Mo., 29.06.2026 , 20:23 Uhr

Leipzig

Hitze legt Leipzigs Straßenbahnen lahm

Leipzig ohne Straßenbahnen: Was sonst nur bei Großstörungen passiert, ist seit dem Wochenende Realität. Extreme Hitze hat das Schienennetz der LVB beschädigt. Geschmolzenes Bitumen verklebte Räder, Bremsen und Weichen.

In Leipzig steht der Straßenbahnverkehr weitgehend still. Der Grund ist nicht ein Unfall, nicht ein Streik, nicht ein technischer Einzelfehler — sondern die Hitze. Nach Tagen mit extremen Temperaturen ist die Fugenmasse an Gleisen und Weichen weich geworden. Das Bitumen löste sich, klebte an den Rädern der Straßenbahnen, setzte sich in Bremsen fest und lief teilweise in Weichenanlagen.

Für die Leipziger Verkehrsbetriebe war damit klar: Weiterfahren ist zu gefährlich. Der Straßenbahnverkehr wurde aus Sicherheitsgründen eingestellt.

„Die Sicherheit von Fahrgästen und unserer Mannschaft geht vor“, sagt LVB-Geschäftsführer Ulf Middelberg. Die extreme Hitze habe den Betrieb unmöglich gemacht. Besonders kritisch sei gewesen, dass Weichen durch die geschmolzene Fugenmasse nicht mehr zuverlässig gestellt werden konnten. Wenn elektrische Kontakte nicht mehr greifen, drohe im schlimmsten Fall eine Entgleisung.

Bitumen klebt an Rädern und Bremsen

Zwischen den Stahlschienen und dem Asphalt liegen elastische Fugen. Sie sollen Bewegungen des Materials ausgleichen — im Winter bei Kälte, im Sommer bei Hitze. Doch die anhaltend hohen Temperaturen der vergangenen Tage und die starke Sonneneinstrahlung am Samstag brachten dieses Material offenbar an seine Grenze.

Middelberg beschreibt das Problem anschaulich: Wer schon einmal auf einem Dach mit Bitumen gearbeitet habe, wisse, wie stark diese Masse klebe. Genau diese klebrige Masse habe sich nun an Fahrzeugteilen festgesetzt. Betroffen seien laut LVB zahlreiche Straßenbahnen.

Allein über das Wochenende wurden rund 50 Fahrzeuge in Tag- und Nachtschichten so weit gereinigt, dass sie wieder einsatzbereit sein könnten. Gleichzeitig arbeiteten Teams im Netz daran, Weichen und Streckenabschnitte von der zähen Masse zu befreien.

LVB: Ausmaß der Schäden hat überrascht

Hitzeschäden an Infrastruktur sind nicht neu. Doch das Ausmaß in Leipzig hat die Verkehrsbetriebe nach eigenen Angaben überrascht. Middelberg verweist darauf, dass die Schäden nicht überall gleich auftreten. Einige Abschnitte seien stark betroffen, andere kaum. Ein klares Muster gebe es noch nicht.

Die LVB analysieren nun, welche Bauweisen, Materialien und Belastungen besonders anfällig waren. Auch der Verkehr auf einzelnen Gleisen könnte eine Rolle spielen — etwa dort, wo Busse oder andere Fahrzeuge die Schienenbereiche zusätzlich überfahren. Sicher sei das aber noch nicht.

„Wir sind mitten in der Analyse“, so Middelberg. Ziel sei es, das Netz künftig besser auf Temperatur-Extreme vorzubereiten. Denn die Frage steht jetzt deutlich im Raum: Wie hitzefest ist Leipzigs Nahverkehr?

Für Fahrgäste wird der Alltag komplizierter

Für viele Leipzigerinnen und Leipziger bedeutet der Ausfall längere Wege, volle Busse und mehr Unsicherheit. Zwar fahren Busse und S-Bahnen weiter, doch sie können den Straßenbahnverkehr nicht vollständig ersetzen.

Ein Tourist aus Mexiko beschreibt die Lage als „kompliziert“. Er sei mit mehreren Personen in Leipzig unterwegs und habe geplante Ziele wegen der eingeschränkten Verbindungen reduzieren müssen. Auch ein Schüler kritisiert die Situation: Ohne Straßenbahn dauere der Weg deutlich länger, Busse seien voll und kämen verspätet.

Andere zeigen Verständnis. Ein Leipziger Familienvater sagt, manche Dinge könne man bei extremen Wetterlagen nicht vollständig planen. Wenn aus Sicherheitsgründen die Gefahr bestehe, dass Bahnen entgleisen könnten, müsse man den Betrieb im Zweifel ruhen lassen.

Reinigung mit Spachtel, Sandstrahlen und Trockeneis

Die Reparaturarbeiten sind aufwendig. Im Streckennetz sind Teams laut LVB mit Spachteln, schwerem Gerät und verschiedenen Reinigungsverfahren unterwegs. Getestet werde unter anderem Sandstrahlen. Auch Erfahrungen aus anderen Städten wie Nürnberg, wo mit Trockeneis gearbeitet wird, fließen in die Überlegungen ein.

In den Werkstätten müssen Räder, Bremsen und andere Fahrzeugteile von der klebrigen Bitumenmasse befreit werden. Dabei kommen unter anderem Spachtel, Lötlampe und Kriechöl zum Einsatz.

Zunächst konzentrieren sich die LVB auf Streckenabschnitte, die möglichst schnell wieder einen eingeschränkten Betrieb ermöglichen könnten. Geplant ist ein Rumpfnetz, das Menschen aus dem Westen, Osten und Süden wieder Richtung Zentrum bringen soll. Besonders stark betroffene Bereiche rund um den Hauptbahnhof und den nördlichen Innenstadtring könnten dagegen noch länger Probleme bereiten.

Klimatest für Leipzigs Nahverkehr

Der Straßenbahnausfall zeigt, wie verwundbar städtische Infrastruktur bei Extremwetter werden kann. Leipzig ist auf die Tram angewiesen: Sie verbindet Wohnviertel, Innenstadt, Schulen, Kliniken, Arbeitsplätze und Ausflugsziele. Wenn das Schienennetz steht, spüren das nicht nur Pendlerinnen und Pendler — sondern die ganze Stadt.

Für die LVB geht es nun um mehr als akute Reparaturen. Es geht um die Frage, welche Materialien künftig Hitze besser standhalten, welche Strecken besonders gefährdet sind und wie schnell im Ernstfall Ersatzverbindungen organisiert werden können.

Denn eines ist klar: Die nächste Hitzewelle kommt bestimmt. Und dann muss Leipzigs Straßenbahnnetz zeigen, ob es besser vorbereitet ist.