Chemnitz- Einmal kurz die Karte ans Terminal halten, später zahlen oder den Dispo nutzen — digitales Bezahlen macht Geld oft unsichtbar. Gerade junge Menschen geraten dadurch immer schneller ins Minus und verlieren den Überblick über ihre Finanzen. Finanzberater Tobias Preis erlebt täglich, wie steigende Lebenshaltungskosten und Social-Media-Konsumdruck den Dispo für viele zum Alltag machen.
Der schnelle Griff zur Karte, einmal kurz ans Terminal gehalten und schon ist bezahlt. Ob das Konto dabei noch gedeckt ist oder längst ins Minus rutscht, merken viele erst viel zu spät. Besonders junge Menschen verlieren beim digitalen Bezahlen zunehmend den Überblick über ihre Finanzen. Der Dispokredit wird dabei schnell zum unsichtbaren Begleiter im Alltag.
Finanzberater Tobias Preis beobachtet diese Entwicklung seit Jahren. Steigende Lebenshaltungskosten würden bei vielen Menschen zu immer größeren finanziellen Engpässen führen. Der Wocheneinkauf werde teurer, genauso wie Tanken oder Strom. Während die Ausgaben kontinuierlich steigen, entwickeln sich viele Gehälter nicht im gleichen Tempo. Dadurch bleibe am Monatsende oft deutlich weniger übrig als geplant.
Besonders problematisch werde es, wenn der Dispo dauerhaft genutzt wird, um alltägliche Ausgaben zu bezahlen. Viele Banken richten einen Dispositionskredit inzwischen automatisch ein. Mit Karte zahlen funktioniert dadurch weiterhin problemlos - selbst wenn das Konto längst im Minus ist. Genau darin liege die Gefahr: Der Dispo fühle sich oft nicht wie echte Schulden an.
Dabei sei der Dispokredit ursprünglich als kurzfristige Hilfe gedacht, etwa wenn die Miete kurz vor dem Gehalt abgebucht wird. Doch weil das Geld jederzeit verfügbar ist, werde der Dispo schnell zur Gewohnheit. Verstärkt werde das laut Tobias Preis auch durch sozialen Druck in den sozialen Medien. Plattformen wie TikTok oder Instagram erzeugten ständig neue Kaufanreize, sei es durch Trends, Technik, Reisen oder Mode. Begriffe wie „Buy now, pay later“ oder Ratenzahlungen machten Konsum zusätzlich scheinbar unkompliziert. Viele kleine Ausgaben summierten sich dabei unbemerkt zu größeren Problemen.
Besonders betroffen seien junge Erwachsene, Studierende und Auszubildende. Nicht unbedingt, weil sie verschwenderischer seien, sondern weil ihre finanzielle Situation oft ohnehin knapp kalkuliert ist. Verzögerte BAföG-Zahlungen oder lange Bearbeitungszeiten könnten schnell dazu führen, dass Betroffene in finanzielle Schwierigkeiten geraten.
Hinzu kommt: Bargeld verschwindet immer mehr aus dem Alltag. Dadurch fehlt vielen Menschen das direkte Gefühl dafür, wie viel Geld tatsächlich ausgegeben wird. Laut Tobias Preis verdrängen viele das Thema Finanzen bewusst, weil ein genauer Blick aufs Konto oft auch bedeutet, sich mit den eigenen Konsumgewohnheiten auseinanderzusetzen.
Der wichtigste Schritt sei deshalb Transparenz. Feste Kosten und spontane Ausgaben sollten klar voneinander getrennt werden. Denn oft seien es gerade die kleinen Beträge, der Coffee to go, Lieferdienste oder spontane Onlinekäufe, die sich am Ende summieren.
Sein Rat: Nicht erst reagieren, wenn das Konto dauerhaft im Minus ist. Wer merkt, dass der Dispo regelmäßig für Alltagsausgaben genutzt wird, sollte frühzeitig gegensteuern und sich gegebenenfalls beraten lassen. Ein weiterer Kredit löse meist nicht die eigentlichen Probleme, sondern behandle nur die Symptome. Entscheidend sei vielmehr, die eigene Einnahmen- und Ausgabensituation langfristig besser zu ordnen. Denn am Ende könne genau das wichtiger sein als jeder kurzfristige Social-Media-Trend: zu wissen, was wirklich auf dem eigenen Konto passiert.