Chemnitz- Unter dem Titel „Blackbox – Heimerziehung“ legt eine mobile Ausstellung in Chemnitz den Fokus auf die repressive Heimerziehung der DDR. Dabei geht es nicht nur um vergangene Geschichte – die Schau richtet sich auch an künftige pädagogische Fachkräfte.
Auf den ersten Blick ist es eine recht unscheinbare Box, die seit einigen Tagen vor dem Beruflichen Schulzentrum für Gesundheit und Sozialwesen an der Markthalle in Chemnitz steht. Beim näheren Hinschauen offenbart sich jedoch eine Geschichte, die bei den Betroffenen bis heute nachwirkt. Unter dem Titel „Blackbox Heimerziehung“ wird in dem ehemaligen Seecontainer die repressive Heimerziehung der Deutschen Demokratischen Republik in den Fokus genommen. Das Projekt entstand in der Gedenkstätte Jugendwerkhof Torgau. Dort sollten Kinder und Jugendliche im Arbeiter- und Bauernstaat „auf Linie gebracht“ werden. In der Realität bedeutete das für die Betroffenen militärischen Drill und Kollektivbestrafungen. „Kopfnüsse“ und Schläge mit dem Schlüsselbund gehörten ebenso zum Erziehungsprogramm wie das Einsperren in Arrest- und Dunkelzellen.
Doch die ehemalige Anstalt in Nordsachsen war nicht die einzige ihrer Art. Ähnliche Einrichtungen existierten im gesamten Staatsgebiet der DDR. Das sei aus Sicht von Juliane Weiß, Referentin der Gedenkstätte Torgau, vielen Menschen bis heute relativ unbekannt. Deshalb sei das Projekt bewusst als Wanderausstellung konzipiert.
Das Klaffenbacher Wasserschloss ist bekannt für feingeistige Ausstellungen und Konzerte im Schatten historischer Mauern. Einen Hinweis auf die unrühmliche Vergangenheit sucht man dort allerdings vergeblich. All das will das Projekt sichtbar machen – auch anhand von Zeitzeugengeschichten. So zum Beispiel die von Corinna Thalheim: Ihr Bild findet sich im Container wieder. Wichtiger als die Schwarzweißaufnahme ist jedoch die Geschichte, die sich auf der Rückseite der Aufnahme findet. Sie steht exemplarisch für das Leid Tausender junger Menschen im Arbeiter- und Bauernstaat.
Die Schau versteht sich jedoch nicht ausschließlich als Rückblick auf vergangene Zeiten. Das Thema spiele auch heute noch eine Rolle. So sei laut Juliane Weiß noch im Jahr 2013 – also bereits auf dem Boden der Bundesrepublik Deutschland – eine Einrichtung für Heimerziehung aufgrund schwerster Vorwürfe geschlossen worden. Und auch im Alltag werde autoritäre Erziehung häufig verharmlost und finde teilweise bis heute statt.
Vor diesem Hintergrund ist der Ausstellungsort vor einem Schulzentrum für angehende Erzieherinnen und Erzieher bewusst gewählt. Die Schau wurde auch im Unterricht der Einrichtung thematisiert und mit Hilfe von Zeitzeuginnen wie Corinna Thalheim greifbar gemacht. So auch für Simon Mann, der im Rahmen seiner Ausbildung die Gedenkstätte Torgau besuchte. Neben den Geschichten rund um die repressive Heimerziehung sei für ihn vor allem eines unfassbar: dass es Menschen gebe, die derartige Methoden auch in der Gegenwart noch befürworten würden.
Für Zeitzeugin Corinna Thalheim sind die Erlebnisse repressiver Heimerziehung, die sie am eigenen Leib erfahren musste, ebenfalls eng mit dem Hier und Jetzt verknüpft. Der Spruch „Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Heim“ sei immer noch zu hören. Dabei hätten diejenigen, die sich solcher Drohungen bedienen, oftmals keine Ahnung, was das Leben in derartigen Einrichtungen für die Betroffenen bis heute bedeutet.
Die Wanderausstellung „Blackbox Heimerziehung“ verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf eindrückliche Weise. Sie macht nicht nur das Leid sichtbar, das vielen jungen Menschen widerfahren ist, sondern sensibilisiert zugleich für Formen von Gewalt und Autoritarismus, die auch heute noch existieren. Sie ist damit mehr als eine historische Mahnung – sie ist ein Appell, eine Erziehungskultur zu fördern, die von Respekt, Empathie und Menschlichkeit geprägt ist.