Fr., 30.01.2026 , 16:48 Uhr

Man wolle die Menschen erreichen und zum Nachdenken anregen – und zwar nicht über den Tod, sondern über das Leben.

Körperwelten in Chemnitz - Konservierte Vergänglichkeit

Chemnitz- Nichts für schwache Nerven – aber für starke Meinungen. Die Körperweltenschau zeigt, was sonst verborgen bleibt. Eine Ausstellung, die polarisiert, fasziniert – und bei manchen sogar die Frage aufwirft: Was passiert eigentlich mit mir, wenn ich nicht mehr bin?

See the Unseen heißt es seit Freitagmorgen in der Chemnitzer Markthalle. Unter dem Titel „Zyklus des Lebens“ zeigen die Macher der Körperwelten-Schau Präparate, die wortwörtlich unter die Haut gehen. Denn im Zentrum der Ausstellung stehen plastinierte Körper und Organe. Dass sich das trotz des offensichtlichen Ablebens der Präparatespender nicht wie ein Friedhofsbesuch anfühlt, sei so gewollt. Man wolle, so Kuratorin Dr. Angelina Whalley, die Menschen erreichen und zum Nachdenken anregen – und zwar nicht über den Tod, sondern über das Leben. Das sei mit Modellen kaum machbar.

Um diesen Prozess zu unterstützen, wurden bewusst jene Posen gewählt, die nun in der Schau zu sehen sind: Ein Präparat in sportlicher Haltung erleichtere es den Besuchern, sich mit den Exponaten – und damit auch mit sich selbst – auseinanderzusetzen. Dinge, die Andreas Knöbel nicht mehr benötigt. Der zukünftige Körperspender hat die Ausstellung schon einige Male gesehen und ist ein bekennender Fan. Dass er seinen Körper selbst spenden möchte, habe auch mit seiner Haltung zum Friedhof zu tun – dieser sei für ihn lediglich eine Müllhalde für tote Körper. Als Präparat bleibe man der Nachwelt erhalten und tue im Zweifel sogar noch etwas Gutes. Und damit im Falle eines unerwarteten Ablebens auch nichts schiefgeht, trägt der Senior die entsprechenden Anweisungen für die Zeit nach dem Tod stets bei sich.

Für die Ausstellungsmacher ist die Darstellung der Plastinate in sportlichen, ja fast lebensbejahenden Posen kein Zufall, sondern Mittel zum Zweck. So fänden die Zuschauer schnell einen Zugang zum Thema – und damit auch zu sich selbst. Und so verwundert es auch nicht, dass sogenannte Körperspender – Menschen, die sich nach dem Tod für das Plastinieren zur Verfügung stellen – oft klare Vorstellungen davon haben, wie das spätere Präparat aussehen soll. Für Ines Sandig wäre eine athletische Pose die Wunschform. Allerdings habe man dabei kein Mitspracherecht, und so könne sie auch mit anderen Darstellungsformen leben. Dabei sein ist alles. Dass dieses Thema inzwischen so offen besprochen werden könne, sei aus Sicht von Kuratorin Whalley der Entwicklung der Ausstellung geschuldet. Anfangs hätten die Macher noch Kontroversen ausgelöst. Nach unzähligen Besuchern könne jedoch kaum noch von reiner Sensationslust gesprochen werden

Ob man die Ausstellung nun als Wissenschaftsschau, Aufklärung oder Grenzerfahrung begreift – sie zwingt zur Auseinandersetzung. Mit dem Körper, mit Vergänglichkeit und mit der Frage, was bleibt. In der Chemnitzer Markthalle liegt damit vieles offen. Und manches davon wirkt noch nach, wenn man längst wieder draußen ist – anatomisch korrekt, gedanklich vielleicht neu sortiert.