Chemnitz- Beleidigungen, Drohungen, Bloßstellungen – was früher nach dem Schulklingeln endete, begleitet Kinder und Jugendliche heute bis in ihr Zimmer. Rund um die Uhr, unsichtbar für Eltern, oft unerkannt von Lehrkräften. Cybermobbing trifft nicht nur Einzelgänger – es kann jede und jeden erwischen.
1,8 Millionen Opfer in Deutschland – in jeder Klassenstufe im Schnitt ein Betroffener. Ohne Dunkelziffer. Mit der zunehmenden Nutzung digitaler Medien rückt das Thema Cybermobbing immer stärker in den Fokus. Betroffen sind vor allem Kinder und Jugendliche – mit teils schwerwiegenden Folgen. Ein „klassisches Opfer“ gibt es dabei nicht. Grundsätzlich kann jeder betroffen sein – nicht nur Einzelgänger, sondern auch beliebte Schülerinnen und Schüler. Marcel Burghardt, Dozent der Nachrichtenwerkstatt – einer Einrichtung, die sich auf Kurse zum Thema spezialisiert hat – sieht Schulen als ideale Plattform zur Aufklärung über Cybermobbing. Allerdings komme das Thema dort viel zu kurz. Es fehlten Gelder und Mitarbeitende, um Präventionsangebote angemessen umsetzen zu können. Das liege auch daran, dass Kinder und Jugendliche in der Politik keine starke Lobby hätten. Das Thema in den Schulbetrieb einzubinden, mache zudem aus einem weiteren Grund Sinn: Die Täter sind – entgegen dem öffentlichen Bild – meist keine Unbekannten. Oft kenne man sich vom Schulhof.
Das bestätigt auch Florian Tribe, Pädagoge in einem Hort. Auch dort spielt Cybermobbing eine Rolle. Die Kinder würden das Thema allerdings kaum von selbst ansprechen. Man bekomme eher Streitigkeiten mit und hake dann nach. Aus Sicht von Marcel Burghardt ist das ein typischer Fall. Oft scheitere es bereits daran, dass Betroffene das Geschehen für sich behalten. Ein weiteres Problem: Im Gegensatz zum klassischen Mobbing verfolgt das Thema Betroffene in den digitalen Medien auch in geschützten Räumen – im Zweifel zu jeder Tages- und Nachtzeit. Die Ahndung derartiger Taten scheitert oft an der Strafunmündigkeit der Täter: Eine strafrechtliche Verfolgung ist – abgesehen vom Zivilrecht – erst ab 14 Jahren möglich. Von einer Herabsetzung der Strafbarkeitsgrenze hält Marcel Burghardt jedoch nichts. Viel wichtiger sei Prävention. Dafür brauche es mehr Geld für die Schulen und mehr Aufklärung in den Elternhäusern. Grundsätzlich gebe es Angebote wie die Kurse der Nachrichtenwerkstatt. Man müsse sich nur anmelden – Kosten entstehen in der Regel nicht, denn die Teilnahme ist üblicherweise kostenfrei.