicht nur fachlich erklärt, sondern im Alltag erreichbar ist. Viele Betriebe setzen dafür Patinnen und Paten ein – und ergänzen je nach Möglichkeit Sprachkurse. Auch Kammern und Partner starten zunehmend Programme, die schon vor Einreise ansetzen, damit Sprachkenntnisse bis zum Ausbildungsstart nicht wegrutschen.

Der stille Druck: Schulden und Abhängigkeiten

Neben Sprache gibt es ein Thema, das selten im Arbeitsalltag auftaucht, aber im Hintergrund wirkt: Kosten. Linh sagt im Interview, sie habe „10.000“ gezahlt – „nur den Vertrag“. Solche Summen können Familien in Abhängigkeiten bringen. Das ist nicht der Kern jedes Integrationsprozesses, aber es ist ein Faktor, der Druck erzeugt: Wer mit Schulden startet, hat weniger Spielraum für Fehler, Wechsel oder Konflikte.

In Deutschland werden diese Risiken gerade intensiver diskutiert – auch wegen Berichten aus Berlin, wo Berufsschulen hunderte vietnamesische Azubis vermissen. Behörden und Politik prüfen die Hintergründe, im Raum stehen Fragen nach problematischen Vermittlungsstrukturen.

Fazit: Wenn aus „Azubi“ Kollegin wird

Trang beschreibt, wie es sich anfühlte, anzukommen: „Am Anfang … fand ich ein bisschen Angst.“ Und dann: Kolleginnen und Kollegen, die freundlich bleiben, die Fragen zulassen, die erklären. Genau dort entsteht Integration: in kleinen Sätzen, in Geduld, in klaren Abläufen.

Für Leipzig kann das ein Gewinn sein – für Betriebe und für die Stadt. Aber es braucht Standards: bei Sprache, bei Begleitung, bei fairer Vermittlung. Damit aus Heimweh keine Einsamkeit wird – und aus einer Ausbildung wirklich ein neues Zuhause.