Di., 01.09.2026 , 18:45 Uhr

Antikriegstag in Leipzig

Leipzig erinnert an Krieg und diskutiert Aufrüstung

Leipzig erinnert an die Folgen von Krieg. Zugleich wird über Aufrüstung und eine mögliche Rüstungsproduktion diskutiert.

Frieden wollen und gleichzeitig aufrüsten: Genau dieses Spannungsfeld wird am Antikriegstag in Leipzig besonders sichtbar. 87 Jahre nach dem deutschen Überfall auf Polen wird in der Stadt an Krieg, seine Opfer und die historische Verantwortung Deutschlands erinnert. Gleichzeitig geht es politisch wieder sehr konkret um Abschreckung, Verteidigungsfähigkeit und eine wachsende Rüstungsindustrie.

Drei Orte, drei Perspektiven auf Krieg und Frieden

In Leipzig wird das Thema an diesem 1. September aus verschiedenen Richtungen betrachtet. Um 16 Uhr steht auf dem Ostfriedhof zunächst das offizielle Gedenken und damit die historische Verantwortung im Mittelpunkt. Eine Stunde später wird am Willy-Brandt-Platz stärker die aktuelle politische Frage nach Krieg und Frieden aufgegriffen.

Am Abend folgt am Völkerschlachtdenkmal eine dritte Perspektive. Um 18 Uhr eröffnet dort die künstlerische Intervention „Gemischte Gefühle in kriegerischen Zeiten“ des Leipziger Kollektivs krudebude. Das Projekt ist bewusst zwischen dem Antikriegstag am 1. September und dem Weltfriedenstag am 21. September angesiedelt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Menschen Krieg, Krisen und die sogenannte Zeitenwende persönlich erleben.

Ann-Kathrin Lipke von krudebude beschreibt den Ausgangspunkt so: „Krieg ist kein Thema der Vergangenheit, sondern es ist super gegenwärtig. Deswegen setzen wir uns damit auseinander.“

Das Kollektiv wolle nicht nur politische Positionen abbilden, sondern auch Raum für unterschiedliche persönliche Perspektiven schaffen. „Wir haben uns gefragt: Was macht das eigentlich mit uns persönlich?“, sagt Lipke.

Warum ausgerechnet das Völkerschlachtdenkmal?

Der Veranstaltungsort ist Teil der Aussage. Das 91 Meter hohe Völkerschlachtdenkmal wurde 1913 eingeweiht und erinnert an die Völkerschlacht bei Leipzig im Jahr 1813.

Für Felix Bielefeld von krudebude macht gerade diese Geschichte den Ort interessant. Das Denkmal sei selbst „sehr ambivalent“. Es sei als Kriegsdenkmal entstanden und könne möglicherweise zugleich als Friedensmahnmal gelesen werden.

„Genau dazwischen positionieren wir uns ja auch zwischen Antikriegstag und Weltfriedenstag“, erklärt Bielefeld. Das Kollektiv wolle bewusst keine einfache Antwort auf die aktuelle Debatte geben. Nicht alle Menschen blickten gleich auf Krieg, sagt er. Ebenso unterschiedlich seien die Gefühle, die Aufrüstung, Konflikte und Unsicherheit auslösten.

Rüstungsdebatte bekommt konkreten Leipzig-Bezug

Dass diese Fragen ausgerechnet jetzt gestellt werden, bekommt durch aktuelle Nachrichten zusätzliche Bedeutung. Nach Recherchen von MDR AKTUELL plant das US-Rüstungsstartup Covenant eine Produktionsstätte für Marschflugkörper in oder in der Nähe von Leipzig. Ein konkreter Standort, Zeitplan und Produktionsumfang sind bisher nicht bekannt. Auch die Stadt Leipzig äußerte sich dem Bericht zufolge zunächst nicht näher.

Covenant selbst kündigte an, sich erst später ausführlicher zu dem Vorhaben äußern zu wollen. Zugleich teilte eine vom Unternehmen beauftragte Agentur dem MDR mit, dass nicht alle bisher veröffentlichten Angaben korrekt seien. Eine mögliche Lage nahe dem Flughafen Leipzig/Halle wird diskutiert, ist bislang aber nicht bestätigt.

Damit wird die bundesweite Diskussion über Verteidigung und Rüstungsindustrie für Leipzig plötzlich sehr konkret.

Erinnerung und Gegenwart nicht gleichsetzen

Eine direkte Gleichsetzung zwischen dem nationalsozialistischen Angriffskrieg von 1939 und der heutigen deutschen Sicherheits- und Verteidigungspolitik wäre historisch falsch. Die politischen Voraussetzungen und Ziele sind grundlegend andere.

Dennoch stellt sich am Antikriegstag die Frage, welche Konsequenzen aus der Erinnerung an Krieg gezogen werden. Befürworter einer stärkeren militärischen Verteidigungsfähigkeit sehen Abschreckung als Voraussetzung dafür, Frieden zu sichern. Kritiker warnen dagegen davor, dass immer mehr Rüstung neue Eskalationsrisiken schaffen könne.

Für krudebude ist gerade dieser offene Konflikt Ausgangspunkt der Intervention. Bielefeld sagt über die gegenwärtige Diskussion: „Es geht uns alle was an.“ Entscheidend sei nicht nur, welche Argumente öffentlich für Aufrüstung vorgebracht würden, sondern auch die Frage: „Was macht das mit uns?“

Eine eindeutige Antwort liefert der Antikriegstag darauf nicht. In Leipzig zeigt sich aber an diesem 1. September besonders deutlich, wie nah Erinnerung an vergangenen Krieg und die Diskussion über militärische Sicherheit der Gegenwart inzwischen beieinanderliegen.