Dienstagvormittag in der Leipziger Innenstadt. Blumen, Kerzen, noch immer abgesperrte Wege. Der Wochenmarkt findet wieder statt, doch Normalität will sich kaum einstellen. Zu tief stecken die Ereignisse des Vortages.
Am Montag gegen 16:45 Uhr war nach Angaben der Polizei ein Auto durch die Grimmaische Straße gefahren. Mitten durch die belebte Leipziger Innenstadt. Zwei Menschen wurden getötet: eine 63-jährige Frau und ein 77-jähriger Mann. Sechs weitere Personen wurden laut Polizei verletzt, darunter zwei schwer. Mehr als 80 Menschen mussten wegen der Eindrücke des Erlebten betreut werden.
Der mutmaßliche Täter ist nach Angaben der Ermittler 33 Jahre alt, deutscher Staatsbürger und im Leipziger Großraum wohnhaft. Er sei kurz nach der Tat gestellt worden. Die Staatsanwaltschaft Leipzig ermittelt wegen des Tatvorwurfs des zweifachen Mordes und mehrfachen Mordversuchs. Hinweise auf ein politisches oder religiöses Motiv gebe es nach aktuellem Stand nicht.
Besonders betroffen ist die Universität Leipzig. Der Tatort liegt direkt am Campus, nur wenige Meter von Seminarräumen, Hörsälen und dem Paulinum entfernt. Nach Angaben der Universität waren auch Studierende unter den Ersthelfern.
Am Dienstagmittag fand in der Universitätskirche St. Pauli eine Gedenkveranstaltung statt. Rund 1.000 Menschen kamen nach Angaben der Universität zusammen. Rektorin Prof. Dr. Obergfell beschreibt die Stimmung als tief erschüttert.
„Wir alle, ob Student, Studentin, Mitarbeitende, Professoren, Professoren, wir sind alle geschockt. Wir sind total verstört“, sagte Obergfell.
Die Universität organisierte neben Krisenintervention auch seelsorgerische Unterstützung. Denn betroffen seien nicht nur die körperlich Verletzten. Auch Ersthelfer, Augenzeugen und Passanten müssten das Erlebte verarbeiten.
„Wir sind mit unseren Gedanken bei den Opfern, wir sind mit unseren Gedanken auch bei den Angehörigen und bei denjenigen, die vielleicht nicht körperlich als Opfer jetzt zu betrachten sind, die aber, weil sie als Ersthelfer, als Passanten, als Menschen dies miterlebt haben, jetzt auch Leid erfahren haben“, so die Rektorin.
Auch Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter zeigte sich am Tag danach tief bewegt. Der Leipziger SPD-Politiker war bei der Gedenkandacht im Paulinum. Die Tat trifft ihn auch persönlich: Ein Freund sei während der Amokfahrt in der Innenstadt gewesen.
„Ein Freund von mir, der ist mit dem Fahrrad gerade da vorne von San Remo Richtung Thomas-Kirchhof gefahren und stand hinter dem Poller. Wenn der durchgekommen wäre, ist es nicht auszudenken“, sagte Panter.
Zugleich betonte er die spontane Hilfe vieler Menschen vor Ort. Studierende, Passanten und Menschen aus der Universitätsgemeinschaft hätten unmittelbar reagiert.
„Dass die Universitätsgemeinschaft, die Studierenden, die Menschen, die in der Nähe waren, einfach sofort losgegangen sind, geholfen haben. Ich glaube, dass das ein ganz, ganz wichtiges Zeichen ist“, so Panter.
Neben Trauer und Anteilnahme steht am Tag danach auch die Frage nach der Sicherheit im Raum. Nach Angaben der Stadt soll das Auto vom Augustusplatz aus in die Grimmaische Straße gelangt sein. Dort gibt es keine Polleranlage. Am westlichen Ende der Fußgängerzone wurde das Fahrzeug laut Stadt durch Poller gestoppt.
Oberbürgermeister Burkhard Jung kündigte an, den Zufahrtsschutz der Innenstadt erneut prüfen zu lassen. Dabei gehe es nicht nur um Großveranstaltungen, sondern auch um den Alltag in der Innenstadt.
„Wir werden uns jetzt nochmal sehr, sehr genau den gesamten Zufahrtsschutz für die Innenstadt anschauen“, sagte Jung. Man habe Sicherheitskonzepte für Veranstaltungen und gut abgestimmte Rettungskonzepte. Dennoch müsse die Frage gestellt werden: „Können wir es noch besser machen?“
Als erste Maßnahme ließ Jung nach eigenen Angaben die Grimmaische Straße in Richtung Augustusplatz vorübergehend absperren. Gleichzeitig warnte der Oberbürgermeister vor einfachen Antworten.
„Wir wissen auch, dass es keine letzte Sicherheit gibt, das gehört auch dazu. Wir wollen nicht unsere Innenstädte als Festungen ausbauen“, sagte Jung.
Auch auf den Straßen der Innenstadt wurde am Dienstag über Sicherheit gesprochen. Viele Menschen wünschen sich mehr Schutz. Andere zweifeln daran, ob sich eine solche Tat überhaupt vollständig verhindern lasse.
Andreas Kötzschke aus Leipzig kam am Tag danach in die Innenstadt, weil ihn die Tat nicht losgelassen habe. „Als Leipziger hat mich der gestrige Tag erst sehr erschüttert, weil hier auch eine Tragödie passiert ist, die man eigentlich hofft, dass die nie passiert“, sagte er.
René Zetsche aus Leipzig sieht dagegen eine klare Lücke am Augustusplatz. „Das ist die einzige Zufahrt, die keine Poller hat“, sagte er. Er wünscht sich dort künftig ebenfalls versenkbare Sperren.
Auch Felix, 20 Jahre alt und Student in Leipzig, ist betroffen. Ein Freund von ihm sei der Tat nur knapp entgangen. „Ein guter Freund von mir, ein Orgelstudent, der ist beiseite gesprungen, war fünf Meter entfernt von dem Auto“, sagte Felix. Trotzdem wolle er weiter in Leipzig bleiben und täglich in die Innenstadt gehen.
Am Abend richtete sich der Blick auf die Nikolaikirche. Dort fand eine ökumenische Gedenkandacht statt. Zuvor legten Ministerpräsident Michael Kretschmer und Oberbürgermeister Burkhard Jung Blumen am Augustusplatz nieder.
Die Ermittlungen dauern weiter an. Polizei und Staatsanwaltschaft werten nach eigenen Angaben Foto- und Videoaufnahmen aus. Zeugen, die sich zur Tatzeit in der Innenstadt aufgehalten haben, werden weiterhin gebeten, sich bei der Polizei zu melden.
Leipzig trauert. Die Stadt sucht nach Antworten. Und sie steht vor einer schwierigen Aufgabe: aufklären, zusammenhalten und die Innenstadt besser schützen, ohne ihre Offenheit zu verlieren.