Eine neue Dauerausstellung zeigt bislang kaum zugängliche Bereiche – und die wechselvolle Geschichte des Leipziger Wahrzeichens.
Es gehört zu Leipzig wie das Neue Rathaus oder der Augustusplatz: Das Völkerschlachtdenkmal prägt seit mehr als hundert Jahren das Stadtbild. Millionen Menschen haben das 91 Meter hohe Monument besucht, sind durch seine Hallen gegangen oder haben von der Aussichtsplattform über die Stadt geblickt.
Man könnte meinen, die Geschichte des Leipziger Wahrzeichens sei längst erzählt. Doch genau hier setzt eine neue Dauerausstellung an.
Hinter einer Glastür, die für die meisten Besucher lange verschlossen blieb, ist die Ausstellung zur „Ideen- und Nutzungsgeschichte des Denkmals“ nun regulär zugänglich. Der Rundgang führt durch einen bislang wenig bekannten Bereich im Inneren des Sockels und beschäftigt sich nicht nur mit der Entstehung des Bauwerks, sondern auch mit seiner wechselnden politischen Bedeutung.
„Am Denkmal […] erfährt man natürlich sehr wenig über den Bau des Denkmals, über die wechselvolle Karriere und Geschichte des Denkmals im 20. Jahrhundert und wie wir als Stiftung Völkerschlachtdenkmal heutzutage mit dem Denkmal umgehen“, erklärt Kurator Crawford Matthews.
Acht große Leuchtwände gliedern die Ausstellung in vier Bereiche: Idee, Bau, Karriere und Zukunft. Historische Fotografien, frühe Denkmalsentwürfe und Originalobjekte zeichnen nach, wie das Monument entstand und wie sich seine Bedeutung im Laufe der Jahrzehnte veränderte.
Zu den ausgestellten Objekten gehören unter anderem der Apelstein Nummer 42 sowie ein Kranz und eine Schrifttafel, die vermutlich von einem früheren Österreicher-Denkmal in Leipzig-Kleinzschocher stammen. Auch Erde vom ersten Spatenstich für den Denkmalbau im Jahr 1898 ist zu sehen. Matthews beschreibt die Ausstellung als Möglichkeit, auch jene Seiten des Denkmals sichtbar zu machen, die am Bauwerk selbst kaum abzulesen sind.
Das heutige Monument erinnert an die Völkerschlacht von 1813, bei der die Truppen Napoleons gegen eine Koalition aus unter anderem Russland, Preußen, Österreich und Schweden kämpften. Eingeweiht wurde das Denkmal allerdings erst hundert Jahre später – im Jahr 1913.
Damit ist es nicht nur Erinnerungsort für die napoleonischen Kriege, sondern auch ein Zeitzeugnis des späten Kaiserreichs.
Genau an diesem Punkt wird die Ausstellung politisch.
„Denkmäler zu bauen überhaupt ist eine politische Entscheidung“, sagt Matthews. Welche Ereignisse, Personen oder Erzählungen als erinnerungswürdig gelten, sei immer auch eine Frage der jeweiligen Zeit. Geschichte könne durch Denkmäler vermittelt, aber auch benutzt und instrumentalisiert werden.
Das Völkerschlachtdenkmal ist dafür ein Beispiel. Nach seiner Einweihung wurde es mit nationalen und kaisertreuen Vorstellungen verbunden. Gegner der Weimarer Republik nutzten das Monument später als Symbol einer autoritären Gegenbewegung. Während des Nationalsozialismus diente es als Kulisse für politische Inszenierungen.
Auch in der DDR erhielt das Bauwerk eine neue Deutung. Nun rückten unter anderem Völkerverständigung und die gemeinsame Rolle deutscher und russischer Truppen im Kampf gegen Napoleon in den Mittelpunkt. Nach der Wiedervereinigung fanden am Denkmal zudem Aufmärsche der rechtsextremen NPD statt.
Für Anselm Hartinger, Geschäftsführer der Stiftung Völkerschlachtdenkmal, gehört diese Vergangenheit deshalb unmittelbar zum heutigen Umgang mit dem Monument. Das Denkmal sei zwar ein weithin geschätztes Leipziger Wahrzeichen, zugleich sei es aber in verschiedenen politischen Systemen „für durchaus fragwürdige Themen“ in Dienst genommen worden. Die Aufgabe bestehe darin, sich kritisch damit auseinanderzusetzen.
Der neue Rundgang soll deshalb nicht allein zusätzliche Informationen vermitteln. Er stellt auch die Frage, wie eine Gesellschaft mit historischen Monumenten umgeht, deren Bedeutung sich mehrfach verändert hat.
Matthews spricht dabei von historischer Urteilskraft. Besucher sollen nachvollziehen können, wie Geschichte für politische Absichten genutzt oder verzerrt werden kann – nicht nur in vergangenen Jahrzehnten, sondern auch in der Gegenwart.
Für Leipzig eröffnet sich damit hinter der lange verschlossenen Glastür nicht nur ein weiterer Bereich des bekannten Wahrzeichens. Die Ausstellung zeigt vielmehr, dass ein Denkmal zwar über Jahrzehnte am selben Ort stehen kann – seine Bedeutung aber keineswegs unverändert bleibt.
Und so erzählt das Völkerschlachtdenkmal mehr als hundert Jahre nach seiner Einweihung noch immer neue Kapitel.