Di., 12.01.2021 , 15:16 Uhr

Digitale Therapie gegen Rückenschmerzen: Können Apps die Lücke in der Versorgung schließen?

Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen in Deutschland. Acht von zehn Menschen klagen laut AOK regelmäßig darüber. Sie zählen zu den wichtigsten Gründen für Krankschreibungen und gelten als eine der Hauptursachen für Berufsunfähigkeit. Gleichzeitig ist die Versorgungslage angespannt: Viele Betroffene warten wochenlang auf einen Termin in einer physiotherapeutischen Praxis.

Vor diesem Hintergrund rücken digitale Trainingsprogramme stärker in den Fokus. Therapie-Apps sollen Betroffene dabei unterstützen, selbstständig zu Hause zu trainieren – flexibel, ohne Terminbindung und als Möglichkeit, lange Wartezeiten zu überbrücken. Doch der Ansatz hat Grenzen: Fehlhaltungen oder falsch ausgeführte Übungen können ohne direkte Kontrolle durch Fachkräfte unbemerkt bleiben. Ein Anbieter erklärt, warum die Anwendung entwickelt wurde:

Dafür haben wir eine eigene Anwendung gebaut, die Patienten hilft, ihre Beschwerden wieder in den Griff zu bekommen und selbst zu Hause aktiv zu werden. Der Auslöser war die Idee meines Mitgründers Alexander Georgi, der Orthopäde ist und sich gedacht hat, es wäre eigentlich schön, überflüssige OPs zu vermeiden, überflüssige Eingriffe zu vermeiden und dafür zu sorgen, dass Patientinnen und Patienten zu Hause selbst was für ihre Genesung tun können.

Darauf folgt ein strukturiertes Trainingsprogramm über mehrere Wochen. Erinnerungsfunktionen sollen Nutzerinnen und Nutzer motivieren, dranzubleiben. Trotzdem gilt: Digitale Eigenübungen erfordern Verantwortung – und ersetzen nicht vollständig die individuelle Anleitung durch Fachpersonal. Wie sich digitale Physiotherapie von der klassischen Behandlung unterscheidet, erklärt eine beteiligte Physiotherapeutin:

Sie können sofort mit dem Training starten, die Trainingstage selbst wählen. Das ist natürlich ein Vorteil über einer ganz normalen, klassischen Physiotherapie. Außerdem bieten wir eben 13-Wochen-Therapie an. Klassisches oder in der Regel so ein durchschnittliches physiotherapeutisches Rezept kriegt man eben sechs Einheiten nur verschrieben und dann muss man wieder einen Folgetermin vereinbaren oder braucht ein Folgerezept. Mit uns kann man eben 13 Wochen am Stück direkt trainieren.

Zur Wirksamkeit sagt sie:
Die Wirksamkeit der App ist wissenschaftlich erwiesen. Wir haben eine klinische Studie, also eine randomisierte, kontrollierte Studie. Das ist der höchste Standard, der Goldstandard, den es wissenschaftlich gibt.

Ziel sei es, weitere Programme offiziell anerkennen zu lassen:
Die App arbeitet daran, dass auch die Therapie für den oberen Rücken eine offizielle digitale Gesundheitsanwendung sind. Das bedeutet, jeder Arzt in Deutschland könnte diese Behandlung dann für jeden gesetzlich Versicherten verschreiben. Genau wie ein Rezept für Physiotherapie oder für jedes andere Medikament.

Digitale Therapieprogramme können damit eine sinnvolle Ergänzung im Umgang mit Rückenschmerzen sein – besonders, um Wartezeiten zu überbrücken oder regelmäßige Übungen in den Alltag zu integrieren. Sie ersetzen die persönliche Behandlung jedoch nicht vollständig und eignen sich vor allem für Menschen, die sicher mit angeleiteten Übungen umgehen können. Für viele könnten sie dennoch ein Baustein auf dem Weg zu mehr Beweglichkeit und weniger Schmerzen werden.