Seit zwei Jahren bezieht sie Bürgergeld. Der Tod ihrer Mutter, psychische Erkrankungen und Epilepsie prägen ihren Alltag. Arbeiten möchte sie trotzdem. Als Tätowiererin baut sie sich Schritt für Schritt eine Selbstständigkeit auf. Bis zu 100 Euro im Monat darf sie anrechnungsfrei dazuverdienen, alles darüber wird mit dem Bürgergeld verrechnet. Doch von diesen Einnahmen kann sie noch nicht leben – deshalb bleibt sie auf Unterstützung angewiesen.
Genau hier liegt der Konflikt mit den geplanten Reformen. Ab Sommer 2026 soll das Bürgergeld durch eine neue Grundsicherung ersetzt werden. Vorgesehen sind deutlich härtere Sanktionen: Schon beim ersten Pflichtverstoß drohen Kürzungen von 30 Prozent für drei Monate. Wer eine als „zumutbar“ eingestufte Arbeit ablehnt, muss künftig sogar mit dem vollständigen Wegfall der Leistungen rechnen – in schweren Fällen auch ohne Übernahme der Mietkosten.
Was das konkret bedeutet, zeigt ein Blick auf Luises Alltag. Ihr stehen monatlich rund 987 Euro zur Verfügung. Nach Abzug der Miete bleiben etwa 467 Euro für Essen, Strom, Medikamente, Handy und das Deutschlandticket. Am Monatsende bleiben ihr oft weniger als zehn Euro. Eine 30-prozentige Kürzung würde sie ins Minus rutschen lassen.
Um Geld zu sparen, lebt Luise überwiegend von günstigen Grundnahrungsmitteln wie Reis oder Nudeln. Die einseitige Ernährung belastet ihre Gesundheit, erhöht das Risiko für epileptische Anfälle. Rücklagen gibt es kaum. Zwar wäre sie grundsätzlich bereit, einen Nebenjob anzunehmen – doch höhere Einnahmen könnten den Ausschluss aus dem Bürgergeld bedeuten. Fällt sie gesundheitlich wieder aus, beginnt der gesamte Antragsprozess von vorn. Wochen oder Monate ohne Geld sind ihre größte Sorge.
Befürworter der Reform argumentieren mit mehr Konsequenz. Kritiker hingegen verweisen darauf, dass sogenannte Totalverweigerer nur etwa 0,4 Prozent der Bürgergeldbeziehenden ausmachen. Zudem rechnet das Arbeitsministerium laut Recherchen mit Einsparungen von lediglich 0,2 Prozent der gesamten Ausgaben – rund 80 Millionen Euro.
Luises Fall zeigt, wie komplex das System bereits heute ist. Mit der neuen Grundsicherung könnte der Druck auf Betroffene weiter steigen – obwohl das Bürgergeld für viele die Grundlage ist, um überhaupt einen Neustart planen zu können.