Di., 15.09.2026 , 17:54 Uhr

Elstermühlgraben offen: Strömung fordert Paddler

Leipzig hat den Elstermühlgraben komplett geöffnet. Bei der Premiere machte starke Strömung Paddlern zu schaffen.

Elstermühlgraben offen: Strömung fordert Paddler

Nach jahrzehntelanger Planung und Bauzeit ist eine der auffälligsten Lücken im Leipziger Gewässersystem geschlossen: Der Elstermühlgraben ist wieder vollständig freigelegt und für den Bootsverkehr geöffnet. Bei der feierlichen Freigabe am Montag zeigte sich allerdings unmittelbar, dass die neue Strecke für Paddler nicht in jede Richtung gleichermaßen einfach zu bewältigen ist. Vor allem gegen die Strömung wurde die erste Fahrt zur Kraftprobe.

Ein verschwundener Wasserlauf kehrt zurück

Der heute wieder sichtbare Abschnitt des Elstermühlgrabens war seit 1961 weitgehend aus dem Stadtbild verschwunden. Wegen der damaligen starken Verschmutzung wurde das Gewässer in diesem Bereich überdeckt und durch eine unterirdische Leitung geführt.

Seit 2005 wurde der rund einen Kilometer lange Abschnitt schrittweise wieder geöffnet. Mit dem letzten Teil zwischen Elsterstraße und Lessingstraße ist die Maßnahme nun abgeschlossen. Nach Angaben des Freistaates gehörten zur Gesamtöffnung mehrere einzelne Bauabschnitte. Für den letzten Abschnitt hatte Sachsen 2024 Fördermittel in Höhe von 5,92 Millionen Euro bewilligt.

Insgesamt wurden nach den zur Eröffnung veröffentlichten Angaben mehr als 43 Millionen Euro investiert. Dazu gehören neben dem eigentlichen Gewässer auch Arbeiten an Brücken und den angrenzenden Flächen.

Für eine Anwohnerin schließt sich damit ein ungewöhnlich langer Kreis. Sie erinnert sich noch daran, wie der Wasserlauf während ihrer Schulzeit verschwand: „Ich habe das miterlebt hier im ersten Schuljahr, wie zugeschüttet worden ist. Das war unser Abenteuerspielplatz hier.“ Dass an derselben Stelle heute wieder Wasser fließt, freut sie.

Mehr als eine Strecke für Paddler

Mit der Öffnung verfolgt die Stadt mehrere Ziele gleichzeitig. Der Elstermühlgraben gehört zum integrierten Leipziger Gewässerkonzept und übernimmt auch wasserwirtschaftliche Funktionen.

Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal erklärt, dass im Hochwasserfall zusätzlich Wasser über den geöffneten Graben abgeleitet werden könne. Damit entstehe eine weitere Möglichkeit, Wassermengen innerhalb des Leipziger Gewässersystems zu verteilen.

Hinzu kommen ökologische und stadtklimatische Aspekte. Ein offener Wasserlauf bietet Lebensraum, der in einem unterirdischen Rohr nicht vorhanden ist. Nach Angaben von Stadt und Freistaat soll das Gewässer außerdem zur Klimaanpassung im dicht bebauten Stadtraum beitragen.

Auch die Gestaltung der Ufer war deshalb Teil der Planung. Katharina Friedrich war mit ihrem Landschaftsarchitekturbüro an den Außenanlagen beteiligt. „Wir waren im Planungssteam für alles, was drumherum ist, also für die Planung des Stegs und dieser Freitreppe und für die Begrünung“, erklärt sie.

Damit ist der neue Abschnitt auch für Menschen gedacht, die nicht ins Boot steigen. Geh- und Radwege sowie die Freitreppe sollen das Wasser unmittelbar zugänglich machen.

Eine Anwohnerin kann sich den neuen Bereich vor allem im Alltag vorstellen: einen Spaziergang am Sommerabend, eine Verabredung am Wasser oder den Weg weiter in Richtung Stadthafen.

Poniatowski-Denkmal kehrt zurück

Parallel zur Offenlegung wurde das Poniatowski-Denkmal restauriert und wieder aufgestellt. Es handelt sich dabei nicht um ein neu geschaffenes Denkmal. Das bestehende Monument war wegen der Bauarbeiten 2021 demontiert worden und ist nun an den Elstermühlgraben zurückgekehrt.

Es erinnert an Józef Poniatowski. Der polnische Fürst und Marschall kam 1813 in Leipzig ums Leben, als sich die napoleonischen Truppen nach der Völkerschlacht zurückzogen. Das Stadtgeschichtliche Museum führt persönliche Gegenstände des bei Leipzig ertrunkenen Poniatowski bis heute als wichtige Zeugnisse der Völkerschlacht.

Auch für einen Anwohner besitzt der Ort deshalb eine zweite Ebene. Vielen Leipzigern sei womöglich gar nicht bewusst, welche Bedeutung das Denkmal besonders für polnische Besucher habe, sagt er.

Starke Strömung wird zum ersten Praxistest

Ausgerechnet bei der Eröffnung zeigte sich jedoch eine Schwierigkeit des neuen Wasserwegs. Flussabwärts kamen die Kanus gut voran. Wer in Gegenrichtung zum Stadthafen paddelte, musste deutlich mehr Kraft aufbringen. Nach Berichten von der Eröffnung hatten selbst erfahrene Kanuten Schwierigkeiten und mussten zum Teil umkehren.

Schon Planerin Katharina Friedrich zeigte sich von der Fließgeschwindigkeit überrascht: „Ich bin auch überrascht, wie stark es fließt.“

Ob sich die Strömung künftig anders regulieren lässt, war nach der Eröffnung zunächst offen. Damit ist das Projekt baulich abgeschlossen, der neue Kurs muss sich aber noch im praktischen Betrieb bewähren. Die grundsätzliche Verbindung ist hergestellt. Wie komfortabel sie für Freizeitpaddler in beide Richtungen funktioniert, dürfte nun eine der entscheidenden Fragen für die tatsächliche Nutzung des neuen Leipziger Wasserwegs sein.